Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrten auf dem Allier

 

Im Juli 2001 fuhr ich mit meinem mittleren Sohn und seiner Lebensgefährtin über Basel und die Burgundische Pforte an den Allier, einem Nebenfluß der „Grande Dame“, der Loire. Mit 408 Kilometern ist der Allier nur 60 Kilometer kürzer als die Loire, der längste Fluß Frankreichs. Im letzten Krieg bildete der Allier –Caesar nennt ihn Elaver -, die Grenze zwischen dem „Freien Frankreich“ mit der Hauptstadt Vichy und dem besetzten Frankreich.
Auf dem Weg nach Langeac, dort wollten wir zunächst einsetzen, kamen wir durch die größte Vulkanlandschaft Europas, im südöstlichen Zipfel der Auvergne gelegen. Besonders eindrucksvoll ist der Ort Le Puy. Hier stehen zwei vulkanische Felsspitzen mitten in der Stadt. Auf der spitzesten der beiden Felsnadeln, dem 88 Meter hohen Vulkanschlot „Roche St.Michel“ – sein Fuß ist nur 50 Meter breit -, thront wie ein Adlerhorst die Kapelle Saint Michel
d`Aiguille 130 Meter über der Altstadt mit einer 22 Meter hohen steinernen „Notre Dames de France“.
 

Als wir erfuhren, daß der mittlere Teil des Allier wegen der zahlreichen unter Wasser lauernden Baumleichen für Faltbootfahrer recht gefährlich ist, entschlossen wir uns, bis nach Billy weiterzufahren, 14 Kilometer hinter Vichy gelegen. Da der Allier im Gegensatz zu deutschen Flüssen vergleichbarer Länge zum Glück „naturbelassen“ ist, gibt es nur wenige Stellen, wo man mit dem PKW an den Fluß gelangen kann; so in Billy, das nicht nur von einer gewaltigen Festung aus dem 12. Jahrhundert überragt wird und wunderschöne mittelalterliche Häuser und Winkel hat, sondern auch eine Lände.
 

Über die Strecke von Billy bis zur Mündung bei Nevers, dem keltischen Noviodunum, heißt es in unserem Flußführer: „Sie ist nicht nur der Gipfel an Einsamkeit, sondern auch der Gipfel an Schönheit, die ein Fluß zu bieten hat. Riesige Kiesbänke, einsame urwaldartige Auwälder, viele Inseln, selten Orte in Ufernähe. Gelegentlich verästelt sich der Allier in mehrere Arme, aber alles bleibt in dem weiten Flußbett übersichtlich. Auch die Baumleichen sieht man rechtzeitig. Riesige Graureiherkolonien sieht man auf den hohen Bäumen. Eisvögel, Milane, Möwen und Krähen, vereinzelt Störche und viele andere Vogelarten, darunter auch so seltene und geschützte wie der Fischadler und die Uferschwalbe, nisten hier an den sandigen Mäandern des Alliertales. In den steilen Prallhängen sieht man häufig eine Unzahl kleiner Löcher; dies sind die Nisthöhlen der Uferschwalbe.“
Wir sahen – abgesehen von zwei Anglern - , keinen Menschen und begegneten keinem Boot. Welch ein Unterschied zur Ardèche – jedenfalls noch für einige Zeit!
In o.g. Aufzählung der den Fluß bevölkernden Lebewesen fehlen Schwäne und die zahlreichen Charollais-Rinder, die uns verwundert anglotzten. Vielleicht hatten sie noch nie Menschen in einem Boot gesehen.
Zu ergänzen ist, daß die vielen Mäander des Allier mit 250 Vogelarten in seinem von uns befahrenen Schutzgebiet mehr Nist- und Zugvogelarten aufweisen als die Camargue, die auch Renate und ich – als wir sie 1965 durchfuhren - , als recht artenarm empfanden.
Auch Lachse soll es geben. Wie schon in Kanada, waren wir wahrscheinlich zu früh unterwegs. Die Lachse erreichen auf ihrer langen Reise zu ihren Laichgründen den Allier wohl erst im Herbst.
 

