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Fahrten auf der Ardèche
Am 9. Juni 2001, unsere Vorfahren nannten diesen Monat
treffend "Pranget", weil zu dieser Zeit der Sommer beginnt und Wald und Wiesen
prangen, fuhren Hans, Siegfried und Hermann an die rund 1000 km von Bad
Schwalbach entfernte Ardèche.
Hans ist Hesse, Hermann Berliner und Siegfried
Holsteiner.
Bald war Belfort erreicht. Die gewaltige Zitadelle
riegelt die „Burgundische Pforte" ab. Die Burgunder, ein zu den Sueben oder
Schwaben gehörender Stamm, gründeten im Jahre 437 nach Christo ein vom Sundgau
bis bald zum Mittelmeer sich ausdehnendes Reich, auch Germania Tertia genannt,
das im Jahre 1034 von Kaiser Konrad II. mit dem Deutschen Reich vereinigt wurde,
so dass für lange Zeit Rhône und Saône zur Grenze zwischen Frankreich und
Deutschland wurden.
Der elf Meter hohe Löwe am Fuße der Festung wurde
zum Gedenken an die 103 Tage währende Verteidigung Belforts im Krieg von 1870 /
71 errichtet. Den Franzosen wurde in Anerkennung ihrer Tapferkeit freier Abzug
mit allen militärischen Ehren gewährt. Gleiches hätten die Franzosen im
umgekehrten Fall kaum getan: Die Schweizer, die 1789 die im Übrigen leere
Bastille verteidigten und denen bei Kapitulation freier Abzug versprochen wurde,
hat man am 14. Juli sämtlich massakriert und feiert diese Missetat noch heute!
Deutschland beanspruchte im Friedensvertrag von Versailles nur diejenigen
Gebiete, in denen noch überwiegend deutsch gesprochen wurde. Deshalb gab
Bismarck großmütig das Fort an Frankreich zurück. Ohne diesen Großmut hätte der
I. Weltkrieg einen anderen Verlauf genommen! Nachzutragen bleibt, dass die
Deutschen die schier uneinnehmbare Festung mit dem Schlachtruf „haut ihm“
stürmten.
Sodann wurde Montbéliard passiert, das ehemals württembergische
Mömpelgard, das 1801 an Frankreich fiel, während die Freigrafschaft Hochburgund,
die jetzige Franche Comté., bereits 1678 zur Beute des nimmersatten Frankreichs
wurde.
In einer dreitägigen Schlacht (vom 15.-17.1. 1871) verteidigten
Landsturmmänner aus Gumbinnen das Schloß von Mömpelgard-Stützpunkt des linken
Flügels der Werderschen Armee. In einem Telegramm an General von Werder
bezeichnete König Wilhelm I. wohl zu Recht diese Schlacht als „eine der größten
Waffenthaten aller Zeiten".
Insgesamt standen in dieser Schlacht zwischen Dijon
und Mömpelgard 45.000 Deutsche mit 181 Geschützen 150.000 Franzosen mit 382
Geschützen gegenüber.
Bis 1806, dem Ende des I. Reiches, wies das Wappen
Württembergs neben der Reichssturmfahne die Barben Mömpelgards aus.
Am Abend erreichten die Drei bei Vallon die 119 km
lange Ardèche, den Ausgangspunkt der von Elmar hervorragend geplanten Bootsfahrt
. Am nächsten Morgen traf die restliche Gruppe ein. Zusammen mit Bernd nebst
Frau Traudl und Sohn Gregor, Jochen und Sohn Max, Ben, Peter, Willibald und
Elmar.
Bernd stammt aus Siebenbürgen, Traudl ebenso wie Willibald aus Bayern,
Ben aus Algerien, Elmar, Jochen und Peter sind Hessen. Sie waren die Nacht
durchgefahren und stiegen sogleich in die Boote.
Übrigens ist das Wort „Ardèche"
keltischen Ursprungs und soll „Rauchendes Wasser" bedeuten.
Kurz nachdem die Boote zu Wasser gelassen worden
waren, kam die erste Stromschnelle; nach Karl dem Großen „Le Charlemagne"
benannt. Hier kenterten Peter und Willibald.
