Reiseberichte:
Hermann Evers

 

Lauf in Moskau

Im September des Jahres 2001 flogen Bernadette, Renate, Wulf und ich nach Moskau. Wulf und ich wollten am Moskau-Marathon teilnehmen, dem wohl letzten in meinem Leben.

Vor dem Flughafen wartete ein Bus unseres Hotels, der uns aber nicht mitnahm, weil wir nicht ,,registriert" waren. So nahmen wir einen Linienbus, nachdem uns versichert worden war, dass dieser nach Moskau fahre. Auch hatten wir vier Fahrkarten nach Moskau gekauft -so dachten wir. Der Bus brachte uns jedoch lediglich zu einem anderen Flugplatz, weit außerhalb Moskaus. Es war wohl ein Pendelbus, der die beiden Flughäfen verband. Mit Hilfe einer Russin, die seit Jahren in Idstein lebte und daher deutsch sprach, stiegen wir um in einen privaten Kleinbus, der uns nach sehr langer Fahrt zu einer Endhaltestelle der Moskauer ,,Metro" brachte. Nach einer mehrstündigen Odyssee erhielten wir wenige Minuten vor Schließung der Ausgabestelle unsere Startunterlagen.

Unser Erstaunen stieg noch, als die einzige Angestellte an der Rezeption des riesigen Hotels Intourist nach etwa einstündiger Wartezeit verkündete, dass Wulf und Bernadette nicht im Hotel übernachten könnten, weil sie nicht ,,registriert' seien. Deren Gutscheine für Übernachtung und Frühstück hatte sie vorsichtshalber nebst den Pässen einbehalten. Erst nachdem Wulf und Bernadette Übernachtung und Frühstück ein zweites Mal bezahlt hatten, bekamen sie ein Zimmer zugewiesen. Wir fragten uns, ob wir vielleicht versehentlich in der Ljubljanka, dem Sitz des KGB, gelandet waren.

Neue ungeahnte Hürden türmten sich am nächsten Morgen vor dem Frühstücksraum auf, und zwar in Gestalt eines weiblichen Zerberus', der Wulf grob untersagte, den Frühstücksraum zu betreten, weil er nicht ,,registriert" sei.

Dostojewskij schreibt ,,Vorerst kleben wir nur auf unserer Großmachthöhe und geben uns die größte Mühe, da8 unsere Nachbarn das nicht so bald bemerken. in dieser Beziehung kann uns die allgemeine europäische Unwissenheit in allen Dingen, die Russland betreffen, außerordentlich helfen. Diese Unwissenheit unterlag bis jetzt wenigstens keinem Zweifel -ein Umstand, den zu bedauern wir gar keinen Grund haben. Im Gegenteil: es wird uns sehr schaden, wenn unsere Nachbarn uns besser und genauer kennenlernen. Darin, dass sie uns bisher nicht verstanden, lag unsere Kraft. Aber das ist es eben: leider beginnen sie uns jetzt anscheinend besser als bisher zu kennen, und das ist sehr gefährlich."

Wir bekamen allmählich eine Ahnung von dem, was der Dichter vermutlich ausdrücken wollte.

Ähnlich chaotisch war der Marathonlauf, zu dem Wulf wegen besagtem Zerberus mit nüchternem Magen antreten musste. Wir diskutierten die Frage, ob der Moskau- Marathon oder der Istanbul-Marathon den Ersten Rang in puncto Desorganisation einnehme.

Hinweise auf den Start (Am Roten Platz) fehlten. Die haufenweise umherstehenden Polizisten hatten keine Ahnung und verstanden selbst das Wort ,,Marathon' nicht. Am Ziel gab es Urkunden ohne Namen und Laufzeit etc.

Rußlands bedeutendste Geschichtsquelle ist die Chronik des Mönchen Nestor aus der Zeit um 1100. Der Nestorchronik zufolge fuhren die Ostslawen zu den schwedischen Warägern, die sie ,,Rus" -vom finnischen Wort ,,Ruotsi" (d.h. Schwede oder Ruderer) -nannten, und erklärten: ,,Unser Land ist groß und reich, aber es herrscht darin keine Ordnung. Kommt daher zu uns und herrscht und befehlt über uns."

Mir erschien es mittlerweile glaubhaft, dass bei einem der vorangegangenen Läufe ausländische Teilnehmer verhaftet worden waren, weil sie keine Reisepässe mit sich führten.

Leo Trotzki jubelte 1917: ,,Der Mensch wird unvergleichlich stärker, klüger, freier werden. Der menschliche Durchschnitt wird sich bis nun Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx erheben."

Zehn Jahre später waren 80%der Sowjetmenschen Analphabeten -mehr als unter dem leizten Zaren. Heute, 84 Jahre nach der Roten Revolution, schien uns die Lage nicht viel anders als 1927: Fast niemand sprach englisch, geschweige denn deutsch -einst die Sprache der Komintern. Keiner sagte ,,danke" oder ,,bitte", so Renate auf dem Rückflug mit Swissair der Flugbegleiterin fast um den Hals fiel, als diese uns freundlich begrüßte.

