Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrten auf dem Rhein

 

Das erste Mal befuhr ich den Rhein mit Wolfgang, dem Wingolfiten, im Jahre 1963. Ich hatte im Juni bei der AEG gekündigt, um im August im Bundesministerium für Wirtschaft meine Tätigkeit als "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" aufzunehmen. So hatte ich zwei Monate Zeit, um mich auf "Große Fahrt" zu begeben. Deren letzte Etappe führte von Mainz nach Bonn, meinem zukünftigen Arbeitsort. Unser Boot - noch aus der Vorkriegszeit stammend -, war nach fast zwei Monaten Fahrt so ramponiert, dass wir beschlossen: es im Rhein zu versenken, um dann mit dem "Wertsack" und dem "Trockensack" an Land zu schwimmen. Als geeignete Stelle für unser "Scapa Flow" erschien uns das Binger Loch, von dem ein Reisender im Jahre 1822 berichtete: ,,Diese pfeilschnelle Eile, womit bald nach der Abfahrt angesichts der am Felsenriff schauerlich schwebenden düsteren Burgruine Ehrenfels, die Strömungen des Strudels unsere Barke packten und mit Sturmgewalt fortschleuderten; dieses Wogen und betäubende Brausen des Wellenwirbels, dieses plötzliche heftige Schwanken der Barke und nun der Blick auf die aus dem Strudel jäh aufsteigende schroffe, nackte Felswand, an derem zerbröckelten Fuß so wie an dem des schauerlich einsamen, einer Geisterburg gleichenden Hatto-Thurms, die Brandung des Wellengetümmels schäumend zerschellt."

Zigarettenrauchend ließen wir uns quer zur Flussrichtung treiben, um unser Wrack - wir mussten es am Ende etwa jede Stunde an Land ziehen, um das eingedrungene Wasser über Bord zu kippen -, auf ehrenvolle Weise zu „entsorgen“. Weil wir wieder einmal keinen aktuellen Führer hatten, wussten wir nicht, dass die "Sieben Jungfern", die ,,Hungersteine", die „Mühlsteinfelsen“ und die „Lochsteine“ etc durch Sprengung inzwischen weitgehend unschädlich gemacht worden waren, so dass wir ohne zu kentern die Loreley erreichten. Unterhalb dieses Felsens vertäuten wir unser Boot und stiegen in der Diretissima empor. was wegen der vielen Brombeerbüsche recht mühselig war.

Wegen des dichten Nebels auf der Höhe von Mäuseturm und Ruine Ehrenfels wären wir beinahe von einem Frachtkahn gerammt worden, so dass, wenn auch anders als geplant, unser Boot fast doch noch versenkt worden wäre. Später erfuhr ich von einem "Wasserschupo", dass Sportboote bei Nebel nicht auf dem Rhein fahren dürfen. Wahrscheinlich war der am Bug hoch über uns rumbrüllende und plötzlich aus dem Nebel auftauchende Schiffer deswegen so böse. Er hatte uns wohl im Radar geortet, denn er tutete schon eine ganze Weile mit seinem Nebelhorn. Sein Zorn wurde vielleicht noch dadurch erhöht, dass wir unsererseits fleißig in ein mitgeführtes Jagdhorn stießen.

Der Nebel hatte zur Folge, dass wir am Niederwalddenkmal vorbeifuhren, ohne es zu besichtigen, weil wir die "Germania" (in Wirklichkeit eine gewisse Clara, Tochter des Bildhauers) nicht sahen. Ich holte das Versäumte 37 Jahre später en famille nach. Den Kindern erklärte ich, dass der Reiter in der Mitte des Sockelreliefs Kaiser Wilhelm I. sei, rechts im Bild Bismarck und Moltke stünden und es sich bei dem danebenstehenden Fahnenträger um den Kanonier August Kutschke aus Breslau handele. Als daraufhin der damals achtjährige lngo ausrief, und zwar so laut, dass die Umstehenden es hören konnten: "Der Führer hatte aber viele Soldaten !", nahm ich Abstand davon, der insoweit leidgeprüften Familie neben der "Wacht am Rhein" das einst sehr beliebte Kutschkelied vorzusingen, das mit den Zeilen beginnt: "Was kriecht denn dort im Busch herum, ich glaub, es ist Napolium"

Im übrigen fragte ich mich alsbald, warum - so ein neuzeitlicher Reiseführer-, ein Kanonier eine Fahne getragen haben sollte und schaute in meinem ,,Mayer" von 1892 nach. Dort las ich, dass besagter Kutschke mitnichten Kanonier, sondern Füsilier, und zwar in der 4. Kompanie des 6. Grenadierregiments aus Posen gewesen sei und angeblich das Lied nach dem Sturmangriff auf die einst Freie Reichsstadt Weißenburg am 4. August 1870 gedichtet habe. Auch sei sein wahrer Name nicht August Kutschke, sondern Gotthelf Hoffmann. Misstrauisch geworden, schlug ich die 27. Auflage meines "Büchmann" auf und erfuhr, dass ein gewisser Georg Mitscher, s.Z. Oberleutnant d.R., in der 7. Kompanie des Hohenzollernschen Füsilierregiments Nr. 40 den o.g. Zweizeiler bereits am 2. August 1870, und zwar bei der Verteidigung des Exerzierplatzes Saarbrücken gegen eine ungeheure französische Übermacht gesungen habe, dass o.g. „Napolium“ (allerdings der III.) tatsächlich dem Gefecht beiwohnte und dass - vielleicht deswegen - Mitschers Kameraden begeistert in den Gesang eingefallen seien. Oberleutnant Mitscher wiederum habe den aus den Befreiungskriegen stammenden Zweizeiler im Jahre 1859 als Einjährig Freiwilliger beim 4. Jägerbataillon aufgeschnappt. Ein Kriegsberichterstatter habe den Vers dann am 13. August publik gemacht, der daraufhin in der Kreuzzeitung vom 14. August erschien. Dort las ihn der Feldprediger und spätere Präpositus zu Basedow in Mecklenburg Hermann Pistorius und machte daraus das am 22. August im Mecklenburger Anzeiger veröffentlichte und alsbald sehr populäre Lied. Auch eine Gerichtsverhandlung brachte kein Licht in das Dunkel. Vielleicht wollte man diese s.Z. Deutschland bewegende Frage so genau auch gar nicht klären, daKutschke inzwischen in Bronze gegossen seine Fahne über Vater Rhein flattern ließ und man das Relief schlecht hätte umschmelzen können. Im übrigen klingt "Kanonier Kutschke" wesentlich heroischer und damit preußischer als ,,Präpositus Pistorius" ! Schon die alten Römer wussten: mundus vult decipi ergo decipiatur

Die Welt will betrogen sein, darum werde sie betrogen !

