Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Pico Duarte
 

Am 15. Dezember des Jahres 2001 fuhr ich mit meiner Frau und meinem Sohn, entgegen dem Vorsatz, den ich nach dem ersten Besuch Hispanolas gefasst hatte, erneut zur „Königin der Antillen".

Das Wort „Antillen" rührt von einer sagenhaften Insel namens „Antiglia" her, welche zu Anfang des 15. Jahrhunderts auf den Seekarten aufgetaucht sein soll; halbwegs zwischen Lissabon und Japan gelegen. Als dann Kolumbus die „Inseln über dem Wind" und die „Inseln unter dem Wind" entdeckte, erhielten sie den Namen Große und Kleine Antillen.

Mein hauptsächliches Interesse galt dem 3.175 Meter hohen Pico Duarte, dem höchsten Berg der Antillen bzw. der Karibik. Im 19. Jahrhundert hieß dieser Berg übrigens noch Pico de Yaque. Später erhielt er den Namen des Juan Pablo Duarte, dem es 1844 gelang, die Franzosen in die Flucht zu schlagen und für einige Jahre (bis 1861) einen unabhängigen Staat zu proklamieren.

Ursprünglich hieß die gesamte Insel in der Sprache der Ureinwohner, der Tainos, Hayti, was soviel wie Bergland bedeuten soll. Taino soll in der indianischen Arawacarsprache „gut" oder „edel" bedeuten. Sie sollen die Insel auch Quisqueya genannt haben. Die Tainos wurden übrigens von den Spaniern innerhalb von nur 50 Jahren ausgerottet.

Den meisten Reisenden ist allerdings nur der Zungenbrecher „Dominikanische Republik" geläufig. Während die Spanier die Insel alsbald Hispaniola nannten, bezeichneten die Franzosen die Insel als Saint Dominque.

Meyers Konversationslexikon von 1892 zufolge zählte der einst französische Teil der Insel 1788 rd. 28.000 Weiße, rd. 22.000 Mulatten und rd. 406.000 schwarze Sklaven. Dagegen gab es im spanischen Teil der Insel im Jahre 1790 nur 15.000 Sklaven bei insgesamt 125.000 Einwohnern.

Einst war das jetzige Haiti die reichste Kolonie der Welt. Ein Viertel der französischen Staatseinnahmen steuerten die französischen Pflanzer auf Haiti bei. Dann - unter den „Negerkaisern" Jakob I, Heinrich I und Faustin I -, kam es, so Meyer, „zu einer langen Reihe von Grausamkeiten und Blutthaten, die an Wahnsinn streiften". Diese „Selbstverstümmelung" hängt möglicherweise. auch mit dem Volksgetränk Rum zusammen. Der meist unverdünnt getrunkene Rum soll früher, um seine Wirkung noch zu verstärken, mit Schießpulver gemischt worden sein! Heute ist Haiti das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.

Unser Aufenthaltsort an der Küste hieß Boca Chica; wegen des vorgelagerten Korallenriffs angeblich „die größte natürliche Badewanne der Welt".

Während unseres Aufenthaltes in dieser Bucht unternahmen wir alsbald einen Ausflug zur Laguna del Limón. Unser Führer hieß Baldomar. Ihn fragte Renate, was er vom Woodo-Zauber halte. Zu unserer Überraschung erklärte Baldomar sehr bestimmt, dass auch er an Voodo glaube; übrigens ebenso wie die deutsche Neckermann-Repräsentantin an der Südküste! Interessant ist, dass das Wort „Voodo" oder „Vaudoux" im Kreolischen, von dem Wort „Waldenser" herrührt. So bezeichneten die Franzosen im Mittelalter Anhänger des Petrus Waldes, Stammvater einer Christus beim Wort nehmenden, das Papsttum kritisierenden und damit „ketzerischen" Glaubensrichtung. Das Wort „Zombie" kommt von dem spanisch-französischen Mischwort „hombre à lui" und soll unserem „Wiedergänger" entsprechen.

Auf dem Rückwege hielten wir an einem unscheinbaren Gehöft an. Alsbald merkten wir, warum. Es wuchsen dort nämlich Kaffee, Kakao, Limonen, Zitronen, Ananas, Pampelmusen, Guaven, Passionsfrüchte, Maniok, Baumwolle, Zimt, Muskat und vieles andere mehr, und zwar wild. Möglicherweise rief Kolumbus wegen dieser unglaublichen Fruchtbarkeit der Insel zu seiner Zeit aus: „Ich habe den Eingang zum Paradies entdeckt, das schönste Stück Erde, das menschliche Augen je gesehen haben".

