Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrt auf der Saale

Im Sommer des Jahres 2000 befuhren Bernadette, Wulf und ich zum ersten und wohl auch zum letzten Male die 427 Kilometer lange Saale, den längsten Fluss Thüringens und zwar von Remschütz bei Saalfeld bis zum uralten Flößerdorf Uhlstädt hinter Rudolstadt. Seit 1258 sei dieses Gewerbe dort nachgewiesen, so hieß es. Von "der Saale hellem Strande" sahen wir nur einmal ein kurzes Stück; und zwar beim Einsetzen in Remschütz. Der dortige Fremdenverkehrsverein hat vermutlich einige LKW-Ladungen Sand dort abladen lassen.

Wilhelm von Humboldt hat die Landschaft um das Städtchen, einst Residenz der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, zu den schönsten Deutschlands gezählt. Auch Schiller schwärmte: "Die Gegend um Rudolstadt ist außerordentlich schön. Ich hatte nie davon gehört und bin außerordentlich überrascht worden." Hier lernte er auch Charlotte von Lengefeld kennen, die er 1790 heiratete.

Der Kanuführer empfahl aus gutem Grund, den Fluss mit Booten aus hartem Kunststoff zu befahren. Der Wasserstand der Saale war nämlich so niedrig, dass Wulfs und Bernadettes Boot, der "Seehengst", alsbald rissig wurde und zu sinken drohte, so dass Wulf fast mehr schöpfen als paddeln musste. Deshalb waren wir froh, als wir in Uhlstädt unsere Boote zusammenpacken konnten, um mit der Bahn nach Saalfeld zurückzufahren. Zur großen Schadenfreude von Bernadette und Wulf entfuhr mir in diesem Zug die Bemerkung: "In Deutschland (ich meinte natürlich Westdeutschland) wäre so etwas nicht möglich!"

Als wir auf dem Weg von Saalfeld nach Rudolstadt durch Wöhlsdorf nahe Orlamünde fuhren, sahen wir ein Denkmal, das daran erinnerte, dass hier Prinz Louis Ferdinand 1806 im Reiterkampf fiel. Wie der Adjutant des Prinzen später erklärte, hätten er selbst und Louis Ferdinand in der Nacht zuvor eine weiße Gestalt gesehen, die ihnen nochmals auf dem Wege zur Schlacht begegnet sei. Beiden sei bewusst gewesen, dass diese Erscheinung des Prinzen Tod bedeute, denn die Gestalt könne nur die "Weiße Frau" gewesen sein, das "Hausgespenst" der Hohenzollern. Angehörigen dieses Geschlechts, denen sie erscheint, drohe der Tod.

Bei der "Weißen Frau" soll es sich um die Gräfin von Orlamünde handeln, die sich im 13. Jahrhundert als junge Witwe in den Burggrafen von Nürnberg verliebte. Dieser gab zu bedenken, dass "vier Augen" einer Heirat im Wege ständen - womit er seine Eltern meinte. Die Witwe glaubte, ihre beiden Kinder seien der Hinderungsgrund und erstach die Kleinen mit einer goldenen Nadel.

Wie bereits 1951 während einer Radfahrt von Berlin nach Eisenach und zurück, besuchte ich mit Bernadette und Wulf die eindrucksvollen Saalfelder "Feengrotten", die, wie es damals hieß, einzigen bunten Tropfsteinhöhlen der Welt. Jedenfalls werden sie jetzt, 50 Jahre später, im "Guinessbuch der Rekorde" als "farbenreichste Schaugrotten der Welt" bezeichnet. Der Zoologe und Philosoph Ernst Heckel, der in Jena lehrte, meinte um 1900: "Lägen diese Grotten nicht in Deutschland, sondern etwa in Amerika, wäre man längst aus der ganzen Welt dorthin gepilgert."

Die zweite Nacht verbrachten wir auf einem Zeltplatz an der Bleilochtalsperre, angeblich die größte Deutschlands. Hier hatten wir endlich Gelegenheit, den berühmt-berüchtigten Saalewein zu probieren. Er wächst im Windschatten des Thüringer Waldes. Es soll in diesem Weinanbaugebiet mit 1000 Sonnenstunden mehr Sonnenschein geben als an der Mosel! Das Gewächs schmeckte uns. Der Wein war auch nicht sauer.