Sodann erreichten die sechs Boote den „Pont d'Arc",
die „Bogenbrücke“. Das Felsentor ist 66 m hoch. Diese natürliche Brücke war
einst ein wichtiger Flussübergang und soll zuweilen auch als „Sprungbrett" für
die Besiegten gedient haben. Erst unter Ludwig XIII. wurde das einstige
Brückengeländer zerstört. Der Sage nach hielt ein alter Schlossherr seine junge
Gemahlin hier „unter Verschluss". Ein frommer Pilger erlangte die Gunst der
Schönen und brannte mit ihr auf der Ardèche durch. Der betrogene Gastgeber bat
die Götter um Beistand. die dem Hahnrei einen Durchlass in Gestalt des Pont
d'Arc schufen. Dank dieser Abkürzung holte der Alte das Liebespaar ein. Der
Entführer wurde in einen behaarten Teufel verwandelt und verschwand in einer
Schwefelwolke.
Die zweite Stromschnelle nach Vallon trägt den Namen
„Die drei Wasser" - Les Trois Eaux. Sie verhalf u. a. Peter und Willibald erneut
zu einem kühlenden Bad.
Bald tauchte der "Schwarze Zahn" aus den Wellen der
Ardèche auf: La Dent Noir.
Um diesen tückischen Felsen faltete sich einige
Jahre zuvor das aus gutem Grund so genannte Faltboot Hermanns und ging dann für
immer unter.
Auch diesmal sorgte der „Steile Zahn" für
Abwechselung, so dass der Fluss an dieser Stelle der Bucht von Scapa Flow nach
dem Angriff von U 47 glich. Auch das Boot von Hermann und Siegfried wurde zum
U-Boot, in dem sich bald als drittes Besatzungsmitglied ein Fisch tummelte.
Aus gutem Grund wurde kurz nach dem Schwarzen Zahn
unterhalb des Schlosses Gaud eine Rettungsstation eingerichtet! Die meisten
Toten, nämlich über 50, soll es übrigens durch das Hochwasser von 22. September
1890 gegeben haben. Unter anderem soll an jenem Tage ein Mann mit Ross und Wagen
und einem Säugling in der Wiege flussabwärts getrieben sein.
Die Nacht verbrachten wir auf dem Rastplatz
unterhalb des Schlosses.
Die erste Stromschnelle nach dieser Rast trägt den
Namen „Las Figueras", der Feigenhain. Hier stößt die Ardèche gegen einen
„Drachenhelm" (Casque de Dragon) genannten Felsen. Es folgten die gefährlichen
Strudel von Gournier. Hier, an den „Toupines de Gournier", erreicht das Wasser
eine Tiefe von über 16 m. Nach Gournier ähneln die Felsen auf Steuerbord in Reih
und Glied aufgestellten Elefanten und anderem Getier.
Nach 30 km, kurz vor dem Mündung der Ardèche in die
Rhône, endete die erste Etappe der Flussfahrt bei Sauze.
1964 verbrachten Renate und ich unseren Sommerurlaub
im korsischen Porto. Als wir eines Abends am Strand ein Feuer machten, landeten,
vom Feuer angezogen, zwei Deutsche in Faltboot-Einern. Sie erzählten alsbald
eine merkwürdige Geschichte:
Im Jahr zuvor waren sie an der sardischen Küste
entlanggepaddelt. Gegen Abend entdeckten sie am Strand in einer einsamen Bucht
Reste von offenbar antiken Amphoren, In der Mitte der Bucht befand sich ein
Felsen. Sie überlegten, dass bei Sturm oder Nebel ein Schiff gegen diesen Felsen
gestoßen und dort untergegangen sein könnte. Sie fuhren dorthin und entdeckten
tatsächlich in einigen Metern Tiefe die Umrisse eines Bootes. Sie markierten die
Stelle mittels einer Feldflasche als Boje und tauchten am nächsten Tag zu dem
Wrack. Es gelang ihnen, zwei Amphoren vom Sand zu befreien und nach Deutschland
zu schmuggeln. Fischer erzahlten ihnen später, dass zuweilen die Strömung
wechsele und dann Wracks, die seit hunderten von Jahren vom Sande bedeckt waren,
sichtbar werden würden. Wir verabredeten, im kommenden Jahr gemeinsam die
Ardèche und die Rhône zu befahren, was wir auch taten. Anstelle des zweiten
Mannes fuhr die Frau des einen mit. Sie war Nudistin, was Renate missfiel, so
dass wir uns nach einigen Tagen auf der Rhône aus den Augen verloren. Dies
bedauerte ich. Werner Leben, so hieß der Faltbootfahrer war im Krieg Jagdflieger
und konnte herrliche Geschichten aus dieser Zeit erzählen.