Auf einer Insel, wohl der Urmitzer Werth, bezogen wir unser Nachtquartier und machten dann einen Kassensturz. Dabei ergab sich, dass wir gerade noch genügend Geld hatten für ein Telefongespräch nach Detmold; dort wohnte Wolfgangs Mutter. Um in Bonn nicht als mittellose Schiffbrüchige dazustehen, wollte Wolfgang sie bitten, etwas Geld an den Bonner Wingolf zu schicken. Die nächste Kneipe befand sich, wie wir gesehen hatten, ein bis zwei Kilometer flussaufwärts, war also mit dem Boot nicht zu erreichen. Also musste Wolfgang an Land schwimmen - mit einem "Trockensack" um den Hals und einem Messer um den Bauch, für den Fall, dass der Sack durch die Strömung ihm die Kehle zuschnüren würde. Derweil zündete ich an der Spitze des Eilandes eine Kerze an, um meinem Verbindungsbruder die Orientierung zu erleichtern. Die Strömung trieb ihn jedoch an meinem "Leuchtturm" vorbei. Zum Glück war die Insel so lang, dass er es schaffte, an deren Ende zu landen.

Der Bonner Wingolf befand sich dicht am Rhein, so dass die Wahrscheinlichkeit gering war, dass mich einer meiner zukünftigen Kollegen erkennen würde oder später wiedererkennen würde, als wir unsere triefenden Säcke dorthin schleppten.

Wahrscheinlich hatte bislang noch kein Bediensteter der Bundesregierung seinen Arbeitsplatz auf diese Weise erreicht.

1967: Der Vorderrhein und der Hinterrhein vereinigen sich bei Chur in Graubünden zum Oberrhein. Ihn befuhren Renate und ich, und zwar von Chur bis Schaffhausen im Sommer 1967. Wieder einmal waren wir die Einzigen auf dem reißenden Fluss. Wohl, weil zu jener Zeit kaum jemand diese Strecke befuhr, gewannen die Einheimischen Kies, indem sie zwei Stahlseile über den Fluss spannten und mit Hilfe von zwei Traktoren (an jedem Ufer einer) mit einem Schrapper den Kies aus dem Fluss holten. Um uns zu warnen, bewegte am zweiten Tag ein Mann die Hand als ob er sich die Kehle durchschnitte. Was er schrie, konnten wir wegen der lauten Strömung nicht verstehen.. Zum Glück sah Renate gerade noch rechtzeitig das dünne Stahlseil, so dass wir unsere Köpfe einziehen konnten. Fortan hielten wir eifrig Ausschau nach derartigen ,,Halsabschneidern", zumal uns einen Tag später ein Baggermann genussvoll erläuterte, was geschieht, wenn das am Flussboden durchhängende Stahlseil angezogen wird und sich mit dem schon gespannten Seil vereint, falls sich dazwischen ein Faltboot befindet.

Am Abend brannten Feuer auf vielen Höhen rechts und links des Rheins. Die Schweizer feierten die Wiederkehr des Tages, an dem die „Eidgenossen“ von Uri, Schwyz und Unterwaiden ihren Schwur leisteten. Allerdings soll es an diesem Tage, dem 1. August, meist regnen.

Am nächsten Tage fuhren wir durch Liechtenstein, dem kleinsten deutschen oder - "politisch korrekt" - deutschsprachigen Staat.

Als wir den Bodensee erreichten, zelteten wir auf einer Landzunge, namens Rohrspitz. Alsbald kam Sturm auf. Ein Segelschiff rauschte in das unser Lager umgebende Schilf; bemannt mit einem etwa sieben Jahre alten Jungen. Sein Vater war im Sturm bei einer Halse über Bord gefallen. Er hatte, wie uns sein Sohn erklärte, im Krieg ein Bein verloren, sodass ihm geholfen werden musste. Wir schickten ihn zum nächsten Bootshaus. Ich schwamm hinaus. Zum Glück war ein Motorboot vor mir bei dem Havaristen. Er war ziemlich schwer und hätte mir gefährlich werden können.

Auf der Halbinsel Mainau mussten wir auf einem öffentlichen Zeltplatz übernachten, da es weit und breit keine freie Natur gab. Nach mehreren Tagen Einsamkeit empfanden wir den dicht belegten Zeltplatz als sehr unangenehm.

Zum Glück fanden wir zwischen Konstanz und Schaffhausen am vorletzten Tag unserer Fahrt eine stille Bucht. Nachts hörte Renate ein patschendes Geräusch. Uns deuchte, ein Mensch würde durch die flache Bucht waten. Ich griff zum Beil und suchte im Adamskostüm die Bucht ab. Der Mond schien, so dass man recht gut sehen konnte. Der ungebetene Gast war verschwunden. Dieser Spuk wiederholte sich noch einige Male. Dann dämmerte uns, dass das Geräusch nicht von Menschenfüßen, sondern von Fischflossen herrührte. Wir sahen im Mondschein, wie Fische sich jagten und dabei im sehr flachen Wasser mit der Schwanzflosse auf das Wasser schlugen, um vorwärts zu kommen. Wahrscheinlich "feierten sie Hochzeit".

1983 befuhren Wulf, Ingo und ich den Altrhein am Kühkopf. Außer Sokrates waren noch zwei Klassenkameraden mit von der "Seepartie". Eines der vier Boote führte - wie auf dem nachstehenden Foto ersichtlich -, einen Schlafsack mit sich, der auffällig in einer Rot-Kreuz-Tüte verpackt, aber nicht vertäut war, so dass wir ihn verloren. Er trieb auf dem Rhein und wurde dort vom DLRG entdeckt. Fatalerweise waren die Adresse und Telefonnummer angegeben, so dass die Eltern des Klassenkameraden benachrichtigt wurden. So kam es, dass bei unserer Rückkehr am nächsten Tag der besorgte Vater uns auf der Schwelle unseres Hauses erwartete.

Im Sommer 2001 fuhren Wulf und Ingo mit mir auf dem Hochrhein von Schaffhausen nach Stein, 40 Kilometer vor Basel gelegen. Als wir die Boote aufbauten, überraschte uns ein gewaltiges Gewitter, was die ohnehin gering entwickelte Begeisterungsfähigkeit Ingos für das Faltbootfahren erheblich beeinträchtigte. Zum Glück hatten die Schweizer an allen Schleusen vorbildliche Umtrage - oder Umfahrmöglichkeiten geschaffen, so dass uns die zahlreichen Staustufen keine Mühsal bereiteten.

Uns fiel auf, dass auf der schweizer Seite des Rheins überall Fahnen wehten, meist die Kantonsfahne und die schweizer Fahne. Wenn auf deutscher Seite -sehr selten-, eine Fahne wehte, war es in mehreren Fällen das Sternenbanner, die Fahne der „Südstaaten“ oder der Firma Ferrari.

Am zweiten Tag kenterten wir nach einer Staustufe - vermutlich dem Kraftwerk Rheinau -, beim Einsetzen. Ich hatte nicht achtgegeben. Dieses Missgeschick führte zu dem Entschluss, in Stein gegenüber Säckingen die Fahrt zu beenden.

