Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Moldau

Moldau (Juli 2006)

Gegen Ende des Monats Juli, unsere Vorfahren nannten ihn Heumond, weil es die Zeit der ersten Heumahd ist, fuhren Renate, Gabriella, Ingo, Laura und ich an die Moldau, um sie mit dem Kanu zu befahren, und zwar vor Krumau bis zum ehemaligen Zisterzienserkloster Goldenkron; die Tschechen nennen es Kleister Zlatá Koruna. Es war unser zweiter Versuch. Der erste Versuch scheiterte sechs Jahre zuvor, weil sowohl Ingos Reisepass als auch sein Personalausweis abgelaufen waren ! Aus den in Kopie beigefügten Schreiben geht hervor, dass die hinterwäldlerischen, österreichischen Zöllner nicht berechtigt waren, uns an der Ausreise zu hindern ! Möglicherweise wegen dieses Schriftwechsels ließ uns die österreichische Zöllnerin nach langem Palaver ausreisen, obwohl diesmal Gabriella und Laura weder Personalausweise noch Reisepässe mitgenommen hatten!

Zum ersten Male sahen wir die Moldau im Jahre 1980 bei einer Etappe unseres "Deutschlandlaufes". Renate nebst Kindern begleitete mich und die anderen Langstreckenläufer in einem VW -Bus - sozusagen als ,,Marketenderin". Wir folgten damals dem Lauf der Moldau von Hohenfurth (Vyssi Brod) bis zur Mündung in die Elbe bei Melnik.

Die Moldau ist mit einer Länge von 405 Kilometern der längste Fluss Böhmens. Sie entspringt in 1.179 Meter Höhe im Böhmerwald. In 509 Meter Höhe liegt das prächtige Krumau. Krumme Aue - Krumbe Ouwe im Altdeutschen - nannten deutsche Siedler einst diesen Ort, weil, wie aus nebenstehendem Bild ersichtlich, die Moldau dort fast einen Kreis bildet. Die Stadt wird überragt von dem auf steilem Fels errichteten Stammsitz des Geschlechts der Rosenberger, geziert vom "Hungerturm", dem schönsten Renaissanceturm Böhmens. wie es heißt.

Im Jahre 1609 sprang der älteste Sohn Kaiser Rudolfs II., Don Julius Caesar de Austrie Graf von Krumau, von diesem Turm, seinem Gefängnis, in den Tod. Er litt an der ,,Habsburger Umnachtung" und hatte - wohl wegen des ererbten Wahnsinns -, auf dem Hradschin seine Geliebte erschlagen und zerstückelt.

Die Rosenberger waren nebst den Königen von Böhmen das mächtigste Adelsgeschlecht Böhmens. Sie residierten während dreier Jahrhunderte auf Burg Krumau, der größten böhmischen Veste nach dem Hradschin. Der letzte Spross dieser Sippe war Graf Wilhelm von Rosenberg, Ritter vom Goldenen Vlies, Burggraf von Prag, Vizekönig und Kanzler von Böhmen. Nach seinem Tode kaufte Kaiser Rudolf II. die Grafschaft.

Wir übernachteten vor dem Budweiser Tor. Dort setzten wir - Ingo, Laura und ich -, auch ein. Alsbald stauten sich mehrere dutzend Boote vor einem Wehr. Bald merkten wir, warum. Wir fuhren stolz und frohgemut an den wartenden Kanuten vorbei und waren im Nu auf der neben dem Wehr angelegten Rutsche, an deren Ende wir in einem gewaltigen Schwall versanken. Als "U-Boot" tauchten wir wieder auf. Unser Kanu war etwa zur Hälfte voll Wasser. Es schwappte dermaßen, dass wir das Boot kaum noch im Gleichgewicht halten konnten. Deshalb beschloss ich, meinen Schwerpunkt auf den Boden des Kanus zu verlagern, indem ich mich hinkniete. Dabei geriet Lauras Fuß unter mein Knie, so dass sie noch schrecklicher schrie als auf der grässlichen Rutsche. Ingo schrie gleichfalls, weil er fürchtete, dass mein Platzwechsel das Boot erst recht zum Kentern bringen konnte. Es ging jedoch alles gut. Gleichwohl erklärte Laura, dass sie nie wieder in ein Kanu steigen würde

Bald erreichten wir glücklich und zufrieden unser Ziel, das Kloster Goldenkron. Es hatte nicht geregnet; wir waren nicht gekentert; unser Boot war trocken und Laura hatte sich wieder beruhigt. Sowohl Ingo als auch mich drängt es, bald ein weiteres Stück der wunderschönen Moldau zu erkunden. Zwischen Krumau und Goldenkron hatten wir keine Siedlung und kein Kraftfahrzeug -nicht einmal einen Angler- zu Gesicht bekommen. Abgesehen von den zahlreichen Kanus und Flößen wirkt die Moldau, jedenfalls auf diesem Flussabschnitt, so einsam wie zur Zeit Adalbert Stifters.

Wir entdeckten im übrigen, dass die Ufer voller Orchideen der Spezies "Gemeiner Frauenschuh" (Cypripedium calcedus) waren; diese Pflanze wird in Deutschland auch Krimhilds Helm genannt. Der Frauenschuh ist oder war sehr selten. Es heißt, dass das einzige Vorkommen in Britannien nahe der Stadt York während der Blütezeit Tag und Nacht von Naturschützern bewacht wird! Durch die Erwärmung der Atmosphäre scheint sie im Norden Europas neuerdings häufiger vorzukommen als früher.

Am Abend labten wir uns unterhalb des wilden Wehres an einigen leckeren böhmischen Bieren. Voller Schadenfreude sahen wir von sicherer Warte aus, dass fast jedes zweite Boot kenterte, oft erst nach dem Schwall, und zwar wegen des zwischen Backbord und Steuerbord hin und her schwappendes Wassers.

Jetzt verstanden wir, dass sich viele Kanuten vor der schrecklichen Rutsche graulten, so dass es zu dem obenerwähnten Stau kam.

Leider wurde nichts von der einst berühmten böhmischen Küche angeboten; Weder "Mährische Rehkitzpastete“ noch "Böhmische Hirschkopfsülze".

Auf dem Ruckwege machten wir unfreiwillig Rast in der Nähe von Oberplan (Hornyi Planä), dem Geburtsort Adalbert Stifters; am herrlichen Lipnosee, mitten im Böhmer Wald gelegen; „zur Abwechslung" hatte diesmal Ingo seinen Personalausweis in unserer Herberge am Budweiser Tor vergessen! Er musste deshalb umkehren.

Von den zahlreichen Museen Krumaus besichtigten wir lediglich das sehenswerte Wachfigurenmuseum, gegenüber der für alle ehemaligen K.u.K.Städte obligatorischen "Pestsäule". Darin sind u.a. neben dem „braven Soldat Schweik" auch Kaiser Franz Josef und "Sissi" zu sehen.  



Informationen über den Autor















HOME