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Fahrt auf der Wiesent
von: Hermann Evers
Rittlinger - de Magister Germanorum des
Faltbootfahrens - bezeichnet die Wiesent als das
"Schatzkästlein des deutschen Faltbootfahrers". Also befuhren Renate und ich sie
1963 als ersten westdeutschen Fluss, und zwar ab Hollfeld. Renate hatte ich
versprochen, dass sie es so bequem wie eben möglich haben werde. Sie holte also
alsbald nach Sonnenaufgang ihren Schlafsack aus der wasserdichten Verpackung und
rollte ihn aus. Kaum war dies geschehen, näherten wir uns einer - der ersten von
mehreren -nachfolgenden - "Kastenbrücke". Im Kasten floss Wasser, um die
angrenzenden Felder zu bewässern. Durch die Ritzen des Kastens rann soviel
Wasser in unser Boot, dass Renates Schlafsack nass wurde. Da es sonnig war,
bestand jedoch Aussicht, ihn bis zum Abend trocknen zu können.
Rittlinger schrieb, dass man über die Wehre der
Wiesent meist mit Schwung fahren könnte. Er hatte dabei wohl nur an Einer
gedacht. Unser Zweier kam am ersten Wehr auch gut über den vorderen Schwerpunkt,
nicht jedoch über den von mir verursachten zweiten, so dass das Boot zu einer
Wippe wurde und das Gerippe krachte und ächzte und zu zerbrechen drohte. Um das
zu verhindern, sprang ich in hohem Bogen aus dem Boot und in die Wiesent. Das
Boot konnten wir notdürftig reparieren; Renates Schlafsack wurde jedoch an
diesem Tage nicht mehr trocken. Ich musste ihr Meinen geben.
Die nächsten Wehre umtrugen wir. An einigen Wehren
waren aus den meist dazugehörigen Mühlen Gastwirtschaften geworden. Mit
moddrigen Beinen das Boot an den dort sitzenden Matronen vorbeizutragen - einmal
über einen Misthaufen -,war für Renate wie Spießrutenlaufen.
Schließlich verschwand die Wiesent in einer
Papierfabrik. Mir wurde nahegelegt, das Boot in die ein bis zwei Kilometer
entfernt fließende Pegnitz zu schleppen. Bis zur Mündung der Wiesent in die 20
Kilometer entfernte Regnitz käme eine Papierfabrik nach der anderen. Schweren
Herzens machten wir uns an die Arbeit. Renate hatte ich lieber nicht erzählt,
wie weit die Pegnitz entfernt war. Ich nahm mir vor, mir bei nächster
Gelegenheit einen Faltbootwagen zu kaufen und keine Faltbootführer aus der
Vorkriegszeit zu verwenden.
Renate versuchte ich damit zu trösten, dass ich auf
die Waräger hinwies, die auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer ihre Boote zwischen Düna und Dnjepr mehrere Tage schleppen mussten. Renates Leidensfähigkeit endete
jedoch alsbald, als ihr klar wurde, was für eine Arbeit vor uns lag. Sie ließ
das Boot fallen und warf sich schreiend ins Gras, über welches ich sodann das
Boot alleine schleppen musste.
An dem zur Regnitz führenden Bach angekommen,
ergab sich, dass er mit Weiden zugewachsen war, so dass ich mir mit der Axt
einen Weg bahnen musste. Bei jedem Schlag auf die Weiden fielen unzählige Mücken
auf mich. Renate ging derweil solange am Ufer entlang, bis der Bach schiffbar
wurde.
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