Am Ostersonntag 2002 fuhren Wulf und ich vom Schiersteiner Hafen nach Rüdesheim. Es war sehr früh im Jahr, so dass wir wie meist keine anderen Sportboote sahen.

Unserer Lände gegenüber erhob sich der Rochusberg, von dem Bettina von Arnim sagte, dass er ihr der liebste Platz im Rheingau sei. Der Gipfel wird gekrönt von der Rochuskapelle, in der sich ein von Goethe gestiftetes Bild befindet, welches ihn als den Heiligen Rochus darstellt!

Am ersten Sonntag nach dem 15. August wird alljährlich das Rochusfest gefeiert. Höhepunkt der Beschreibung des Rochusfestes von 1814 durch Goethe ist dessen nachfolgende Wiedergabe der angeblichen Fastenpredigt eines ungenannten Weihbischofs : "Ihr überzeugt Euch also hieraus, andächtige, ja zu Reu' und Buße schon begnadigte Zuhörer, dass derjenige die größte Sünde begehe, welcher die herrlichen Gaben Gottes solcherweise mißbraucht. Der Mißbrauch aber schließt den Gebrauch nicht aus. Stehet doch geschrieben: Der Wein erfreuet des Menschen Herz! Daraus erhellet, dass wir, uns und andere erfreuen, des Weines gar wohl genießen können und sollen. Nun ist unter meinen männlichen Zuhörern vielleicht keiner, der nicht zwei Maß Wein zu sich nähme, ohne deshalb gerade einige Verwirrung seiner Sinne zu spüren, wer jedoch, bei dem dritten und vierten Maß schon so arg in Vergessenheit seiner selbst gerät, dass er Frau und Kinder verkennt, sie mit Schelten, Schlägen und Fußtritten verletzt und seine Geliebtesten als die ärgsten Feinde behandelt, der gehe sogleich in sich und unterlasse ein solches Übermaß, welches ihn missfällig und Gott und den Menschen, und auch seinesgleichen verächtlich macht. Wer aber bei dem Genuss von vier Maß, ja von fünfen und sechsen noch dergestalt bei sich selber gleich bleibt, dass er seinem Nebenchristen liebevoll unter die Arme greifen kann, dem Hauswesen vorstehen kann, ja die Befehle geistlicher und weltliche Obern auszurichten sich imstande fühlt: auch der genieße sein bescheiden Teil und nehme es mit Dank dahin! Er hüte sich aber, ohne besondere Prüfung weiter zu gehen, weil hier gewöhnlich dem schwachen Menschen ein Ziel gesetzt ward. Denn der Fall ist äußerst selten, dass der grundgütige Gott, jemanden die besondere Gabe verleiht, acht Maß trinken zu dürfen, wie er mich, seinen Knecht gewürdigt hat. Da mir nun aber nicht nachgesagt werden kann, dass ich in ungerechtem Zorn auf irgend jemand losgefahren sei, dass ich Hausgenossen und Anverwandte misskannt, oder, gar die mir obliegenden geistlichen Pflichten und Geschäfte verabsäumt hätte, vielmehr ihr alle mir das Zeugnis geben werdet, wie ich immer bereit bin, zu Lob und Ehre Gottes, auch zu Nutz und Vorteil meines Nächsten mich tätig finden zu lassen: so darf ich wohl mit gutem Gewissen und mit Dank dieser anvertrauten Gabe mich auch fernerhin erfreuen. Und ihr, meine andächtigen Zuhörer, nehme ein jeder, damit er nach dem Willen des Gebers am Leibe erquickt, am Geiste erfreut werde, sein bescheiden Teil dahin ! Und auf dass ein solches geschehe, alles Übermaß dagegen verbannt sei, handelt sämtlich nach der Vorschrift des heiligen Apostels, welcher spricht: Prüfet alles und das Beste behaltet !"

Bald sahen wir auf Backbord die über Bacharach gelegene und - wie üblich - von den Franzosen unter Mélac zerstörte Burg Stahleck. In der dortigen Jugendherberge übernachtete ich 1952 zum ersten Mal seit Beginn meiner "Tramptour" von Berlin nach Rom in einem Bett, und zwar zum Preis von 60 Pfennigen. Da mein Tagesetat bei einer Mark lag, konnte ich mir ansonsten keine Übernachtung in Jugendherbergen leisten. Für die Fahrt von Berlin nach Westdeutschland musste ich im übrigen den so genannten ,,Interzonenpaß" beantragen.

Victor Hugo schrieb 1839 : "Wenn die Sonne eine Wolke verscheucht, um durch eine Himmelsluke zu lächeln, gibt es nichts Bezaubernderes als Bacharach."

Ein Gelehrter am Hofe Friedrich II. von Hohenstaufen leitete den Namen der Stadt von ,,Bacchi ara" - dem Altar des Bacchus -, ab.

Der alte „Meyer“ schreibt in diesem Zusammenhang, dass bei sehr niedrigem Wasserstand (z.B. 1857 und 1865) ein großer viereckiger Stein sichtbar werde, der zur Römerzeit eine dem Bacchus geweihte Opferstätte gewesen sein soll.

Das bemerkenswerteste Gebäude Bacharachs ist die Wernerkapelle aus Wasgauer Sandstein. Der 1293 begonnene Bau wurde nie vollendet. Dieses zu den feinsten Werken der Gotik zählende Bauwerk verdankt seine Entstehung der Legende eines angeblich von Juden im Jahre 1287 in Oberwesel ermordeten Knaben namens Werner. Der Strom soll seine Leiche in Bacharach an Land geschwemmt haben. Da Oberwesel unterhalb von Bacharach liegt, müsste der Leichnam flussaufwärts geschwommen sein!

Heinrich Heine hat aus der Legende eine Novelle mit dem Titel "Der Rabbi von Bacharach" gemacht: Am Passahfest der jüdischen Gemeinschaft in Bacharach nahmen zwei Fremde teil . Der Rabbi bemerkte, wie einer der Fremden aus seinem Umhang ein totes Kind zur Erde gleiten ließ und es unter den Tisch schob. Dem Rabbi wurde klar, dass ein „Ritualmord“ vorgetäuscht werden sollte, um die Juden Bacharachs unter diesem Vorwand abzuschlachten. Unverzüglich begab er sich mit seiner Tochter zum Rhein und ließ sich von einem Getreuen in einem Kahn nach Frankfurt am Main rudern.

Vermutlich hat Heine nie versucht, einen mit drei Personen besetzten Kahn rheinaufwärts zu rudern!

Am Pfingstsonntag 2003 setzten Wulf, Ingo, Laura und ich die Fahrt fort, die Wulf und mich im vorangegangenen Jahr bis Rüdesheim geführt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben stachen drei Generationen in See. Bemerkenswert erschien uns, dass Laura keine Angst zeigte, obwohl wegen der Feiertage und wegen des schönen Wetters so viele Schiffe unterwegs waren, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte.