Der Allier vereint sich in Nevers mit der Loire. Dort begann 1972 meine erste Loirefahrt, an der auch der damals sechsjährige Siegfried teilnahm.
Bernadette wollte in Nevers unbedingt ihre Namensgeberin aufsuchen, die dort ausgestellt ist. Jene Bernadette wurde 1933 – 54 Jahre nach ihrem Tode –, heilig gesprochen und sodann exhumiert.
Seitdem kann sie im dortigen Kloster besichtigt werden. Augenscheinlich haben die 54 Jahre, in denen sie vor sich hinmoderte, dem Teint der Heiligen nicht geschadet. Die Berliner sagen in so einem Falle: Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.
Auf dem Rückweg besichtigten wir in Beaune das dortige Hospiz aus dem Jahre 1443.
Als ich 1970 zum ersten Male dort war, rief eine Besucherin voller Entzücken aus: „ca, c'est la France !“
Sie hätte eher sagen sollen: „ca c'est Allemagne!“
Das „Hostel Dieu“ ist nämlich ein Kind Flanderns: Zum Reich Philipps des Guten von Burgund gehörte auch Flandern ( Niederburgund ). Dort fielen seinem Kanzler die vielen Spitäler für Arme und die mit bunten, glasierten Ziegeln kunstvoll gedeckten Dächer der Häuser ins Auge.
Nach diesen flämischen Vorbildern wurde vom Kanzler des guten Philipp in Beaune dieses Juwel der gotisch-burgundischen Architektur errichtet. Vielleicht heißt Philipp deswegen der Gute. Ansonsten ist von ihm wenig Gutes zu berichten. So ließ der wohl eher böse Philipp den Stadträten von Brügge, die ihn ehrerbietig als neuen Regenten begrüßten, sogleich die Köpfe abhauen und richtete sodann auf dem Brügger Marktplatz ein Blutbad unter den Bürgern an.

Andererseits war der böse Wicht, wie so viele seines Genres, ein bedeutender Mäzen, der u.a. Jan von Eyck förderte. Er unterscheidet sich insoweit vorteilhaft von unseren heutigen Politikern, die statt Kultur Steinkohle, Rapsöl und Windräder fördern.
Mir fiel in Beaune auf, wie wenig mein Sohn und seine Lebensgefährtin über Burgund wußten. In der Hoffnung, daß sie einmal diese Zeilen lesen werden, folgendes über Burgund :
Es wird vermutet, daß die Burgunder ursprünglich in Bornholm siedelten. Sodann zogen sie in das Gebiet von Netze und Warthe und – im 3. Jahrhundert vor Christo – an die Weichselmündung, wo sie alsbald von den Gepiden verdrängt wurden. Sie ließen sich nördlich von den Alemannen im Maingebiet nieder. 413 nahmen sie das linke Rheinufer zwischen Lauter und Nahe in Besitz. Als sie sich unter König Gundikar gegen den römischen Stadthalter auflehnten, wurden sie von Hunnen, die im Dienste des römischen Konsuls Aetius standen, geschlagen und nahezu ausgerottet. Der Rest des Volkes – wie es heißt, 800 wehrfähige Männer nebst Anhang –, wurde von Aetius in Savoyen angesiedelt.

 

Allier (2002)

 

Im August 2002, unsere Vorfahren nannten diesen Monat treffend „Ernting", fuhren Renate, Bernadette, Wulf und ich erneut zum Allier. Wie schon im Jahr zuvor, fuhren wir an Belfort vorbei. Die gewaltige Zitadelle riegelt die Burgundische Pforte ab. Hier war mein elsässischer Großvater, einst preußischer Husar, 1918 in Festungshaft, weil er der Spionage für das Reich verdächtigt wurde. Renates Vater träumte davon, einmal - nach dem Krieg - die Burgundische Pforte zu besuchen. Vermutlich hatte er vom Vogesenkamm, auf dem bis 1918 zum Teil die Front verlief, auf das schöne Land zwischen dem Elsass und Burgund hinabblicken können, das sich die Franzosen im Dreißigjährigen Krieg aneigneten.

