Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrt in der Carmargue

Mit Wolfgang Lohmann und einem weiteren Verbindungsbruder vom Wingolf verabredeten wir, uns nach bestandenem Juraexamen Wolfgangs in der Camargue zu treffen. Wir hatten lediglich einen Diercke -Schulatlas im Maßstab 1:2 Millionen zur Hand, so dass unser Treffpunkt nur näherungsweise ausgemacht werden konnte. Klar war nur, dass sie mit ihrem Boot von Arles aus die Kleine und nicht die Große Rhône befahren sollten.

Wegen des ewig wehenden Mistrals hatte ich um unser Zelt einen hohen Sandwall gebaut - nach Westen offen; von dort sollten Wolfgang und Walter kommen. Sie beschlossen jedoch, Segel zu setzen und die Große Rhône abwärts zu fahren, so dass sie von Osten statt von Westen kamen. Nur weil sie beim Kreuzen einen Flügel des Brandenburger Adlers über den Sandwall ragen sahen, hatten sie uns entdeckt. Die Freude des Wiedersehens war auch deswegen groß, weil ich aus Sicherheitsgründen Wolfgang die Hälfte unserer Reisekasse gegeben hatte. Renate und ich hatten seit Tagen nur von Pfirsichen und Rotwein gelebt und waren froh nach dem glücklichen Zusammentreffen wieder etwas anderes als halbverfaulte Pfirsiche essen zu können.

Alsbald nach der Wiedersehensfeier machten wir uns auf, um den Golf von Fos zu überqueren. Die Strömung der Rhône zusammen mit dem ablandigen Mistral und dem entgegengesetzten Seewind machten die Fahrt recht gefährlich, so dass Wolfgang und Walter bald beidrehten. Renate zog es vor, unter dem Spritzdeck zu verschwinden, das leider nicht ganz dicht war - es war eben ein DDR-Boot.

Am späten Nachmittag wurde unser Kahn allmählich zum U-Boot, so dass Renate ständig Wasser schöpfen musste. Wir waren inzwischen nur noch wenige Kilometer vom Ufer entfernt, das wir zur Not schwimmend erreicht hätten. Es ging aber alles gut. Ich konnte allerdings für mehrere Stunden meine Finger nicht mehr ausstrecken. Durch das etwa 12-stündige angestrengte Paddeln blieben sie krumm wie bei einem Gichtkranken.. Wolfgang hatte immer noch unsere Reisekasse, so dass Renate und ich erneut Kohldampf schieben mussten - nur Rotwein hatten wir noch reichlich .

Als die beiden Wingolfiten nach drei Tagen erschienen, kenterten sie, weil sie nicht in der Mitte der Bucht in diese hineinfuhren, sondern aus Faulheit dicht an den die Bucht begrenzenden Kalkfelsen entlangfuhren und eine Welle deshalb das Boot umkippte. Wolfgang hatte sein Fahrtenmesser gebunden, so dass er, als das Boot kieloben trieb, nicht rechtzeitig aus dem Spritzdeck kam und auf dem rauhen Kalksteinboden der Bucht ziemlich viel seiner Haut Poseidon lassen musste.

Leider kommt auf den von mir sogleich gemachten Schwarz- Weiß-Fotos sein Blut nicht recht zur Geltung.  

Mit Entsetzen hatten wir festgestellt, dass sämtliche Buchten zwischen dem Golf von Fos und Marseille im Privatbesitz waren; mit der Folge, dass man nirgends anlegen, geschweige denn zelten durfte. Wir hatten uns in der vorletzten Nacht in einer noch nicht "privatisierten" Bucht auf folgende Weise beholfen: Die Bucht war deswegen noch "volkseigen", weil sie fast keinen Strand hatte, aber sehr viel Treibholz aufwies. Also bauten wir uns aus den angeschwemmten Brettern und Rhône Balken eine Rampe, auf der wir unsere Zelte errichteten. Man musste nur aufpassen, dass man nicht auf die Enden der Bretter trat, weil dann durch die Hebelwirkung der Zeltinsasse nach oben geschleudert wurde. Mit dem restlichen Treibholz machten wir ein Riesenfeuer, dessen Widerschein an der etwa 50 Meter breiten hohen Felswand der Bucht zahlreiche Fischer und Angler mit ihren Booten anlockte.

Vor Marseille bei Sonnenuntergang angekommen, entdeckten wir zwei menschenleere kleine Inseln. Die eine hieß Ile Ratonneau und diente früher als Quarantäneinsel. Wahrscheinlich mieden deshalb die Marseiller die ,,Ratteninsel" . Auf der anderen stand das verlassene Château d'If; sie wurde wohl nur am Tage von Touristen aufgesucht.

Wolfgang und Walter schlugen ihr Zelt unterhalb des "Châteaus" auf; Renate und ich zelteten auf der ,,Pestinsel".