Des Weiteren besuchten wir die nahe gelegene Hauptstadt Santo Domingo ; die älteste noch bestehende Stadt der Neuen Welt. Hier befindet sich das abscheulich hässliche Mausoleum des Christoph Kolumbus - zumindest behaupten dies die Dominikaner. Die Spanier hingegen schwören Stein und Bein, dass Kolumbus in Sevilla begraben liege, wo gleichfalls seine Grabstätte ausgewiesen wird. Unbestritten ist dagegen, dass sein Sohn Diego in Santo Domingo gelebt hat und dort einen sehr geschmackvollen Palast, den Alcázar de Colón, errichten ließ, welchen zu besichtigen lohnt. Ansonsten ist nur das schwarze Gewusel in den Hauptstraßen der Stadt bemerkenswert. Man sieht fast nur junge Menschen! Wenn die Bevölkerung sich weiter wie bisher vermehrt, dann könnte sich in Hispaniola eine ähnliche Entwicklung wie in dem unglücklichen Haiti ergeben.

Einige Jahre später konnte man Genaueres über den Verbleib der Gebeine des Kolumbus lesen. Fest steht, dass er in Spanien und zwar in Valladolid starb. In seinem Testament hatte er den Wunsch geäußert, in spanischer Erde in der „Neuen Welt" begraben zu werden.. Daher wurde das, was von ihm noch übrig war, drei Jahrzehnte nach seinem Tode nach Santo Domingo übergeführt. 1795 wurde Santo Domingo von den Franzosen besetzt. Kolumbus ruhte folglich nicht mehr in spanischer Erde. Seine sterblichen Überreste wurden nach Havanna transportiert. 1898 wurde Kuba unabhängig. Wieder war die Erde, in der seine Reste ruhten, nicht mehr spanisch. So kam es, dass der arme Kolumbus erneut exhumiert und -mittlerweile auf 150 Gramm geschrumpft -, in einer „Grabschatulle" nach Sevilla expediert wurde. Dies behaupten jedenfalls die Spanier. Die Dominikaner behaupten, seine „Urne" sei in Santo Domingo gelandet, das inzwischen von den Franzosen geräumt worden war.

Eine neuerdings mögliche und auch in Spanien vorgenommene DNS- Analyse lässt vermuten, dass besagte 150 Gramm tatsächlich die irdischen Überbleibsel des großen Genuesen sind, zumal die Dominikaner hartnäckig eine DNS-Analyse des Inhalts der von ihnen gehüteten Urne verweigern. Erschwerend kommt hinzu, dass die dominikanische Urne eine Pistolenkugel enthält, obwohl Kolumbus keine Schussverletzung hatte und die ominöse Kugel aus einer späteren Epoche stammen soll !

Den letzten Teil unserer Reise verbrachten wir in Jarabacoa, im Landesinneren, um von dort schneller auf den Pico Duarte zu gelangen. Wegen seines das ganze Jahr über frischen Klimas wird das Gebiet angeblich das „Land des ewigen Frühlings" genannt.

In Jarabacoa angekommen, arrangierten wir als erstes einen Ausritt. Unser Führer hieß Fausto. Es war ein „Mameluco". Sein Gehilfe wäre dagegen auf kreolisch als „saquatrasse" bezeichnet worden. Als Fausto merkte, dass wir sattelfest waren, ging es los wie bei „Lützows wilder, verwegener Jagd". Da wohl die Teilnehmer der in der Nähe der „Rancho" beginnenden Wildwasserfahrten Helme bekamen, nicht aber die Reiter, war unser Ritt nicht ungefährlich. Zum Glück blieben wir bis auf meine aufgescheuerten Oberschenkel unverletzt. Am Wasserfall angekommen, sahen wir das vom „Huracán" des Jahres 1998 zerstörte Kraftwerk. Nehmen die Wirbelstürme in der Karibik weiter an Heftigkeit zu, dann werden die Antillen recht unwirtlich.