Es hatte lange nicht geregnet, so dass zwischen Burg Rheinstein und Burg Reichenstein eine Kiesbank sichtbar geworden war, die meines Wissens noch keinen Namen hat. Wir nannten sie Laura-Insel. (Später erfuhr ich, dass die Kiesbank doch einen Namen hat; sie heißt Clemensgrund.)

Wegen des niedrigen Wasserstandes bestand die Gefahr, mit einem der zahlreichen Felsen, insbesondere im Binger Loch, zu kollidieren. Da Laura keine Schwimmweste, sondern nur Schwimmflügel hatte, hätte das gefährlich werden können. Die Felsen rühren zum Teil von einer außerordentlich harten Quarzitader her, die wenige Meter unterhalb des Mäuseturms den Fluss durchzieht. Während vieler Jahrhunderte versperrte dieses Riff den Rhein, so dass die Güter, die die Schiffe beförderten, ausgeladen und unter- oder oberhalb des Riffs auf andere Schiffe verladen werden mussten. Nur in der Talfahrt konnte das Riff bei hohem Wasserstand unter großer Gefahr überwunden werden.

Neben den Römern versuchten Karl der Große, die Rheingrafen und die Erzbischöfe von Mainz ohne Erfolg/eine Breche in das Riff zu schlagen. Erst nach Erfindung des Schießpulvers gelang es Holländern, eine vier Meter breite Breche in den Fels zu sprengen. Es entstand das "Binger Loch"! Unter preußischer Verwaltung wurde das Loch 1832 auf 23 Meter und 1893 auf 30 Meter Breite erweitert.

Auf einem Denkmal an der B 9 steht: "An dieser Stelle des Rheins verengte ein Felsenriff die Durchfahrt. Vielen Schiffen ward es verderblich. Unter der Regierung FRIEDRICH WILHELMS III., Königs von Preußen, ist die Durchfahrt nach dreijähriger Arbeit auf 210 Fuß ,das Zehnfache des früheren, verbreitert. Auf gesprengtem Gestein ist dieses Denkmal errichtet. 1832"

Über Burg Reichenstein gibt es im übrigen eine hübsche Geschichte. Se non e vero, e ben trovato : Im 19.Jahrhundert war Burg Reichenstein eine Ruine. Als solche hat sie Victor Hugo kennengelernt. Er schreibt: "Als ich so fortschritt, fiel mein Auge auf die Ecke eines Grabsteins, welcher aus dem Schutt hervorsah. Eifrigst beugte ich mich nieder. Mit Händen und Füßen beseitigte ich den Schutt und in wenigen Augenblicken hatte ich eine schöne Grabplatte des vierzehnten Jahrhunderts aus rotem Heilbronner Sandstein enthüllt. Auf dieser Platte lag, fast halb erhaben, ein vollkommen gerüsteter Ritter, welchem aber der Kopf fehlte. Unter den Füßen dieses Mannes von Stein stand folgendes, aber immer noch deutlich lesbares Distichon in großen römischen Anfangsbuchstaben: VOX TACUIT PERIIT LUX. NOX RUIT ET RUIT UMBRAVIR CARET IN TUBA QUO CARET EFFIGIES. (Auf Burg Reichenstein konnte man mir den Sinn dieser Inschrift nicht erklären. Auf deutsch lautet der merkwürdige Text vermutlich so: Die Stimme schweigt Das Licht verlöscht Die Nacht bricht herein Und der Schattenmann erscheint Ihm fehlt die Trompete Wozu braucht er ein Schattenbild)

Von welcher Person sprachen diese, an Inhalt traurigen, an Form barbarischen Verse? Durfte man dem zweiten Verse am Steine glauben, so fehlte dem Gerippe unten so gut wie dem Bildnis oben der Kopf. Was bedeuten die drei X, welche durch ihre besondere Größe so auffallend aus der übrigen Schrift hervortraten? Indem ich die Platte aufmerksam betrachtete und mit einer Handvoll Gras vollends reinigte, bemerkte ich um das Bild herum noch andere fremdartige Zeichen. Es waren die drei X in dreifach verschiedener Form. Weiteres habe ich nicht von dem geköpften, geheimnisvollen Ritter erfahren." Möglicherweise bezieht sich die Inschrift der geheimnisvollen Grabplatte - sie muss bald nach dem Besuch des Dichters verschwunden sein -, auf folgendes Vorkommnis: Während des Interregnums - der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit-, verkam Burg Reichenstein zu einem Raubritternest. das im Jahre 1282 von Rudolf von Habsburg ausgehungert wurde. Mit Ausnahme des Burgherren, Dietrich von Hohenfels, der entkam, sollen alle seine Mannen vom deutschen König zur Abschreckung an Bäumen aufgehängt worden sein. Soweit die geschichtliche Überlieferung. Einer Sage zufolge soll Ritter Dietrich den König jedoch um ein Gottesurteil gebeten haben: Von seinen neun Söhnen sollten alle die am Leben bleiben, an denen der zuvor geköpfte Ritter vorbeigehen könne. König Rudolf ging darauf ein. Der kopflose Raubritter schaffte es, an allen neun Söhnen vorbeizuwanken, bevor er tot umfiel. Rudolf von Habsburg schenkte den Söhnen daraufhin das Leben. Das Ganze soll sich an der unterhalb der Burg gelegenen Clemenskapelle abgespielt haben.

Auch die Burgruine Ehrenfels, die wir kurz nach Beginn unserer Fahrt auf Steuerbord erblickten, hat eine lange Geschichte. Sie diente seit ihrer Fertigstellung im Jahre 1211 als Zollburg der Mainzer Erzbischöfe und bewirkte eine große Verteuerung der auf und an dem Rhein beförderten Güter. Wegen der hohen Bedeutung der Sperrfeste für die geldgierigen Mainzer Kirchenfürsten wurde sie so ausgebaut, dass sie lange als uneinnehmbar galt und als "Schatzkammer" der Mainzer Bischöfe diente. Erst den Franzosen gelang es im Pfälzischen Erbfolgekrieg, diese Burg ebenso wie fast alle anderen Rheinburgen zu zerstören. Über die Ruine schrieb KarI Simrock: "Der Felsen, in dem die Burgruine wie ein Schwalbennest hängt, ist der Türpfosten des mächtigen Burgtores, das sich der Rhein nach dem Schauplatz seiner männlichen Taten gebrochen hat. Wenn irgendeine der alten Burgen in dem Uferfelsen des Rheintales Wiederherstellung verdient, so wäre es diese; auch könnte es ohne großen Aufwand geschehen, da die zierlich gekrönten Türme noch ganz wohl erhalten sind."

Sein Appell verhallte unterhört. Weil die Deutschland derzeit regierenden Parteien zumeist nur dann das Geld ihrer „Untertanen“ ausgeben, wenn es vermeintlich ihrer Wiederwahl nutzt und weil die Pflege des Ererbten keine „Lobby“ hat, wird auch dieses Bauwerk wohl weiter verfallen.