Der 11 Meter hohe Löwe am Fuße der Festung wurde 1880 zum Gedenken an die 103 Tage währende Verteidigung Belforts errichtet.

Den Franzosen wurde in Anerkennung ihrer Tapferkeit am 14. Februar 1871 freier Abzug mit Waffen, Feldgeschütz und sonstigen kriegerischen Ehren gewahrt. Gleiches hätten die Franzosen im umgekehrten Fall kaum getan. Die Schweizer, die 1789 die Bastille verteidigten und denen bei Kapitulation freier Abzug versprochen wurde, hat man am 14. Juli sämtlich massakriert und feiert diese Missetat noch heute! Deutschland beanspruchte im Friedensvertrag von Versailles diejenigen Gebiete, in denen noch überwiegend deutsch gesprochen wurde. Deshalb gab Bismarck Belfort großmütig an Frankreich zurück. Ohne diesen Großmut hätte der I. Weltkrieg einen anderen Verlauf genommen! Nachzutragen bleibt, dass die Deutschen die schier uneinnehmbaren Befestigungen des Gegners mit dem Schlachtruf "haut ihm" stürmten.

Mein Plan war, die Fahrt dort fortzusetzen, am Chatel de Neuvre, wo wir im Jahr zuvor aufgehört hatten und bis Moulins zu fahren - es wäre eine recht kurze Fahrt geworden. Wulf wollte die wesentlich längere Strecke von Moulins bis zum nächsten Campingplatz bei Le Veurdre fahren und setzte sich durch mit dem Ergebnis, dass wir etwa 50 Kilometer paddeln mußten und nur wegen der starken Strömung - wohl eine Folge der vorangegangenen Regenflilie -, vor Sonnenuntergang unser Ziel erreichten. Den Abend vor der Fahrt verbrachten wir in Moulins, der Hauptstadt des Bourbonnais. Im XV. Jahrhundert, dem „l'age d'or de Moulins,“ dem Goldenen Zeitalter der Stadt, umfasste das Fürstentum die Auvergne und das Beaujolais. Im Jahre 1523 wurde der bis dahin unabhängige Staat von Frankreich annektiert. Hätte sich Deutschland auf ähnliche Weise zu einem einheitlichen Staat entwickelt, sähe Europa heute anders aus. In einer Zeit als Deutschland schon seit langem ein ethnisch homogener Raum war, sah es im westfränkischen Teil des Reiches Karls des Großen ziemlich wüst aus. Die Studierenden an der Sorbonne waren im XV. Jahrhundert in Landsmannschaften zusammengefasst, ähnlich wie an der ersten deutschen Universität in Prag. Interessanterweise schlossen sich die Studenten aus der Normandie und Picardie mit Deutschen und Engländern zusammen, während die Studenten aus Burgund und Toulouse sich mit den Italienern vereinten! Domremy, die Heimat der „Johanna von Orleans“ liegt an der Maas in Lothringen und unterstand der Gerichtsbarkeit der Freien Reichsstadt Toul. War Johanna also ein Deutsche? Ohne sie wäre es wahrscheinlich nicht zur Entstehung einer französischen Nation gekommen. Huysmans meint: „Dieser hundertjährige Krieg war alles in allem ein Krieg des Südens gegen den Norden". Gäbe es Johanna nicht und hätten die Plantagenets gesiegt, dann wäre der lateinische Süden vom germanischen Norden getrennt worden und auch dann sähe Europa heute anders aus. . Raymond Poincaré sagt von ihr: „La Patrie, elle la crée avant meme que le mot en soit inventé". Mit Johanna begann leider auch Frankreichs bis heute währender Größenwahn. Sie sprach den verhängnisvollen Satz: "Ceux qui font la guerre au Saint Royaume de France font la guerre au roi Jesus". Friedrich Sieburg, ein Freund Frankreichs, sagt dazu: "Ein schrecklicher Satz, der der geplagten Menschheit eine Ahnung davon vermitteln mag, warum es so schwer ist, mit Frankreich in Frieden zu leben....... Die Jungfrau hat Frankreich zu dem prachtvollen und unausstehlichen Land gemacht, das es heute ist, und ihm für alle Zeiten die Gewohnheit eingeflößt, sich auf alle großen Ideen, Gefühle, Gestalten, Regungen und Ereignisse zu stürzen und sie dann sogleich als französisch dem Wesen und Ursprung nach zu bezeichnen. Die Stellung, die Frankreich heute einnimmt, seine Unfähigkeit mit irgendeiner anderen großen Nation auf Dauer befreundet zu sein, seine ewige Gereiztheit, seine übelnehmerische Unruhe, sein Trieb, sich jeder auch noch so geringfügigen politischen oder kulturellen Bewegung als Führer aufzudrängen, alles das ist noch heute von Johannas Ketzerei geprägt."