Ludwig Achim von Arnim entdeckte eine hübsche Geschichte über die lle Ratonneau, die 1818 zum ersten Male in Deutschland veröffentlicht und von ihm in eine lesenswerte Novelle verwandelt wurde:

Arnim erzählt die Geschichte eines französischen Soldaten, der im Siebenjährigen Krieg eine Kopfwunde erlitt, in Gefangenschaft geriet und sich in ein deutsches Mädchen verliebte. Deren Mutter jedoch lehnte die Verbindung ab, und in einem furchtbaren Auftritt am Bette des Verwundeten verflucht sie ihre Tochter, oder wie es in der Erzählung heißt, sie übergab sie mit feierlicher Rede an den Teufel. Bei dem Kriegsverletzten wirkt die Szene gleichsam als Schock, der sich durch die Traurede des Pfarrers noch wesentlich verschlimmert; der Dichter berichtet nun, wie Schritt für Schritt das Verhalten des Soldaten abnormer wird indem er die Schädigung seines Nervensystems durch immer absonderlichere Taten abzureagieren versucht bis zu jener aberwitzigen Handlung, dass er mit den Kanonen des Forts Ratonneau drei Tage lang den Verkehr der Stadt Marseille lahmlegt. Insofern trägt die Novelle den Charakter einer psychopathologischen Studie. Als solche hätte sie freilich keinerlei allgemein-gesellschaftliche Bedeutung und gehörte vornehmlich vor das Forum der Medizin, wenn nicht mit dem Motiv der Krankengeschichte ein zweites Motiv verknüpft wäre; der Leitgedanke vom kirchlichen Teufelsglauben. Die Frau des Kriegsverletzten, einer seiner Freunde und ein Exorzist halten ihn im buchstäblichen Sinne für vom Teufel besessen. In ihrem Bewusstsein ist der Teufels-, Dämonen- und Hexenglaube des finsteren Mittelalters trotz des Jahrhunderts der Aufklärung noch nicht erschüttert. Der Dichter führt diesen kirchlichen Aberglauben jedoch am Schluss völlig ad absurdum, indem er zeigt, wie der Teufel nichts anderes war als ein Knochensplitter, der in der verheilten Wunde saß und das Hirngewebe verletzte. Die pathologische Studie und kuriose Geschichte hat sich bewusst oder unbewusst zur Satire auf alle die gewandelt, die damals von neuem mit solchem Aberglauben liebäugelten. Diese Parteinahme für die nüchterne Wirklichkeit ist umso höher zu bewerten, als sich die Freunde des Dichters, wie Brentano und Görres, gerade in jenen Jahren ganz dem katholischen Mystizismus in die Arme warfen und ganz Deutschland eine Welle des erneuerten klerikalen Machttriebs im Staate durchlebte. Wenn Amim auch immer ein preußischer Konservativer blieb - mit den Anhängern des " antediluvianischen Alten", den stockreaktionären UItras, welche. wie er spottete, "die Frömmigkeit auch als restaurierende Brühe für den Staat brauchten", wollte und sollte er nicht in einen Topf geworfen werden!

Allerdings konnten wir keine Reste des Forts finden, mit dessen Pulverturm sich der irre Sergeant Francois im Falle eines Angriffs in die Luft sprengen wollte und an dessen Fahnenmast er statt des Lilienbanners eine den Teufel zeigende Flagge gehisst hatte. Wahrscheinlich hatten die Bewohner Marseilles das Fort, nachdem es durch weitreichende Küstenbatterien nutzlos geworden war, als Steinbruch benutzt.

Am nächsten Tage fuhren wir nach Marseille, vertäuten unsere Boote im Alten Fischerhafen, kauften am Hafen frische Fische und besichtigten Marseille. Bei der Abfahrt hatten wir meine Turnschuhe am Strand der Ile Ratonneau vergessen, so dass ich barfuss das Festland betrat Weil ich noch Beamter auf Probe war, wollte ich es nicht riskieren, u. U. von Kollegen so gesehen zu werden und fuhr daher vom Alten Fischerhafen mit einem Taxi zu einem Schuhgeschäft, um die - inkl. Taxi - wohl teuersten Turnschuhe meines Lebens zu kaufen.

Am nächsten Morgen trieb in unserer Bucht ein Fischerboot, darin saß ein alter Mann. Der Motor war ausgefallen und der Anker trieb ohne Halt auf dem sandigen Untergrund. Ich gab ihm unser letztes Brot und unseren letzten Wein befestigte den Anker zwischen zwei Felsen, so dass das Boot von dem inzwischen heftig gewordenen Wind nicht an die Felsküste geworfen werden konnte und fuhr los, um Hilfe zu holen. Der Alte konnte es gar nicht fassen, dass wir uns mit dem - wie ihm schien -, zerbrechlichen Boot auf die offene See wagten. Als ich die Hafenpolizei unterrichtete, meinten sie, dass andere Fischer dem Alten schon helfen würden.

Das von uns oft bewunderte "Leben und leben lassen" der Franzosen beinhaltet eben auch eine für uns unfassbare Herzenskälte.



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