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Fahrten auf der Lahn
Die Lahn ist nur 218 Kilometer lang. In der
Luftlinie beträgt die Entfernung von der Quelle bis zur Mündung sogar nur 80
Kilometer. Clemens von Brentano nennt die Lahn "den lieben Fluss der Ruhe".
Damit hatte er insofern recht, als die Lahn ein harmloser Fluß ist, auf dem zu
kentern fast unmöglich ist. Heute würde Brentano vermutlich andere Worte wählen
um die Lahn zu charakterisieren.
Von Mai bis August 2000 wurden auf und an "dem
lieben Fluss der Ruhe" rund 100.000 Paddler und 220.000 Radler gezählt!
Von Marburg bis zur Mündung beträgt die Flusslänge
nur noch 160 Kilometer. Es heißt, dass diese Strecke für Sportboote befahrbar
ist. Ich wollte es wieder einmal besser wissen und setzte mit Ingo und seinem
Freund Michael bereits in Biedenkopf mitten im Rothaargebirge ein mit dem
Ergebnis, dass wir die Boote über längere Strecken wegen Wassermangels hinter
uns herziehen mussten.
Eine weitere Etappe führte uns von Marburg nach
Wetzlar. Nach dem Pfälzer Erbfolgekrieg, also gegen Ende des 17. Jahrhunderts,
wurde das Reichskammergericht von Speyer, das die Franzosen fast völlig zerstört
hatten, nach Wetzlar verlegt, wo Goethe, der an diesem Gericht als Praktikant
tätig war, 1722 CharIotte Buff kennenlernte, die "Lotte" aus den „Leiden des
jungen Werther". Goethe schreibt, daß sich im Laufe der Zeit ,,20.000 Prozesse
aufgehäuft (haben) und jährlich konnten nur 60 abgetan werden und das Doppelte
kam hinzu, so dass ein ungeheurer Wust aufgeschwollen dalag und jährlich wuchs,
da die 17 Assessoren nicht einmal imstande waren. das Laufende wegzuarbeiten."
Im Sommer 1982 fuhr ich mit einem Kollegen aus dem
rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium von Weilburg bis Lauremburg. Weil
jeder von uns noch drei Kinder mitnahm, brauchten wir vier Boote. Außerdem war
Hund Sokrates mit von der Partie.
Der interessanteste Abschnitt auf dieser Strecke ist
die Fahrt durch den einzigen Schiffstunnel Deutschlands in Weilburg. Bereits
1847 wurde dieses technische Meisterwerk auf einer Länge von 200 Metern in den
Fels unter dem Weilburger Schloß getrieben. Die Tore der Doppelkammerschleuse
werden durch Handkurbeln geöffnet und geschlossen, was den Kindern großes
Vergnügen bereitete.
1983 fuhren Ingo und ich mit Sokrates eine weitere
Etappe auf der Lahn; und zwar von Villmar nach Runkel. Hinter Villmar verengt
sich der Fluss; die Uferhänge werden steiler. Man muss gut aufpassen, um auf
Backbord hoch auf einem Kalkfelsen das 1894 zu Ehren von König Konrad I.
errichtete Denkmal zu erkennen. Der aus dem Lahngau stammende Herrscher regierte
nur sieben Jahre, von 911 bis 918. Er hat sich bleibende Verdienste dadurch
erworben, dass er auf eine dynastische Erbfolge zugunsten des Sachsen Heinrich
I. verzichtete; dem ersten Ottonen auf dem Thron des Deutschen Reiches.
In Runkel gingen wir unter der ältesten Brücke der
Burg an Land, sie stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die Schildmauer ist sechs
Meter dick.
Nach Runkel erhebt sich alsbald der Limburger Dom über die Lahn.
Limburg hieß ursprünglich Lintburc; d.h. Burg des Lindwums. Folgerichtig wurde
in christlicher Zeit der 930 neben der Burg errichtete siebentürmige Dom dem
Heiligen Georg, dem Drachentöter, gewidmet.
Alsbald nach Wetzlar erscheint auf Backbord
Braunfels, das ,,Hessische Neuschwanstein". Kronprinz Friedrich Wilhelm, der
nachmalige Kaiser Friedrich III. rief 1887 aus: "Wie kann man so alt geworden
sein und Braunfels nicht gesehen haben."