Unsere Fahrt endete in Kaub am Pfalzgrafenstein. Der Pfalzgrafenstein bei Kaub ist neben der Marksburg die einzige unzerstört gebliebene Rheinburg. Mit Hilfe dieser Burg sowie der gegenüber liegenden Burg Gutenfels schröpften die Pfalzgrafen die Schiffer so arg , dass dies der Papst Johannes XXII. im Jahre 1327 zum Anlass nahm, den deutschen Kaiser, Ludwig von Bayern, zu bannen.

Beim mittels 71 Pontons erfolgten Rheinübergang der Schlesischen Armee unter Blücher in der Neujahrsnacht 1813/1814 mit 50.000 Mann und 15.000 Pferden diente der Pfalzgrafenstein sozusagen als Trittstein. Ohne das Husarenstück des „Marschalls Vorwärts“ wäre die Geschichte wohl anders verlaufen; wollten doch unsere „Alliierten“ den Franzosenkaiser unbehelligt über den Rhein entkommen lassen! Durch Blücher wurde der Rhein wieder zu "Teutschlands Strom und nicht zu Teutschlands Gränze", so wie es Ernst Moritz Arndt gefordert hatte.

In der Mitte des Monats Oktober des Jahres 2003,- unsere Vorfahren nannten diesen Monat Gilbhard -, fuhren Elmar und ich sowie ein weiterer Wasserschutzpolizist nebst Lebensgefährtin von Rüdesheim bis Kaub.

Am "Roten Stein" sah man weiße Nebel im Tal der Aar wallen. Wir befürchteten, dass auch am Rhein die Wetterlage ähnlich sein könnte. Elmar wies darauf hin, dass Sportboote bei Nebel nicht auf dem Rhein fahren dürfen. Zu unserer Freude war das Rheintal jedoch frei von Nebel.

Geplant war, die Fahrt erst an der Loreley zu beenden, jedoch kenterten Elmar, Gunter und Barbara - seine Lebensgefährtin - kurz hinter dem Pfalzgrafenstein mit ihrem Kanu und brauchten etwa einen Kilometer, um an Land zu gelangen. Wie meist bei diesem Bootstyp lag der Schwerpunkt der Insassen über der Wasseroberfläche. Dazu kam, dass deren Körpergewicht zusammen ein Mehrfaches des Gewichtes des Bootes betrug. Auch ich wäre beinahe havariert, weil ich, als ich im Binger Loch den Mäuseturm fotografierte und anschließend die Kamera in der Trockentonne verstaute, nicht auf die zahlreichen Bojen achtete und deshalb beinahe gegen eines dieser Dinger gestoßen wäre. Die Strömungsgeschwindigkeit im Binger Loch beträgt etwa 10 Kilometer in der Stunde, so dass ein "Totalschaden" die Folge meiner Unachtsamkeit hätte sein können.

Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anfuhren, dass ich in den über 60 Jahren, in denen ich Gewässer befahre, mir angewöhnt habe, lediglich auf das Ufer sowie auf Kiesbänke, Felsen und Bäume unter Wasser und ähnliche natürliche Hindernisse zu achten. Bojen waren früher sehr selten und sind es auf den meisten Strömen Europas immer noch. Ich glaube, dass es mittlerweile nirgendwo so viele Bojen gibt, wie auf dem Mittelrhein. Wieder einmal kam ich zu der Schlussfolgerung, dass die größten Gefahren in der Natur meist vom Menschen ausgehen.

Übrigens ist die Bezeichnung ,,Mäusetunn" Volksetymologie; entstanden aus seiner Funktion als "Mautturm". Es gibt allerdings über diesen Turm und seinen Namen eine schöne Sage, die der Lothringer Victor Hugo im Jahre 1840 wie folgt wiedergab: " In meiner Kinderzeit hatte ich über meinem Bett ein kleines Bild in schwarzem Rahmen hängen, das irgendeine deutsche Magd einmal mitgebracht hatte. Es stellte einen alten, einsamen, bemoosten, verfallenen Turm dar, rings von einem schwarzen Wasser umgeben, das ihn mit seinen Dünsten umhüllte, und von Bergen, die ihren Schatten darüber warfen. Der Himmel über dem Turm war dunkel und düster bewölkt. Nach dem Abendgebet, vor dem Einschlafen, habe ich immer dies Bild betrachtet. Nachts erschien es mir im Traume, aber schrecklich verändert. Da wuchs der Turm in die Höhe, das Wasser wallte, ein Blitz fuhr aus den Wolken, der Wind pfiff von den Bergen und steigerte sich manchmal zum Geheul. Eines Tages fragte ich die Magd, wie denn der Turm heiße. "Mäuseturm" , sagte sie und schlug ein Kreuz. Und dann erzählte sie mir eine Geschichte. Vor Zeiten habe zu Mainz, ihrer Heimat, ein böser Bischof, namens Hatto gelebt, der sei überaus geizig gewesen und habe seine Hand lieber zum Segnen als zum Geben ausgestreckt. In einem bösen Jahr habe er alles Korn aufgekauft, um es dem Volk für teures Geld wieder zu verkaufen, so habgierig sei dieser Priester gewesen. Da sei die Hungersnot so groß geworden, dass sogar die Bauern Hungers starben, in den Orten am Rhein. Da habe sich das Volk versammelt vor dem Palast zu Mainz und weinend um Brot gebettelt, aber der Erzbischof habe es abgeschlagen. Und hier nun wurde die Geschichte ganz schrecklich. Nämlich das hungernde Volk zerstreute sich nicht sondern umringte immer nur seufzend den erzbischöflichen Palast. Da ergrimmte Hatto, seine Häscher umzingelten das arme Volk, sie packten Männer und Weiber, Kinder und Greise, sperrten sie in eine große Scheune und legten Feuer daran. Das war, so sagte die Alte, gewiss ein Schauspiel zum Steinerweichen. Aber Hatto lachte nur, und als die unglücklichen Menschen in den Flammen drinnen vor Schmerzen schrien, da sagte er: Hört ihr meine Mäuse pfeifen? Anderntags war die Scheune ein Aschenhaufen, in Mainz gab es fast kein Volk mehr, die Stadt schien öd und leer, aber auf einmal erschienen viele Ratten und Mäuse, sie kamen aus der Erde, ja sogar unter dem Pflaster hervor, sie drangen durch die Mauerrisse, und wenn man sie zertrat oder mit Steinen und Keulen erschlug, so vermehrten sie sich nur immer stärker, schließlich überfluteten sie die Straßen, die Festung, den Palast, Zimmer, und Speicher. Ganz bestürzt flüchtete Hatto aus der Stadt ins Freie, aber die Mäuse folgten ihm. Er rettete sich in das hochummauerte Bingen, aber die Mäuse kletterten über die Mauem nach Bingen hinein. Da ließ der Erzbischof mitten im Rhein eiligst einen Turm bauen, zu Schiffe fuhr er dorthin, und sechs Ruderknechte schlugen das Wasser. Aber die Mäuse und Ratten stürzten sich in den Rhein, sie schwammen zu dem Turm, erkletterten ihn, zernagten Tore, Dächer, Fenster, Dielen und Decken, sie drangen endlich in das innere Gemach, wo sich der böse Erzbischof verborgen hielt und da fraßen sie ihn bei lebendigem Leibe auf- Seitdem ruht der Fluch des Himmels und das Grauen der Menschen über dem Turm, und seitdem heißt er Mäuseturm. Verlassen steht er mitten im Strom, er verfällt zur Ruine, und nachts sieht man zuweilen rötlichen Dampf aufsteigen, wie von einer Feueresse; das ist Hattos Seele, die da umgeht.“