Der Weg vom Ziel zum Hotel führte uns über den Roten Platz. Nach dem Sieg Iwans IV, genannt Grosny, der Schreckliche, über die Tataren durch die Einnahme Kasans im Jahre 1552, ließ dieser dort eine Kathedrale errichten. Sie erhielt später den Namen des Wandermönches Wassilij. Es heißt, daß' ein Besuch Moskaus sich allein wegen der Basiliuskathedrale lohne. Die beiden -angeblich von Gott gesandten -Baumeister, Barma und Postnik, sollen später geblendet worden sein, um zu verhindern, dass ein zweites derartiges Kunstwerk geschaffen werde. Möglicherweise wurden sie aber auch deswegen geblendet, weil die Kirche so abscheulich hässlich ist

 

Unseren erfolgreichen Lauf feierten wir in der Twerskaja Ulica, dem ,,Ku-Damm" Moskaus. Zuerst waren wir in einer Pizzeria a la Italiana und dann in einem mexikanisch ausstaffierten Restaurant namens ,,Tequila". Tatsächlich gab es dort Tequila gegen Dollar. Es gab noch eine dritte Boudique in dieser Prachtstraße -die war von McDonald. Nirgendwo bekamen wir russisches Bier - nur Bier von Heineken, Tuborg etc. - alles gegen Dollar. Desgleichen gelang es uns nicht, Borscht oder ein anderes russisches Gericht zu bekommen. Sollte in Russland demnächst noch eine Revolution ausbrechen, dann hätten diesmal die Revolutionäre ein gewisses Verständnis verdient

Am nächsten Tag besuchten wir gegen horrende Eintrittsgebühren den Kreml. Im offiziellen Lehrbuch der "Geschichte der UDSSR" soll es heißen:

,,Im17.Jahrhundert haben aber solche meisterhaften Werke altrussischer Baukunst wie die großartigen Kremlmauern und -türme, der Glockenturm von Welikij, die zahlreichen Kirchen mit ihren Glockentürmen stets größte Bewunderung hervorgerufen."

Auch in einem von altrussischen Emigranten auf Deutsch herausgegebenen Reiseführer heißt es über diese Bauwerke des Kremls:

,,Alle diese Kirchen wurden von russischen Architekten und Baumeistern geschaffen."

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die beeindruckende Mauer des Kreml wurde von Italienern nach dem Vorbild des Mailänder Kastells entworfen. Die Krönungskirche der Zaren, die ,,Maria- Entschlafens-Kathedrale",wurde von dem Bologneser Aristotele Fioravanti geschaffen. Zum Dank wurde ihm von Iwan III. die Rückkehr in seine Heimat verboten. Die ,,Maria Verkündigungs-Kathedrale" stammt von einer vermutlich deutschen Bauhütte aus Pleskau. Das große Kremlpalais erbaute Konstantin von Thon. Der ,,Facettenpalast" stammt von Marco Ruffo -den Palazzi Pitti und Strozzi in Florenz nachempfunden. Der Nikolaus-Torturm wurde von Pietro Antonio Solari aus Turin errichtet und von Carlo Rossi aus Lugano restauriert, nachdem er auf Befehl Napoleons teilweise gesprengt worden war. Sein gotisierendes Zeltdach hat Luigi Rosca der Marienkirche in Stargard, dem pommerschen Rothenburg, nachempfunden. Die Spaskaja Warota, der Erlösertunn, stammt von Christopher Hallowey etc.

Immerhin wurde die größte Glocke der Welt, die 210 Tonnen schwere "Zar Kolokol", 1734 von Iwan und Michail Motorin -vermutlich Russen - gegossen. Wegen einer 1737 im Kreml ausgebrochenen Feuersbrunst wurde sie mit Wasser übergossen - auf dass sie nicht schmelze. Dabei zersprang sie.

Erst ein Franzose, Auguste Ricard Montferrand, hatte den Mut, sie fast 100 Jahre später aus ihrer Versenkung zu heben. Der 80 Meter hohe Glockenturm ,,Iwan Welikij", zu dessen Füßen die Unglücksglocke ruht, wurde von Bon Friasin, einem Italiener, nach dem Vorbild eines Campanile entworfen und unter Zar Boris Godunow, einem Tataren, errichtet Zum Glück hat man nie versucht, die Glocke in den Turm zu hieven, sonst gäbe es wahrscheinlich Beides nicht mehr.

Ähnlich ist das Schicksal eines weiteren Beispiels russischer Gigantomanie; der größten 1586 von Andrej Tschochow gegossenen Vorderladerkanone der Welt, der Zar Puschka. Aus ihr wurde nie ein Schuss abgefeuert -und das war auch gut so, sonst hätte es wohl einen Rohrkrepierer gegeben.

,,Zu Ende des 17.Jahrhunderts", schreibt Ernst Freiherr von der Brüggen, „war die slawonische Schrift zwar schon seit bereits 700 Jahren bekannt. Dennoch beschränkte sich ihr Gebrauch auf Kirche und Behörde. Dieser Gebrauch entbehrte indessen jeglicher bildender Wirkung. Welch wunderbare Öde und Trägheit des Geistes gehören dazu! Diese Leblosigkeit an Charakter und Geist, wie sie nirgends sonst in Europa beobachtet worden ist, beleuchtet grell die Verschiedenheit des vorpetrinischen Russlands von den abendländischen Völkern."

Werner Keller (,,Und die Bibel hat doch recht") schreibt: ,,Die Pergamentrollen mit den Werken der großen Dichter und Philosophen Griechenlands, an denen sich in den Studierstuben der Klöster Europas der Geist entflammt und so den Aufbruch zur Neuzeit entfacht, schlummern unbeachtet und verstaubt in den orthodoxen Klöstern des Ostreiches ... Ein halbes Jahrtausend fast ist damals seit der Gründung der ersten Universitäten in Westeuropa verflossen. Längst hat, in der Scholastik zuerst, dann in der Renaissance, die Auseinandersetzung mit der Antike begonnen, längst sind Platon und Aristoteles, Archimedes und Euklid, Hippokrates und Galen geistiger Besitz des Westens. Unbeachtet, ungelesen, ja ungeordnet schlummern dagegen seit Jahrhunderten die gleichen Manuskripte der großen Denker der Antike in den Klöstern Russlands. Auf die Idee, sie gar zu übersetzen, war nie jemand gekommen."




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