Lohnend war auch ein Besuch der Stadt Weilburg, die
als besterhaltene Residenzstadt des alten Reiches bezeichnet wird. 1816 zogen
die Nassauer von der Lahn an den Rhein, nach Wiesbaden. Stammburg der Grafen von
Nassau war allerdings die Lauremburg. Sie wird im Jahre 1093 erstmals urkundlich
erwähnt. Die Lauremburg und nicht die Burg Nassau ist auch die Stammburg der
jetzigen niederländischen und luxemburger Herrscherhäuser!
Auf Backbord steht auf steilem Fels bald nach
Oranienstein das Kloster Arnstein, eines der schönsten Baudenkmäler des
Lahntales. Sein Gründer war der kaiserliche Vogt im Einrichgau, Graf Ludwig IV.
von Amstein. Er vermachte im Jahre 1139 seine Ritterburg nach einem "sündigen
Leben" dem Prämonstratenser-Orden.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster fast
vollständig ausgeplündert und nach der Säkularisation auf Abriss verkauft. Dem
Freiherrn von Stein ist es zu verdanken, dass das Gemäuer erhalten blieb. Erst
1919 wurde es wieder von Mönchen bezogen (den "Patres von den Heiligen Herzen"')
und wurde bald zum deutschen Zentrum der Herz-Jesu-Mystik. Zahlreiche "Pilger"
sollen auch heute noch das im Hochaltar eingelassene Herz-Jesu-Relief anbeten.
In dem Krieg mit Frankreich, der 1792 mit der Kanonade von Valmy begann, kam es
im Jahre 1795 auch in Nassau zu Kämpfen zwischen Franzosen und - wie es heißt -
Kaiserlichen. Das Kloster Arnstein diente als Lazarett. Die dem Tode geweihten
Verwundeten wurden aus Platzmangel in das unterhalb des Klosters gelegene Dörsbachtal "umquartiert". Das Gejammere der armen Kerle führte dazu, dass das
Dörsbachtal im Volksmund den Namen "Jammertal"' erhielt. Ein Gedenkstein
erinnert an die im Tal Begrabenen. Pietätlose "Souvenirjäger" stahlen in den 90
er Jahren die Kanone, die den schlichten Gedenkstein viele Jahre lang zierte.
Zwischen Limburg und Diez liegt hoch über der Lahn Schloss Oranienstein. Hier,
in der ehemaligen preußischen Kadettenanstalt, diente Ingo.
Von 1934 bis 1945 war Oranienstein Sitz einer "Napola",
einer nationalpolitischen Erziehungsanstalt, die auch ich besuchen sollte. Ich
scheiterte aber an der Aufnahmeprüfung.
Hinter Nassau steht auf Steuerbord der "BeuteJturm",
der "Schiefe Turm von Dausenau". In ihm soll Emma, Tochter Karls des Großen, und
dessen Geheimschreiber gefangengehalten worden sein.
In dem Chronicon Laurishamense wird allerdings die
Sache anders dargestellt: Der Kaiser, der früh wach wurde, sah eines frühen
Morgens, wie seine Tochter Emma, die bereits dem Kaiser von Byzanz versprochen
worden war, seinen Geheimschreiber Eginhard auf dem Rücken, über den
schneebedeckten Schlosshof ging, um diesen ohne verräterische Spuren zu
hinterlassen, in dessen Zimmer zu bringen. Alsbald plagte Eginhard sein
schlechtes Gewissen. Er begehrte seinen Abschied. Karl versprach, sich auf einem
bestimmten Tag über dieses Gesuch zu erklären. An dem bewussten Tag versammelte
er die Großen des Reiches und bat sie um ein Urteil. Alle waren über die
unerhörte Tat bestürzt. Viele stimmten auf Todesstrafe, andere auf Verbannung,
einige baten den Kaiser, die Sache nach seiner eigenen Weisheit zu richten. ,,Es
sei darum", sagte der Kaiser, "oft lenkt die Vorsicht das Übel zum Guten, und
darum verzweifele ich auch jetzt nicht. Ich will das Vergehen meines Dieners
durch keine Strafe richten, welche die Schande meiner Tochter vermehrt. Sie
mögen sich beide durch eine rechtmäßige Ehe verbinden, und so wird eine
sträfliche Tat durch eine ehrenvolle getilgt".
