Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrt auf der Weichsel


Im Glanz der untergehenden Sonne besichtigten wir am Abend des 5. September 1993 Thorn; sein gewaltiges Rathaus, seine Patrizierhäuser, seine Stadtmauer und Tore, das Denkmal des Kopernikus und - als krönenden Abschluss - den Ratskeller, dessen Besuch allein eine Fahrt nach Thorn lohnt.

Wulf und ich brachen als erste auf. Wir mussten die Boote auf den Zeltplatz bringen, um sie in der Frühe aufbauen zu können. Zuvor, noch vor Sonnenaufgang, rekognoszierte ich das Gelände, um eine passable Stelle zum Einsetzen zu finden.

Der Zeltplatzwart sprach gut deutsch. Nach der Grundausbildung in Luxemburg - es gehörte zu seiner Zeit zum Gau Westmark -, habe er als Schütze in einem SMG-Zug auf dem Balkan gekämpft, so erzählte er stolz. Wenige Meter oberhalb der Stelle, an der wir die Boote am nächsten Morgen klarmachten, legten Dieter oder Jürgen - als wären wir in einem Dorf in Franken oder Thüringen -, einen großen durchsichtigen Plastikbehälter mit Dauerwürsten sowie mehrere Isoliermatten ab. Natürlich wurde das Zeug geklaut.

Die drei Boote, der Meerbock, die Seekuh und ein Neuzugang, wurden mit folgendem Stabreim vor der Silhouette der Stadt Thorn, einst eine der schönsten Veduten des Reiches, zu Wasser gelassen:

Männer und Mädchen
Fast 1000 Jahre wehten deutsche Wimpel auf der Weichsel
Not und Tod wehten weit Goten, Burgunder und Wandalen
erstmals Deutsche auf der Weichsel wieder gen Danzig dringen
 

Dann trank jeder ein Glas Danziger Goldwasser, den berühmten "Lachs" (Pod Lososiem). Becher und Flasche wurden Poseidon geopfert.

Leider stachen wir erst gegen Mittag des 6. September, und zwar bei Flusskilometer 750, in See. Aus diesem Grunde sowie wegen widriger Winde und geringer Strömung gelangten wir am ersten Tag nur bis kurz vor Bromberg. Ein gewaltiges auf einer Landzunge entfachtes Feuer wärmte bald die müden Glieder.

Am nächsten Morgen passierten wir Bromberg an der Brahe. An dem sich braun verfärbenden Wasser sahen wir, dass offensichtlich der Dreck dieser Stadt und wohl aller anderen an der Weichsel gelegenen Orte ungeklärt in den Fluss floss. So kam es, dass die Weichsel der erste größere Fluss ist, den ich befuhr, ohne darin gebadet zu haben.

Ähnlich desolat ist der Zustand der Uferbefestigungen. Vermutlich als Folge der durch Wehre und Dämme verringerten Fließgeschwindigkeit scheint die Schiffbarkeit des Flusses abzunehmen. Um dem zu begegnen, legten die Deutschen etwa alle 100 Meter Buhnen an, die wegen mangelhafter Wartung mehr und mehr ihren Dienst versagen. Nur an einer Handvoll der über zweitausend Buhnen, die wir passierten, wurde gearbeitet So kam es, daß sogar unseren flachen Booten der niedrige Wasserstand zu schaffen machte. Eine reguläre Schifffahrt scheint für längere Zeit ausgeschlossen. Auch Sportboote und Fischerkähne sahen wir nicht. Wie zu Zeiten der Goten und Waräger waren unsere Boote die einzigen auf dem gewaltigen Strom.

Ähnlich feindselig und scheu wie Bengtson im Röde Orm die an den Ufern der Düna siedelnden Polotjaner beschrieb, verhielten sich die wenigen Slawen, mit denen wir am Fluss in Berührung kamen. Kaum, dass sie aufblickten, wenn wir an ihnen vorbeiglitten.

Auf einer prächtigen aus einer Düne geformten Halbinsel schlugen wir unser Lager auf und tauften im Lichte der sinkenden Sonne das dritte Boot auf den Namen "Meerhengst".

Bis kurz vor Mitternacht narrte uns ein vom Wasser umströmter Buhnenrest. Wir hielten das Steingebilde für einen polnischen Kahn. Dieter und ich "bewachten" das Phantom - bewehrt mit Machete und Gaspistole.

Am Morgen des dritten Tages, einem Mittwoch, wallten weiße Nebel auf der Weichsel. Bald wärmten uns die ersten Sonnenstrahlen. Die Stimmung der Mannschaft war die denkbar beste.

Gegen Mittag erblickten wir die Türme von Kulm auf Steuerbord. Hier wurden Hermann Löns, Generaloberst Heinz Guderian und Kurt Schumacher geboren. Mittschiffs querab auf Backbord lag Schwetz. Wir beschlossen, wegen der knappen verbleibenden Zeit die Flussfahrt hier zu beenden. Dieter und ich marschierten in das auf einem Höhenrücken über der Weichsel gelegene Kulm und fuhren mit Richard, dem dortigen Taxifahrer, nach Thorn, um unsere Fahrzeuge zu holen. Richard sprach leidlich deutsch und erklärte stolz, dass die meisten seiner Vorfahren und Verwandten Deutsche seien.

Vom Deutschen Ritterorden wurde Kulm mit der vom Magdeburger Recht abgeleiteten "Kulmer Handfeste", ausgestattet. Sie wurde zum Vorbild für alle Städte im Ordensland. Dagegen galt dort für die Dörfer das sächsische und für Erbfälle das flämische Recht.

Richard zeigte uns Teile der imposanten Befestigungsanlage - die Stadtmauer war mit 30 Türmen bewehrt -, und erklärte, dass sie vom Schwarzen Kreuz seien. Erst nach einer Weile begriffen wir, dass er den Ritterorden meinte.

Die Stadt besaß zur Hansezeit ein englisches, ein holländisches und ein dänisches Packhaus. 



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