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Fahrten
auf der Livländischen Aa
Am 30.Juli 1994 nahmen Dieter
Fahle und ich am Riga Marathon teil. Der Start erfolgte um 16 Uhr an der 41
Meter hohen Statue auf dem "Boulevard der Freiheit".
Die Temperatur beim Start
betrug 33° Celsius im Schatten. Es soll die höchste jemals in Riga gemessene
Lufttemperatur gewesen sein.
Die Livländische Aa ist nach
der Düna der zweitgrößte Fluss Lettlands. Beide Flüsse sind alte Handelswege.
Die Düna, "Unterer Weg" genannt und Teil der Bernsteinstraße, wählten vor allem
die Gotländer, um über die Beresina und den Dnjepr mit seinen drei
Stromschnellen - Galandri (der Gellende), Eusrpie (der Verschlinger) und Strukum
(der Rennende) an das Schwarze Meer und weiter nach Byzanz - sie nannten die
Stadt Miklagard -, zu fahren.
Die Livländische Aa stellte die Verbindung zu
Nowgorod -oder nordisch Holmgard- und Pleskau über Dorpat her. Dieser Weg, der
obere genannt, wurde, wie es heißt, vor allem von den schwedischen Warägern
benutzt.
Viele Letten sprachen erstaunlich gut
englisch. Von einem Zusammengehen mit den Letten könnten die Deutschen
profitieren. Auch scheinen die Letten bereitzusein, sich wieder stärker
Deutschland zuzuwenden. Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes verließen 1939 fast
alle deutschen Balten Lettland - etwa 64.000 an der Zahl. Viele von ihnen wurden
im Warthegau angesiedelt. Damals rief Ministerpräsident Karlis Ulmanis den die
Heimat verlassenden zu: "Auf Nimmer Wiedersehen".
Im Wettkampfbüro am Ziel
sprach niemand ausreichend deutsch oder englisch. So konnte ich nicht erfahren,
ob ich mich platziert hatte und ob ich an der Siegerehrung teilnehmen sollte.
Deshalb fuhren wir alsbald nach dem Zieleinlauf weiter nach Wolmar an der
Livländischen Aa, einer ehemaligen Handelsstadt. Auch hat die baltische
Herrnhuterbewegung hier ihren Ausgang genommen. Bedauerlicherweise sind von der
Ordensburg in Wolmar - wie von den
meisten der 600 Burgen Livlands -, nur noch Ruinenreste erhalten.
Nachdem wir uns ausreichend
verproviantiert und Wulfs Brille gefunden hatten, die im Wald vor Wolmar,
unserem Nachtquartier, verlorengegangen war, brachten wir unsere vier Boote zu
Wasser. Leider ist die Livländische Aa, die Letten nennen sie Gauja, recht
schmutzig, weil es an Kläranlagen fehlt. Trotzdem ist die Natur gesund. Die
große Zahl unterschiedlicher Pflanzen müsste einen deutschen Botaniker
entzücken.
Gleich hinter Wolmar beginnt
der 100 Kilometer lange Gauja-Nationalpark, dessen Zentrum zwischen Wenden und
Siegwald gelegen, auch Livländische Schweiz genannt wird. Wohl einmalig in
Europa sind die mal gelben und mal roten und gelbroten Sandsteinsteilhänge an
beiden Ufern der Aa.
Am zweiten Tag kamen wir nach Wenden, einst eine wichtige
Etappe an der Handelsstraße von Riga nach Dorpat. Jedoch war es schon zu spät,
um die Ordensburg aus dem Jahre 1209, die mächtigste in ganz Livland, zu
besichtigen. Das Gefängnis im Turm der Burg, dem "Langen Hermann", galt als das
sicherste und finsterste des livonischen Ordens.
Am 22. Juni 1919 verteidigten
sich in Wenden 8000 Letten erfolgreich gegen 9000 Angehörige der Baltischen
Landwehr und eins deutschen Freicorps, der legendären "Eisernen Brigade". Ziel des
zunächst von der Entente unterstützten deutschen Vorstoßes war St. Petersburg.
Im November 1919 mussten sich die Deutschen aus dem Baltikum zurückziehen,
nachdem die britische Flotte, die in der Rigaer Bucht lag, in die Kämpfe
eingriff. Der deutsche Vorstoß hätte die Wende im russischen Bürgerkrieg und
damit eine völlig neue weltpolitische Konstellation zur Folge haben können. Wie
erneut 1939 nahmen die Briten bereits 1919 jedoch lieber den Untergang des alten
Europa und damit den Untergang des Empire in Kauf als die Konkurrenz des nun
einmal stärkeren Deutschen Reiches zu akzeptieren. Im Gegensatz zu Deutschland
war die arrogante britische Oberschicht nie zu einem fairen Miteinander von
Reich und Empire bereit.
Der Sage nach
forderte ein Mädchen namens Tirza ihre Schwester Gauja einst auf, mit ihr um die
Wette zum Meer zu laufen. Tirza lief heimlich schon vor Sonnenaufgang los, um
den Lauf zu gewinnen. Sie kam aber in der Dunkelheit vom Wege ab. Als Gauja sie
schließlich fand, liefen die Schwestern voller Freude sich drehend und hüpfend zum
Meer. So entstand der gewundene Flußlauf.
Gauja ist auch heute noch ein
beliebter Mädchenname.
Am vierten Tag erreichten wir
Siegwald. Schon von weitem leuchtete aus dem Grün der Wälder das Rot der Burg
Treiden des Bischofs von Riga. Die Livländer nennen die Burg "Turaida". Dies
soll soviel wie "Garten der Götter" bedeuten. Die Backsteinburg wurde auf den
Resten einer als uneinnehmbar geltenden Holzburg der Liven gebaut. Deren
Häuptling namens Kaupo trat zum Christentum über, pilgerte angeblich nach Rom
und trat in die Dienste des Bischofs von Riga. Seine Mannen fanden sich nicht
mit dem Verrat ihres Führers ab und jagten Kaupo aus der Burg. Kaupo rächte
sich, indem er den geheimen Zugang zur Livenburg verriet.
Neben der Burg
befindet sich eine gewaltige Linde und darunter das Grab der "Maija", genannt
"Rose von Turaida": Im Jahre 1601 vertrieben die Schweden die polnischen
Verteidiger der Burg. Auf dem Schlachtfeld wird zwischen Toten und Verwundeten
ein kleines Mädchen gefunden. Weil die Schlacht im Mai stattfand, erhält das
Findelkind den Namen Maija. Wegen ihrer Schönheit wird sie, erwachsen geworden,
"Rose von Turaida" genannt. Sie verlobt sich mit Viktor, dem Gärtner der
Bischofsburg, mit dem sie sich seitdedm öfters in der Gutmannshöhle trifft. Ein
zu den Schweden übergelaufener Pole namens Jakubowski lockt sie vermittels eines
gefälschten Briefes in die Höhle. Die kompromittierte Maija wählt den Tod und
erzählt Jakubowski, ihr Halstuch mache unverwundbar, auch gegen Säbelhiebe.
Jakubowski möge dies an ihr ausprobieren. Ließe er sie in Frieden, bekäme er das
Tuch. Der Offizier schlägt zu und enthauptet Maija. Viktor pflanzt an ihrem Grab
eine Linde, die nämliche, die heute nach 400 Jahren noch blüht.
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