Die ganze Gesellschaft jauchzte
dem langmütigen Kaiser ihren Beifall zu. Eginhard, der sich nicht verraten
glaubte, wurde gerufen und der Kaiser redete ihn mit ruhiger Miene folgender
Gestalt an: "Du beschwerst dich, daß ich deine Dienste nicht würdig belohne. Das
ist deine Schuld, Eginhard. Du hättest mich längst erinnern sollen; denn ich bin
allen meinen Pflichten nicht gewachsen. Diene mir ferner so treu als bisher und
ich gebe Dir zur Vergeltung meine Tochter zur Frau". ,Deine Trägerin nämlich (vestram
scilicet portatricem)", fuhr der Kaiser lächelnd fort, "dieselbe, welche
neulich, so hoch aufgeschürzt, dir so untertänig war."
Des weiteren steht in Dausenau das "Wirtshaus an der Lahn". ie erste der inzwischen gut 750
"Wirtinnen-Strophen" lautet :
Es steht ein Wirtshaus an der Lahn
Da halten alle Fuhrleut an
Frau Wirtin sitzt am Ofen
Die Fuhrleut um den Tisch herum Die Gäste sind besoffen
Im Hintergrund des Wirtshauses erhebt sich eine
Burg, und zwar Burg Stolzenfels. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass das echte
"Wirtshaus an der Lahn" an deren Mündung liegt, weil man nur von dort Burg
Stolzenfels sehen kann, und zwar handelt es sich um das alte Zollhaus der
Kurfürsten von Trier. 1697 wandelte ein gewisser Balthasar Kalkofen dieses Haus
in eine Gastwirtschaft um, die später von seiner Witwe bis zu deren Tode im
Jahre 1727 weitergeführt wurde. Sie also könnte die berühmte ,,Frau Wirtin"
gewesen sein.
Am 18. Juli 1727 nahm der 25 jährige Goethe, der in Begleitung des
Theologen Lavater und des Pädagogen Basedow den Rhein bereiste, in o.g.
Wirtshaus ein Mittagessen ein (und zwar Bohnen mit Speck). Überliefert sind auch
die beiden Gedichte, die aus Anlass dieses Besuches entstanden:
"Zwischen
Lavater und Basedow
Saß ich bei Tisch des Lebens froh"
beginnt das eine und
endet mit den vielzitierten Worten: "Und wie nach Emmaus weiter
ging' s mit
Geist und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
das Weltkind in der
Mitten."
Nach 1871 kamen keine Franzosen mehr. Bekanntlich
erklärten die Franzosen wegen der "Emser Depesche" Preußen den Krieg
in der Annahme ihn zu gewinnen und Frankreich vergrößern zu können:
Letzter erwähnenswerter Ort vor der Mündung der Lahn
in den Rhein ist Bad Ems, das insbesondere wegen seiner "Bubenquelle" von
kinderlos gebliebenen Frauen aufgesucht worden sein soll.
Zwischen 1867 - Nassau
wurde 1866 preußisch - und 1887 weilte Kaiser Wilheln I. jedes Jahr in Bad Ems,
zuweilen kam in dieser Zeit auch Zar Alexander, so dass man Bad Ems das
.“Zwei-Kaiser-Bad“ nannte. Sei es deswegen oder wegen o.g. "Bubenquelle";
jedenfalls zählte das Bad vor dem siebziger Krieg jährlich bis zu 11.000
Badegäste, davon etwa die Hälfte Ausländer. Bis 1870 kamen auch viele Franzosen.
Direktor des dortigen Theaters war damals Jaques Offenbach.
Im Jahr 2000 fuhren Wulf und Ingo mit mir von Diez
bis Obernhof bei Nassau, dem einzigen Ort an der Lahn, wo Wein angebaut wird.
Vier Jahre später setzten Ingo und Laura mit mir die Fahrt fort, indem wir von
Nassau nach Dausenau fuhren.
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