Die Besteigung des Pico Duarte begann in La Cienega; etwa zwei Pkw-Stunden von Jarabacoa entfernt. „Negue" heißt auf kreolisch „Neger". „Cienega" heißt wahrscheinlich auf kreolisch soviel wie „Hundert Neger". Der Weg zu dem etwa 500 Meter hoch gelegenen Ort La Cienega verlief im Tal des Rio Jaque del Norte. Wie schon im Atlasgebirge, so stellten wir auch hier fest, dass die anscheinend zunehmenden Niederschläge bzw. deren Heftigkeit die Gebirgsstraßen in den Tropen und Subtropen mehr und mehr zerstören, so dass Bergwanderer vielleicht bald nicht mehr in diese Gebiete gelangen können.

In La Cienega endet die Fahrstraße; es geht nur noch zu Fuß oder auf dem Rücken eines Mulos weiter. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass weit über 100 Einheimische zum Gipfel unterwegs waren. Ähnlich wie neuerdings der Triglav für die Slowenen und der Rysi für die Polen, scheint sich der Pico Duarte für die Einwohner von Santo Domingo zu einem Kultberg zu entwickeln.

An der einzigen Gastwirtschaft von La Cienega steht: „Prohibido la entrada de armas de fuego y de armas blancas" (Der Eintritt mit Feuerwaffen und blanker Waffe ist verboten). Tatsächlich trugen fast alle Eingeborenen etwa einen Meter lange Macheten und einige sogar Feuerwaffen. Vorsichtshalber hatten wir ein Bundeswehrkampfmesser und ein Fahrtenmesser mitgenommen und durch die Kontrollen geschleust. Dies erwies sich jedoch als übertriebene Vorsichtsmaßnahme.

Aufgrund meiner zwei Jahre zuvor gemachten Erfahrungen hatte ich den Eindruck gewonnen, dass der Berg inmitten einer „terra incognita" gelegen sei. Die seinerzeit einzige käufliche Karte wies im Gipfelbereich keine Wege aus; alle die Besteigung betreffenden Anfragen blieben unbeantwortet. Seitdem hatte sich, wie es schien, ein gewaltiger Wandel vollzogen: Es gibt eine Nationalparkverwaltung, die den Zutritt nur Bergwanderern mit Führer, Mulis und Maultiertreibern gestattet.

Hannes, der Tiroler Verwalter unserer „Rancho" in Jarabacoa, hatte uns zugesichert, dass wir um 5 Uhr von unserem Führer geweckt würden und um 5.30 Uhr den Geländewagen nach La Cienega besteigen könnten. Franklin, so der Name unseres Führers, kam jedoch erst um 6.30 Uhr - wahrscheinlich, weil es dann Frühstück gab! -, mit dem Ergebnis, dass wir als letzte in La Cienega eintrafen und alle Mulis schon unterwegs waren.

Während Franklin auf unsere drei Mulis nebst Treiber wartete, machten wir uns auf den Weg. Franklin versicherte, dass wir nichts mitzunehmen brauchten. Er würde uns in Kürze einholen. Wir sahen den Franklin, den Treiber William und die uns verordneten drei Mulis erst etwa zwei Kilometer vor unserem Lagerplatz am späten Nachmittag wieder! Hätten wir uns auf ihn verlassen und kein Wasser mitgenommen, dann wäre es uns schlecht ergangen.

Der Wassermangel indessen beeinträchtigte unsere Begeisterung nur in geringem Maße. Ähnlich wie am Kibo durchstiegen wir mehrere Klimazonen. Das erste Drittel des Weges führt durch tropischen Regenwald. Sodann werden Palmen, Lianen, Flammenbäume, Mahagoniebäume, Zitronen, Bananenstauden, Bambusse et cetera mehr und mehr durch große Farne, karibische Pinien, Zedern und andere Nadelhölzer verdrängt; Letztere wirken, wohl wegen der gewaltigen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, ganz anders als bei uns in Deutschland; zum Teil sind sie von oben bis unten mit Flechten behangen

Die Insel soll mit 8.000 Pflanzenarten dreimal mehr als Europa aufweisen. Es soll 300 verschiedene Arten von Orchideen geben; viele davon endemisch d. h. nur auf Hispaniola vorkommend. Etwa ab 3.000 Höhenmeter wird der Wald lichter Hier oben soll es zuweilen schneien; wenn, dann meist im Januar oder Februar.

