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Faltboot
vor Sardinien
1973 verbrachte die Familie den
Sommerurlaub in Sardinien, und zwar zusammen mit Rolf und seiner Freundin sowie
der Oma und Hund Sokrates.
Wir hatten vor, ein Stück entlang der sardischen Küste zu
schippern und hatten deshalb zwei Boote mitgenommen. Alsbald stachen wir am Capo Testa in See. In dem einen Boot fuhren Rolf und Renate und in dem anderen außer
mir Sike, Wulf und Sokrates. Ingo und Rolfs Freundin waren in Capo Testa bei der
Oma geblieben. Am Abend des ersten Tages erreichten wir die Höhe von La
Maddalena, eine etwa zwei Kilometer vom Festland entfernte Insel. Ihr vorgelagert
ist die unbewohnte "Isola Spargi". Statt am Festland "vor Anker zu gehen",
schlug ich vor, auf dieser Insel zu übernachten, um von dort den Untergang der
Sonne im Meer beobachten zu können.
Am nächsten Morgen kam
westlicher Wind auf, so dass die See recht rauh wurde und Rolf sich weigerte,
die Fahr fortzusetzen. An Ort und Stelle konnten wir nicht bleiben, weil wir
kein Trinkwasser hatten. Also fuhr ich zuerst mit einem Boot auf die Leeseite
der Insel, versteckte es dort und machte dann mit dem zweiten das Gleiche. Auf
dem Rückweg fand ich eine Zisterne; allerdings schwammen in dem Wasser so viele
Kaulquappen, dass einige davon in meine Feldflasche gelangten. Bevor ich Renate
daraus trinken ließ, sagte ich ihr, dass sich in dem Wasser Kaulquappen befinden
könnten. Sie erklärte, dass Wasser, in dem Kaulquappen gediehen, auch von
Menschen getrunken werden könnte, ohne dass sie Schaden nähmen.
Nachdem alle die Insel
überquert hatten, setzten wir die Fahrt im Windschatten der Isola Spargi fort.
Sokrates saß auf dem Bug, was die Insassen einer Segeljacht, die uns überholte,
verwunderte.
Am Abend des dritten Tages
erreichten wir die Costa Smeralda und machten den Fehler, in einer Art Clubdorf
in strohgedeckten Rundhütten zu übernachten. Als wir am nächsten Morgen unsere
am Strand vertäuten Boote klarmachen wollten, waren sie weg, so dass wir betrübt
und um eine Erfahrung reicher mit dem Bus zu unserem Hotel zurückfahren
mussten.
Tarn:
Die 12 Kanuten fuhren sodann
zum etwa 80 km entfernten Tarn ,und zwar auf einen Zeltplatz mit dem hübschen
Namen „Les Osiers“, die Weidenbäume; nicht weit entfernt von der wunderschönen
mittelalterlichen Stadt Sainte Enimie.
Hier kenterten erstmals Hermann
und Siegfried -auf der Ardèche "toujours en vedette"-, obwohl sie zusammen 130
Jahre zählten.
Kurz zuvor war Traudl durch
einen in Kanada „Sweeper“, also „Wischer“ genannten und im Wasser am Prellhang
liegenden Baum aus dem Boot „gewischt“ worden. Siegfried und Hermann wollten ihr
zu Hilfe eilen und wurden so die Schlusslichter der Flottille. Deshalb sahen sie
nicht, dass die sich vor ihnen befindlichen fünf Boote allesamt bei Sainte
Enimie kenterten.
Als sich die Beiden der tückischen Passage näherten, wies
Elmar, der Wasserschutzpolizist, gebieterisch auf einem Felsen, an dem sich das
Wasser eines schnell strömenden und hier mündenden Nebenflusses brach. Als brave
Preußen folgten sie dieser Weisung. Was sie nicht sahen, war, dass dieser Felsen
durch den Anprall des Wassers ausgehöhlt, also konkav war, sodass das Boot, wenn
man sich vom Felsen abstieß, in diese Wölbung gedrückt wurde und kentern musste!
Zum Gaudi der übrigen Besatzungen gingen Hermann und Siegfried schmählich unter.
Diese und andere Erlebnisse bewirkten, dass uns die eintägige Fahrt auf dem Tarn
wohl ebensoviel Vergnügen bereitete wie die Fahrt auf der Ardèche und manche
wünschten, die Fahrt zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.
Am letzten Abend gab Willibald
einige Kostproben bayerischer Folklore zum Besten. Am besten gefiel uns
folgender Schnadahüpfl: "Heid aufd Nacht wern Preissen glschlacht Wer a
Preissenfleisch mog soll komma de Dog.“
Zum Glück sind die Bayern in
Wirklichkeit nicht blutrünstig – ebenso wenig wie die anderen deutschen Stämme.
Im Gegensatz zu unserem gallischen Nachbarn verliefen die Revolutionen der Jahre
1848,1918,1945 und 1989 allesamt unblutig!
Die folgenden Zellen der
„Marseillaise“ sind dagegen leider durchaus ernst gemeint:
„Auf Bürger, reiht
Euch ein! Die Waffen in die Hand, Marschiert! Mit Schurkenblut getränkt sei
unser Land“
Nachzutragen bleibt, dass die herrliche Landschaft der Auvergne
zwischen Ardèche und Tarn noch mehr als Flussfahrten zu bieten hat: Es gibt zahlreiche Kalksteinhöhlen zu besichtigen
u.a. die Chauvethöhle, deren 30.000
Jahre alten Felsenmalereien denen der Altamirahöhle oder der Höhle von Lascaux
gleichkommen.
Die Fahrt endete in dem kleinen
aber feinen Ort La Maline: wohl ein keltisches Wort. In unserer Sprache soll es
so viel wie "Schlechtes Loch" bedeuten.
Den Abend verbrachten wir in
Sainte Enimie. Das mittelalterliche Städtchen trägt den Namen einer
merowingischen Prinzessin, Tochter des fränkischen Königs Chlotar II., vom
Stamme der salischen oder niederrheinischen Franken. Er regierte von 584 bis
628. Ihr Bruder hieß Dagobert. Er regierte von 628 bis 638 und war der letzte
kraftvolle Regent dieses Geschlechts.
Trotz ihrer, wie es heißt,
wunderbaren Schönheit wollte sie keinen Sterblichen heiraten, sondern sich Gott
weihen. Auf Befehl ihres Vaters musste sie sich gleichwohl verloben.
Alsbald erkrankte sie an der Lepra. Die Verlobung mit der Aussätzigen wurde
gelöst. Von einem Engel geleitet, begibt sie sich im Tarntal zum Bürlebronn und
wird im Nu geheilt. Als sie das Tal des Tarn verlässt. bricht die Krankheit
wieder aus. Sie begreift Gottes Wille und gründet an Ort und Stelle ein Kloster.
So die Sage. Vermutlich hat Enimie, falls es sie je gab - soweit bekannt,
trugen alle Merowinger germanische und keine romanischen Namen -, die von der
Lepra Gezeichnete, ihr Leben als Einsiedlerin in einer Grotte oberhalb des ihren
Namen tragenden Ortes beendet. Diese Grotte soll heute noch Ort der
Heiligenverehrung sein.
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