Höhepunkt unseren kurzen Ausfluges war der Besuch der oberhalb der Saale gelegenen Dornburger Schlösser, in denen einst Goethe Stammgast war. Hier schrieb er im Jahre 1828 u.a. in sein Tagebuch: "Am Abend des 12. Juli machte Hofrat Döbereiner den Versuch, durch kohlensaures Natron und Zucker den sauren Saalewein in heftig mussierenden süßen Champagner zu veredlen." Ein andermal schrieb er über den Säuerling, er besäße "produktiv machende Kräfte sehr bedeutender Art". Wie sooft beim "Dichterfürsten" erscheint der Sinn dieses Spruchs kryptisch.

Spree 2006:

Wir besuchten im Juli 2006 Michaela, Wulf und Welf. Renate wollte ihr Enkelkind sehen und ich wollte mit Wulf die Spree befahren, und zwar vom ehemaligen Stadtschloß bis zur Mündung in die Havel, ein Ziel, das ich seit Jahrzehnten vor Augen hatte, aber wegen der Teilung der Stadt im Jahre 1961 erst nach der „Wende“ in die Tat umsetzen konnte. Wulf hatte einen idealen Platz zum Einsetzen ausfindig gemacht, zwischen dem ehemaligen Kunstgewerbemuseum Schinkels und dem ehemaligen Stadtschloß gelegen. Wie aus nachstehendem Bild ersichtlich, ist das Kunstgewerbemuseum - wie einst das Stadtschloß - inzwischen als Attrappe wiederhergestellt worden.

Am Abend besuchten wir den Park des ehemaligen Schlosses Monbijou, das Eosander von Göthe erbaute. Es überstand, wenn auch als Ruine, den Krieg. 1960 wurde es von den Sozialisten gesprengt. Auch den einst prächtigen Schloßpark vernichteten die Pankower Proleten. Eingekeilt zwischen der S-Bahn und einem Bauzaun war von der einstigen Herrlichkeit nichts mehr geblieben. Hier gebar Königin Dorothea, die Ehefrau Friedrich Wilhelm I., dem "Soldatenkönig" 16 Kinder. Unweit vom Park oder vielmehr dem traurigen Rest des einstigen Parks hatten Michaela und Wulf eine von einem Pinguin gekrönte Säule entdeckt, die wohl von Berliner Hugenotten errichtet und anscheinend den Krieg heil überdauert hatte. Auf ihr war folgender Text eingemeißelt: "Mehr als 5000 Hugenotten, als Evangelische in ihrer französischen Heimat zu Fremden geworden, fanden 1685 in Berlin Zuflucht. Unter dem Sinnbild des Pelikans, der seine Jungen mit dem eigenen Herzblut nährte, betreuten sie ihre Kranken, Alten und Waisen. Das Hospitalgelände, hinter diesem Torbogen beginnend, reichte von der Friedrichstraße bis zur Panke. "

Alsbald nach Beginn unserer Flussfahrt tauchte die Museumsinsel mit dem prachtvollen zum Glück originalgetreu restaurierten Kaiser-Friedrich- Museum auf. Allerdings wurde es - wohl aus Gründen der "political correctness" - in Bodemuseum umbenannt, so wie der Kaiser-Wilhelm- Turm in Grunewaldturm und die Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche in Gedächtniskirche umbenannt wurden.

Das erste, was uns auf unserer Fahrt unangenehm auffiel, war die riesige Pille, die von politischen und kulturellen Pygmäen vor dem Reichstag aufgestellt worden war. Die Deutschen, einst als Kulturnation geachtet, machen sich durch solche Possen zum Gespött der Welt.

Wie mittlerweile auf Deutschlands Flüssen üblich, waren wir bis zur Schleuse hinter Schloß Charlottenburg wieder einmal die einzigen Paddler auf der Spree.

Angenehm überrascht waren wir von dem vielen Grün des Spreeufers. Wir sahen die seltenen Frauenschuh-Orchideen und viele Enten. Allerdings könnten die "Orchideen" auch "Indisches Springkraut" sein. Beide Gewächse sehen sich sehr ähnlich. Wir beendeten unsere Fahrt am Belvedere des Charlottenburger Schlosses.




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