Reiseberichte:
Hermann Evers

 

Besteigung des Toubkal (1990)

von Hermann Evers

Im Herbst des Jahres 1990 stieg ich mit meinem mittleren Sohn - fast - auf den 4.167 Meter hohen Djebel Toubkal, - den höchsten Berg des Atlasgebirges, Bernadette begleitete uns bis zur auf 3.207 Meter gelegenen Neltnerhütte. Neltner war nach Segonzac, der den Toubkal 1923 als Erster bezwang, der zweite namhafte Bergsteiger im Hohen Atlas.

Rolf, ein Klassenkamerad, der wieder mit von der Partie sein wollte, schied kurzfristig aus, diesmal wegen eines Wespenstiches in die Kniekehle. Im Jahr zuvor hatte er sich am Abend vor der Besteigung einen großen Teil der Haut der Fußsohle wegen einer Blase abgesäbelt

Mein Sohn und seine Lebensgefährtin trampten via Portugal bis Algeciras, fuhren mit der Bahn bis Marrakesch und kamen am Abend des verabredeten Tages mit einem „Toubkaltaxi'' - ein offener Kleinlaster mit Pritschen -, in Imlil an, dem letzten mit Kraftwagen erreichbaren Berberdorf vor dem Toubkal Es liegt auf 1.740 Meter Höhe.

Vor Tagesanbruch brachen wir auf. Ich kannte den Weg noch vom Vorjahr. In Sidi Chamarouch muß der Mizanebach in einer Höhe von 2310 Meter ein zweites Mal überquert werden. An dieser Stelle scheiterte Rolf im Jahre 1989 wegen seiner Fußsohle, die aussah wie nach einer Bastonade.

Der Ort ist eine Pilgerstätte. Das Wasser einer geweihten Quelle soll Rheuma und Geisteskrankheiten heilen. Bezüglich des Rheumas scheint die Medikation bei mir geholfen zu haben. Bezüglich meiner mentalen Probleme hat Renate ihre Zweifel.

Sidi Chamarouch ist benannt nach einem Gebirgsdämon. Anfang September findet in der Ebene zwischen Marrakesch und dem Toubkal ein großes Berberfest statt, wohl um den Dämon zu bannen.´

Am späten Vormittag erreichten wir die Neltnerhütte. Während Bernadette das Zelt aufbaute machten wir uns auf den Weg zum Gipfel.

Als wir den Grat erreichten, der den Norden Marokkos vom Süden trennt, hatten wir eine Sicht wie in der Waschküche, was für die Jahreszeit selten ist Von Marrakesch aus kann man um diese Zeit meist den Kamm des Gebirges sehen und umgekehrt Von Osten näherte sich rasch eine Regenwand, so dass wir absteigen mussten - in Hagel, Blitz und Donner. Uns trennten noch etwa 100 Höhenmeter vom Gipfel.

In der schmutzigen Neltnerhütte gab es nur Fantabrause, Coca Cola und Gemüsesuppe, aber kein Bier. In unser Zelt floss das Regenwasser, weil ich den Wassergraben rund um das Zelt nicht tief genug gemacht hatte.

Also stiegen wir ab, hoffend in Imlil auf Bier zu stoßen. Der Mizanebach war so reißend geworden, dass wir ihn bei Sidi Chamarouch nur mit Mühe überqueren konnten. Entweder war der Dämon noch nicht gebannt worden oder das Bannen hatte diesmal nicht so richtig geholfen. Sollten die Regenfälle zunehmen, dann wird es für Reisende im Hohen Atlas immer schwieriger werden. Weil die Bergziegen alles abfressen, ist das Gebirge der Erosion viel mehr ausgesetzt als etwa die Alpen.

Schließlich verirrten wir uns noch in der Finsternis, die inzwischen zu einer ägyptischen geworden war. Ein freundlicher alter Berber, den wir wachklopften, führte uns auf den rechten Weg. Weil die Berber keine Karren verwenden, sondern alles auf ihrem Rücken oder dem Rücken von Mulis schleppen, sind die Wege so schmal, dass sie schwer zu finden sind.

Die Hütte des Club Alpin Français in Imlil war bereits geschlossen. Zum Glück nahm uns die Herberge zum Stern vom Toubkal auf - ein „Ein-Sterne-Hotel", wie der Name verrät. Leider gab es im Etoile du Toubkal auch kein Bier. Man sollte eben nicht in „Ein-Sterne-Hotels" „absteigen".

Wir hatten in 18 Stunden etwa 5.000 Höhenmeter bewältigt und waren trotz des Misserfolges stolz auf unsere Leistung. Hätte es Bier gegeben, hätte der Wirt ein gutes Geschäft gemacht. Insch Allah!




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