Nachzutragen bleibt, dass wir gegen Mittag bei herrlichem Sonnenschein auf dem Pfalzgrafenstein rasteten. Leider war die "Pfalz" geschlossen, so dass ich den Gefährten nicht die sich im Burghof befindende Schieferplatte zeigen konnte, in die eingeritzt das hübsche Gedicht "Herzliebchen in der Pfalz" zu finden ist, das Heinrich Heine im Jahre 1824 dort verfasste:

Bald danach setzten Wulff und ich die Fahrt fort und fuhren bis zur Loreley; angeblich Hort des Schatzes der Nibelungen: "Der Nibelungen Hort liegt in dem Lurenberge." Lure soll soviel wie Elfe heißen, was wohl Clemens von Brentano veranlaßt hat, die Ballade "Zu Bacherach am Rheine wohnt eine Zauberin" zu dichten; das Vorbild für Heines berühmtes Gedicht. "Ley" bedeutet "Stein" und "Schiefer" und kommt in mehreren indogermanischen Sprachen in dieser Bedeutung vor. So heißt Stein auf griechisch "laos". Auch das Wort "Rhein" ist uralt. Im Sanskrit heißt "rina" soviel wie "rinnen" oder "fließen"; ebenso im griechischen (rei).

Wir beendeten unsere Fahrt in St. Goarshausen unterhalb der Burg Katz.

Sie wurde 1371 von Graf Wilhelm von Katzenelnbogen errichtet und erhielt den Namen "Neu-Katzenelnbogen". Der ursprüngliche Name dieses kattischen, also hessischen Herrschergeschlechts lautete "Cattimelibocus" und sollte zum Ausdruck bringen, dass der Besitz bis zum Melibokus im Odenwald reichte.

Die Burg Katz war eine der wenigen Rheinburgen, die zunächst der Vernichtungsorgie der Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg widerstanden. Erst Napoleon vollendete 1806 das gallische Zerstörungswerk Ludwigs des XIV.

1896 wurde die Burg unter preußischer Verwaltung wieder aufgebaut. Gegenüber der Burg Katz liegt die gleichfalls von den Grafen von Katzenelnbogen errichtete Burg Rheinfels - einst eine der stärksten Festungen des Reiches und gleichfalls von unseren lieben Nachbarn, der "Grande Nation", gesprengt. Am Fuße dieser Burg, in St. Goar, vertranken Wolfgang und ich 1963 den Rest unserer Reisekasse. Anschließend demontierten wir - "beschwingt" vom edlen Rheinwein - auf dem Weg durch das nächtliche St. Goar zu unserem am Ufer vertäuten Boot ein Schild mit dem rheinland-pfälzischen Wappen und der Aufschrift "Amtsgericht". Da wir unverzüglich nach der ruchlosen Tat zu der nächsten unbewohnten Insel fuhren, um dort zu übernachten, fühlten wir uns vor etwaigen Häschern sicher - so dachten wir. Am nächsten Morgen dämmerte mir, dass meine bevorstehende Beschäftigung im Bundeswirtschaftsministerium ein schnelles Ende fände, wenn meine Missetat ruchbar würde. Also banden wir das Schild mittels zweier Schnüre unter dem Boot fest, so dass - käme etwa die Wasserschutzpolizei - , wir die Schnüre hätten kappen können und das Corpus delicti auf den Grund von Vater Rhein gesunken wäre. Indessen, was schief gehen kann, geht schief: Wie anfangs erwähnt, mussten wir unseren ramponierten Kahn etwa jede Stunde an Land umdrehen und "entwässern". Als wir dies gegenüber Boppard zum ersten Mal nach unserem nächtlichen Raub taten, sahen wir, dass ein Schiffer uns mit dem Fernglas beobachtete. Zu meinem Entsetzen sah ich, dass an seinem Kahn als Herkunftsort St. Goar verzeichnet war. Fortan drehten wir unser Boot stets so um, dass dessen Boden nicht zu sehen war. Jedes Mal, wenn sich ein Boot der Wasserschutzpolizei näherte, schlug mein Herz bis zum Hals. Ich ahnte damals noch nicht, dass ich meine Pension dereinst vom Lande Rheinland-Pfalz erhalten würde.

Im Juli 2003 befuhren Ben, Elmar, Hans, Peter, Willi und ich den Rhein vom badischen Goldscheuer, vor Straßburg gelegen, bis Greffen bei Lichtenau auf der Höhe von Baden-Baden. Elmar, Hans und Peter sind Hessen. Ben stammt aus Algerien und Willi aus Bayern. Willi ist im allgemeinen die Abkürzung für Wilhelm; in Bayern jedoch, so lernte ich, für Willibald, was soviel wie kühner Wilhelm bedeutet. Die gleiche Bedeutung haben das englische "bold", das italienische "baldi" (Garibald)" und der Name des westgotischen Herrschergeschlechts der Balten. Die Russen, Litauer, Esten und Letten, die jetzt diesen schönen Namen für sich reklamieren, wissen zumeist wahrscheinlich ebensowenig wie die Engländer, die Lombarden, die Franzosen etc., dass sie sich mit germanischen Stammesbezeichnungen schmücken.

Auch der Name des Ortes Lichtenau hat eine des Erwähnens werte Geschichte. Die Geliebte Friedrich Wilhelms II., Tochter eines preußischen Stabstrompeters, erhob der König in den Adelsstand, und zwar als Gräfin von Lichtenau, nachdem sie ihm fünf Kinder geboren hatte. Sie entwarf das romantische Lustschloß auf der Pfaueninsel.

Den Abend verbrachten wir in einem Gasthaus am oder besser auf dem Rhein. Zu meiner Überraschung erzählte uns der Wirt, dass die jungen Elsässer sich mehr als die alten Deutschland zuwenden - und von Frankreich abwenden; und zwar, weil sie von den Franzosen nicht als gleichwertig akzeptiert würden. Aus der Geschichte weiß man, dass alles im Fluss ist. Von weitem homogen wirkende Vielvölkerstaaten wie die ehemalige Sowjetunion oder Jugoslawien sind ebenso zerfallen wie das alte Österreich. Auch Frankreich ist ein Vielvölkerstaat! Die an der Sorbonne Studierenden waren im XV. Jahrhundert in Landsmannschaften zusammengefasst - ähnlich wie in Prag, dem Sitz der ersten deutschen Universität. Wie es heißt, schlossen sich die Studenten aus der Normandie und Picardie mit Deutschen und Engländern zusammen; die Studenten aus Burgund und Toulouse vereinten sich mit Italienern!