Zwanzig Jahre später, im Jahre 1985, befuhr ich zum
zweiten Male die Ardèche, und zwar mit Wulf und lngo.
Der einst einsame
Fluss war zu einem "Rummelplatz" verkommen war; jedenfalls um Vallon herum. Zum
Glück wurde es hinter VaIlon rasch einsam, sodass Ingo und Wulf mit der Harpune
jagen konnten. Allerdings gehört der einstige Fischreichtum wohl für immer der
Vergangenheit an. Später erfuhren wir, dass die Ardèche zum Nationalpark erklärt
worden und der Fischfang - bei hoher Strafe - verboten sei.
Wulf hatte die Fahrt auf der Ardèche so sehr
genossen, dass er mich 15 Jahre später, im Jahre 2000, überredete, noch einmal
diesen leider weit entfernten Fluss zu befahren. In der irrigen Annahme, dass
der l. Mai nur in Deutschland als "Tag der Arbeit" zum Feiertag erklärt worden
sei, wählten wir diesen Tag, um unsere Flussfahrt zu beginnen. Tausende von
Franzosen hatten, so schien es, den gleichen Entschluss gefasst, so dass das
einst stille Tal nicht wiederzuerkennen war. An vielen Stellen hatten sich
jetzt Bootsverleiher und "Kneipiers" etabliert, so dass es uns schwerfiel,
einen freien Platz zu finden, um unseren "Meerhengst" aufzubauen. Gleichwohl
fanden wir am ersten Abend einen ruhigen Platz, um am Feuer zu lagern. Am
nächsten Tag wurde uns klar, dass wir mit unserem Faltboot nicht mehr zeitgemäß
waren. Um uns herum waren nur Glasfiberkanus.
Am Nachmittag erreichten wir den "Schwarzen Zahn",
den ,,Dent Noir", einen Felsblock, der die Fahrrinne so verengt, dass zwei Boote
tunlichst nicht zugleich durch die Enge fahren sollten, vor allem, wenn eines
der Boote keine Stechpaddel hat wie wir. Weil ein Kanu uns den Weg versperrte,
versuchten wir, seitlich an ihm vorbeizufahren, wurden von der Strömung jedoch
gegen den ,.,Zahn" gedrückt, so dass das Gerippe des ,,Meerhengstes" zerbrach
und die Haut sich um den ,,Zahn" wandt. Das Wasser reichte uns nur bis zum
Oberkörper, so dass wir - im Wasser stehend -, es nach 10 oder 20 Minuten
schafften, den Rest des Bootes flott zu machen. Wir brauchten dazu deswegen so
lange, weil die Haut mit gewaltigem Wasserdruck gegen den Felsen gedrückt wurde.
Wir standen mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung. Immer wieder fuhren Boote an
uns vorbei. Hätten sie uns gerammt, hätten sie uns sehr schwer verletzen können.
Inzwischen hatten mehrere Kanuten Teile unseres .Meerhengstes“ aus dem Wasser
gefischt und auf der Kiesbank deponiert, die sich glücklicherweise gegenüber dem
,,Zahn" hinzog. Zumeist wird die Ardèche auf beiden Seiten von Felsen begrenzt;
wäre unser Boot an einer solchen Stelle havariert, dann hätten wir wohl
schwimmen müssen. So aber gelang es uns, auf der Kiesbank die Reste des Bootes
mit Hilfe von Treibholz so zusammenzuflicken, dass wir wieder "in See stechen"
konnten - allerdings nur als "U-Boot". Das Boot nämlich sank in Ermangelung
stabilisierender Spanten etc mit seinem Mittelteil unter die Wasserlinie und
schwamm nur so lange über Wasser wie ausreichend Luft in Heck und Bug war, das
heißt, knapp 10 Minuten. Wir schafften es jedenfalls, bis zur nächsten
Rettungsstation, die dort - in der Nähe des "Schwarzen Zahns" -, wohl nicht ohne
Grund, eingerichtet worden war.
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