Zu unserem Erstaunen holten wir alle vor uns gestarteten Wanderer bald ein, obwohl viele auf Mulis saßen. Haufenweise lag die „Jeunesse dorée" der Kapitale erschöpft am Wegesrand.

Während die Masse der Dominikaner recht vital und kräftig wirkt sind die arrivierten hellhäutigen Dominikaner, die „Mamelucos", oft verfettet und träge. Die Einzigen, die uns überholten, waren Hunde; abgesehen von einigen Mulis und darauf sitzenden Treibern.

Im Lager angekommen, wurde uns klar, was die Hunde bewegte, uns zu folgen: Die Treiber und Führer kochten und brieten dermaßen viel, dass alle Hunde von den Resten satt wurden.

In der Nacht wachte ich ein paar Mal auf. Die Mulis, die rund um unser Zelt grasten, waren recht laut. Ich musste daran denken, wie Renate und ich in Korsika im Jahre 1964 in unseren Ponchos unter einer Esskastanie schliefen, die wohl der Schlafbaum wilder Mulis war. Jedenfalls wurden es zu meinem Schrecken immer mehr. Mir träumte damals, dass mir ein Mulo in die Kehle beißen wollte.

Dann begann es heftig zu regnen. Ich begrub die Hoffnung, endlich einmal einen Sonnenaufgang auf dem Gipfel mit Blick über alle Wipfel zu erleben. Doch gegen Morgen hörte der Regen auf. Wir packten unsere Rucksäcke und weckten William um 5 Uhr - zur vereinbarten Zeit. Ursprünglich wollte er uns wecken! Wahrscheinlich hatten die Kerle Rum getrunken. Uns hatten sie Wasser mit Zitronengeschmack gegeben. Mit zwei Taschenlampen und einem Mulo, darauf saß William, machten wir uns auf den Weg. Etwa 100 Höhenmeter vor dem Gipfel blieb William nebst Mulo zurück.

Die Sonne beleuchtete bereits den Horizont. Wir waren eine halbe Stunde zu spät aufgebrochen; sonst hätten wir den Sonnenaufgang auf dem Gipfel erlebt. Aber auch so war es ein großartiges Erlebnis.

Außer dem am Fuße des Gipfels schnarchenden William nebst Mulo waren wir weit und breit die einzigen Lebewesen. Soweit das Auge reichte, sahen wir nur bewaldete Höhen und Täler. Ähnlich könnte einst der Schwarzwald vor dessen Besiedelung von oben ausgesehen haben. Im Unterschied zu unseren Gebirgen sahen und hörten wir aber keine Vögel oder sonstigen Tiere. Vermutlich wird, obwohl Nationalpark, alles abgeknallt, was da fleucht und kreucht; ähnlich wie im Mittelmeerraum.

Als wir abstiegen, begannen Wolken, den Gipfel einzuhüllen. Wir waren an diesen Tage vielleicht die Einzigen, die eine so prächtige Aussicht hatten genießen können. Wie uns Hannes zuvor versicherte, hatte es bis zu unserer Ankunft fünf Wochen lang geregnet. Der Wettergott hatte es folglich diesmal sehr gut mit uns gemeint. Bald kamen uns die ersten Einheimischen entgegen.

Am Vortage waren wir –wie berichtet -, als letzte gestartet, aber als erste im Lager angekommen. Nun sahen diejenigen, die wir gestern überholt hatten, wie wir ihnen entgegenkamen. Immer häufiger wurden wir nach unserer Nationalität und nach meinem Alter gefragt. Es gibt wohl in Hispaniola wenig Männer um die siebzig.

Im Lager angekommen, stieg die Verwunderung über uns noch, als wir, ohne zu rasten, weitermarschierten. Wir wollten nach Möglichkeit der Mittagshitze entgehen. Außerdem hatte mein Sohn leichtsinnigerweise zugesagt, bis 14 Uhr in Cienega zu sein, wo uns unser Fahrzeug erwartete. Es stellte sich heraus, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war, obwohl wir uns bergab meist im Laufschritt bewegten.

Wir hatten insgesamt etwa 50 Kilometer und etwa 5.000 Höhenmeter in knapp zwei Tagen zurückgelegt - nur unsere drei Mulis waren schneller. Unser Training für den Moskau-Marathon hatte sich bezahlt gemacht.

 





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