Obwohl - abgesehen von Elmar -, noch keiner der anderen ein Faltboot zusammengebaut hatte, bewerkstelligten sie dies mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Deutschen waren nicht nur das Volk der Dichter und Denker, sondern auch und, wie es scheint, vor allem, das Volk der Tüftler und Techniker.

Als wir in die Straßburger Schleuse einfahren wollten, vertrieb uns der Schleusenwärter mittels Sirenengeheul! An Schleusen in Deutschland, Österreich und der Schweiz war uns das bisher nicht widerfahren. Im deutschen Sprachraum, zu dem Elsaß rund 2000 Jahre lang ja auch gehörte, sind an den großen Schleusen Hinweise und Hilfen für Sportbootfahrer vorhanden. An allen drei französischen Schleusen, die wir bei dieser Fahrt kennenlernten, fehlten solche Hinweise und Hilfen, was das Befahren des von den Franzosen vereinnahmten Teils des Rheins mit Sportbooten für Ältere und Frauen nahezu unmöglich macht.

An der zweiten Schleuse, bei Gambsheim gelegen,hatten wir zum Glück die Möglichkeit, diese zu umfahren und zwar sowohl auf elsässischer Seite, dort mündet die Ill- nach ihr hat das Elsaß seinen Namen (Elsässer = Sassen an der Ill ) -, als auch auf badischer Seite. Wir entschieden uns für die badische Seite, was richtig war. Dort erwartete uns ein schnellfließender Bach mit klarem Wasser und einer Slalomstrecke für Kanuten - der Höhepunkt unserer Fahrt.

Am 14. August 2004 setzten Hans, Willibald und ich bei Flusskilometer 321 die Fahrt fort, die uns im Vorjahr bis Grefern geführt hatte. Es regnete seit den frühen Morgenstunden, so dass Willibald beschloss, uns im PKW zu begleiten. Hans foppte mich, indem er behauptete, bis zur Schleuse Iffezheim seien es nur drei Kilometer. Als nach neun Kilometern immer noch keine Schleuse zu sehen war, meinte er, dass je drei Kilometer auf Willibald, ihn und mich entfielen.

Zum Glück mussten wir die Boote an der Schleuse nicht umtragen sondern konnten sie auf der elsässischen Moder umfahren. Es war die letzte Schleuse auf dem Rhein, so dass wir danach bei einer steifen achterlichen Brise und rasch zunehmender Strömung flott vorankamen. Hans und ich haben nicht nur steife Oberlippen, sondern auch ebensolche Hälse, so dass uns das Drehen des Kopfes Mühe macht. Wohl deshalb sahen wir nicht, dass ein Kieskahn ein anderes Motorschiff auf Steuerbord, wo wir uns befanden, überholen wollte. Zum Glück hörte Hans die Hupe des Kieskahns und warnte mich, indem er "Warschau'" rief. Seitdem er das Patent zum Hochseesegeln erworben hat, befleißigt sich Hans zu meiner Freude einer seemännischen Ausdrucksweise. Wohl auch deshalb erzählte ich am Abend, dass Überlebende des von den Briten im Winter 1943 im Nordatlantik versenkten Schlachtschiffes Scharnhorst die Frage bewegt, ob tatsächlich einer von den über 1000 Matrosen vor dem "Absaufen" gesungen habe: "Auf einem Seemannsgrab blüh' n keine roten Rosen" Auch soll keiner dem Tode Geweihten gejammert oder geschrieen haben.

Wir waren im Hafen Maxau an Land gegangen und übernachteten in dem hübschen badischen Ort Knielingen. Besonders gefiel uns die evangelische Kirche nebst eindrucksvollem Kriegerdenkmal aus der Zeit zwischen den Kriegen. Am nächsten Tag schien die Sonne; gleichwohl waren wir wie am Vortage fast die einzigen, die mit Muskelkraft den Rhein befuhren. Zeitweise war es auf dem gewaltigen Strom so einsam wie einst auf der Weichsel.

Unsere Fahrt endete nach insgesamt 80 Flusskilometern in Speyer, dem Noviomagus der Römer. Schon von weitem sahen wir den gewaltigen Dom: einst der größte der Christenheit. Kaiser Konrad II. begann mit seinem Bau im Jahre 1030. Außer ihm sind hier sieben deutsche Kaiser begraben; darunter auch Adolf von Nassau, der einzige Hesse, der die Kaiserwürde erlangt hat.

Unter Konrad II., "allzeit Mehrer des Reiches", befand sich Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Macht. Dante schrieb: "Das Imperium Germanorum ist universales Reich des christlichen Abendlandes und darüber hinaus der Welt, soweit sie der Gewalt des Kaisers unterworfen ist.“

Im "Sachsenspiegel'" heißt es: "Tzwei swert liet got in ertriche zu beschirmen die Kristenheit. Deme Parese ist gesatzt daz geistliche, deme Kaisere das werliche." Der Dom zu Speyer soll die Herrschaft dieser zwei Schwerter - des kaiserlichen und des päpstlichen Schwertes -, über das Abendland versinnbildlichen.

1689 wurde der Dom - das Sinnbild des Heiligen Reiches der Deutschen -, auf Geheiß Ludwigs XIV. zerstört; die Gräber wurden geplündert und die Gebeine der Kaiser und ihrer Frauen umhergestreut. Brûlez et écrasez le Palatinat - verbrennt und vernichtet die Pfalz, so lautete sein Befehl.

Zum Abschluss besichtigten wir das Historische Museum der Pfalz. Dort befindet sich u. a. der älteste je auf deutschem Boden erzeugte Wein. Er befindet sich in einer Flasche aus der Römerzeit. Im dritten nachchristlichen Jahrhundert wurde die Flasche mit Öl verschlossen, das zu Harz wurde und so das Verdunsten des Weines verhinderte.

Nach dem Besuch des Museums diskutierten wir die Frage, welchen Nutzen die Kenntnis der Vergangenheit hat. Cicero sagte in diesem Zusammenhang: "Nicht zu wissen, was geschehen ist, bevor man geboren wurde, bedeutet, immer ein Kind zu bleiben". (Nescire quid ante quem natus sis acciderit, id est semper esse puerum). Noch gefährlicher als Nichtwissen kann es sein, wenn die Besiegten die von den Siegern geschriebene Geschichte übernehmen, wie es die jetzige Bundesregierung leider tut. Professor Hoggan, Historiker aus den Vereinigten Staaten von Amerika urteilt: „Die Deutschen fallen auf jeden Schwindel herein. Bezüglich Geschichte und Politik sind sie deshalb das weltweit dümmste Volk.“

Am 20. August 2005 trafen wir uns am "Roten Stein", um die Fahrt fortzusetzen, die uns im Vorjahr bis Speyer, dem Noviomagus der Kelten und Römer, geführt hatte. Ziel war das 112 Kilometer entfernte Eltville.

An der Fahrt nahmen Teil: Hans und Willibald im Zweier, sowie Elmar, Hermann und Peter im Kanu. Wegen der hinter Iffezheim einsetzenden Strömung - die Deutschen haben den Rhein nicht wie die Franzosen durch Schleusen zu einem z.T. stehenden Gewässer gemacht -, kamen wir am ersten Tag bis zu dem 65 Kilometer entfernten Gernsheim.

Zwischen Speyer und Gernsheim liegt die BASF, die Badische Anilin- und Sodafabrik, der Welt größter Chemiekonzern, so dass wir über eine lange Strecke durch eine zwar beeindruckende, aber hässliche Industrielandschaft fahren mussten.

Das auf oder nahe den Resten eines römischen Kastells gegründete Gernsheim wurde 852 zum erstenmal urkundlich erwähnt, und zwar von Kaiser Ludwig dem Deutschen im Codex Laureshamensis. Auch Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen spricht von seinem Könighof (Villa indominicata) zu Gernsheim. Im Jahre 1356 erteilte Kaiser Karl IV. der dem Erzbischof Gerlach von Mainz gehörenden "Villa Gernsheim" Stadtrechte. Den Bürgern wurden, wie aus dem beigefügten Text ersichtlich, die gleichen "sieben Freiheiten" wie denen in Frankfurt am Main zugesprochen.

Die vor dem Dreißigjährigen Krieg 1200 Einwohner zählende Stadt wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg von den Franzosen eingeäschert. Wie üblich war es General Mélac, der 1689 den Befehl zur Vernichtung Gernsheims erteilte.

Im dortigen Hotel Rheingold, wo wir übernachteten, weil es am Bootshafen von Gernsheim lag, stellte sich heraus, dass erhebliche Meinungsunterschiede hinsichtlich der Lösung der unser Vaterland belastenden wirtschaftlichen Probleme bestanden, obwohl IWF, OECD, EU-Kommission, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der "Spiegel", die "FAZ" etc. in Diagnose und Therapie übereinstimmen! Der eine vertrat die Auffassung, dass die Gewerkschaften, der Flächentarifvertrag, die Mitbestimmung und der Kündigungsschutz keineswegs ursächlich für die Massenarbeitslosigkeit seien; der andere meinte, dass die Politik und das Kapital sich gegen die Arbeitnehmer verbündet hätten und dass das knappe Gut Arbeit vom Staat -nicht vom Markt!- unter Berücksichtigung des Familienstandes "gerecht" verteilt werden müsste.

Alexis de Toqueville schrieb bereits vor knapp 200 Jahren: "Die Übel, die die Freiheit manchmal herbeiführt, treten sofort ein; sie sind allen sichtbar und alle spüren sie mehr oder weniger. Die Übel, die das Übermaß an Gleichheit verursachen kann, zeigen sich nur nach und nach; sie dringen allmählich in den Gesellschaftskörper ein; man sieht sie nur hin und wieder, und zu dem Zeitpunkt, da sie am heftigsten werden, fühlt man sie aus Gewöhnung nicht mehr.“

Es wurde deutlich, dass die wirtschaftspolitischen Ansichten vieler, vielleicht sogar der meisten Deutschen, immer noch denen ähneln, die Caesar im "bello Gallico" den Germanen zuschreibt:

"Auch hat niemand bei ihnen ein bestimmtes Stück Land oder Grundbesitz, Jeweils für ein Jahr weisen die Stammesleitung und die führenden Männer den Sippen, Großfamilien und anderen Genossenschaften ein Stück Land zu. Für dieses Verfahren führen sie viele Gründe an: Ihre Stammesgenossen sollen keinen Gefallen an der Sesshaftigkeit finden und dadurch ihre kriegerische Neigung zugunsten des Ackerbaues aufgeben. Auch die Geldgier soll dadurch im Keim erstickt werden, weil sie die Entstehung gegnerischer 'Parteien und Streit begünstigt. Schließlich wollen sie die Zufriedenheit der Unteren dadurch erhalten, dass jeder sieht, dass seine Mittel genauso groß sind wie die der Mächtigsten. "

In diesem Zusammenhang ist von Interesse, dass die Mehrzahl der Westdeutschen findet, der Sozialismus sei "eine gute Idee, die bislang nur schlecht ausgeführt" worden sei.

Unser Hotel hieß nicht ohne Grund ,,Rheingold" : Dort, wo wir "vor Anker" gingen, am "Schwarzen Ort", bei Stromkilometer 463, hatten schon die Römer einen Ankerplatz. Hagen von Tronje soll hier und zwar an einem Ort namens Lochheim, dessen Lage nicht genau bekannt ist, aber dicht bei Gernsheim gelegen haben soll, den Nibelungenschatz versenkt haben, wie im Nibelungenlied beschrieben ist. Unterhalb des "Schwarzen Ortes" wurde früher aus dem Rheinsand Gold gewaschen!

Am folgenden Tag fuhren wir am Hessischen Ried und Kühkopf vorbei und begegneten neben zahlreichen Sandbänken u.a. dem größten Fisch, den wir je im Rhein gesehen haben, er maß knapp zwei Meter - allerdings war er tot.

Dann wurden wir das Opfer von Murphys Gesetz: "Was schiefgehen kann, das geht auch schief'. Wir verloren das Blatt eines Paddels. Hans' Doppelpaddel wurde daraufhin zum Stechpaddel umfunktioniert, so dass die Kanuten wieder drei Stechpaddel hatten.

Bald sahen wir die beiden Mainzer Dome nebst Stefanskirche und passierten den Beginn der Main-Donau-Wasserstraße.

Vor dem Biebricher Schloß liegt die Villa, in der Wagner 1862 eine Zweizimmer-Wohnung gemietet hatte, um die „Meistersinger“ zu vollenden. Dazu kam es aber nicht. Die Dogge Leo, sie gehörte dem Eigentümer der Villa, biss Wagner in den Daumen, so dass er die Arbeit an den “Meistersingern“ für einige Zeit unterbrechen musste. Daraufhin stellte sein Mainzer Verleger, Franz Schott, die Zahlungen an den Komponisten ein. Weil Wagner nunmehr seine Miete nicht mehr zahlen konnte, kündigte der Vermieter dem Wagner, zumal sich dieser ständig mit o.g. Hundehalter über den richtigen Umgang mit Hunden gestritten haben soll. So verließ Wagner den Rheingau nach neunmonatigem Aufenthalt und vollendete die Oper am Vierwaldstätter See - alles wegen der dummen Dogge.


Wie geplant, beendeten wir unsere Fahrt in Eltville bei Stromkilometer 511. Unseren Abschlusstrunk nahmen wir im Gasthaus "Zur Krone" ein. Bei Stromkilometer 511 begann im
Jahre 1994 eine Fahrt, die Hans und Willi bis zu niederländischen Grenze führte.




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