Renate schwor heilige Eide, dass dies ihre definitiv letzte Faltbootfahrt gewesen sei, obwohl wir wider Erwarten nicht kenterten, nur wenig Wasser im Boot hatten und unsere Boote trotz der zahlreichen Baumleichen kein einziges Loch bekamen. Das einzige Malheur stieß, wie meist, mir zu: Das Wehr bei Moulins wird im Führer als nicht befahrbar ausgewiesen. Stets misstrauisch gegenüber derartigen Angaben, wollte ich es genau wissen und ging vorsichtig über das Wehr. Im Gegensatz zu deutschen Wehren war dieses Wehr jedoch nicht als schräge Rutsche angelegt worden, sondern in etwa eineinhalb Meter hohen Stufen. so dass ich den Halt verlor und "auf Tauchstation" ging. Dies wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn ich nicht meine teure neue Kamera in meinem Bauchbeutel mit mir geführt hätte. So konnte ich - unsere zwei Reservekameras hatten kein Teleobjektiv -, die vielen Wasservögel nur von weitem fotografieren.

Während der Fahrt las ich "Haben oder Sein"' von Erich Fromm. In diesem Buch wird unterschieden zwischen der durch "Egoismus, Selbstsucht und "Habgier" gekennzeichneten westlichen Industriegesellschaft und Kulturen, die nicht durch das Haben, sondern durch das Sein, durch Kontemplation, geprägt seien. Als Beispiel für eine habgierige Gesinnung führt er folgendes Gedicht von Tennyson an: Flower in a crannied wall I pluck you out of the crannies, I hold you here, root and all in my hand, Little flower - but if I could understand What you are, root and all, and all in all, I should know what God and man is.

Blume in einer rissigen Mauer, Ich pflücke dich aus Rissen, Ich halte dich samt der Wurzel in meiner Hand, Kleine Blume und wenn ich verstehen könnte, Was du bist, mit allen Wurzeln, Blättern und Blüten, ganz, Wüßte ich, was Gott und was der Mensch ist.

Als Beispiel für eine durch das Sein geprägte Kultur zitiert er Basho, einen japanischen Zen-Buddhisten aus dem 17. Jahrhundert: Wenn ich genau hinschaue, sehe ich an der Hecke die nazuna blühen! Und behauptet: Tennyson muss die Blume haben, um die Menschen und die Natur zu verstehen und dadurch, dass er Besitz ergreift, zerstört er die Blume.

Basho möchte sehen, er möchte die Blume nicht nur anschauen, er möchte mit ihr eins werden - und sie leben lassen".

Seelenverwandt mit Marx, Freud, Fromm ist Rousseau, dessen "Contrat social" zum "Parteiprogramm" der Französischen Revolution wurde. In einem natürlichen Naturzustand seien alle Menschen gleich; edle, ehrliche, arglose, gerechte, rechtschaffene und glückliche "Naturburschen". Alle gehorchen einem allgemeinen Willen, dem Willen der Mehrheit.. Wenn das Volk es so will, dann sei auch eine Diktatur gerechtfertigt! Danton und Robespierre rechtfertigen so ihre Schreckensherrschaft um das "Recht zum Aufstand"! Es ist bezeichnend, dass "To have or to be" nur vom "Monopolkapitalismus" spricht Der Begriff ,,Marktwirtschaft" oder gar der "Sozialen Marktwirtschaft" kommt bei Fromm nicht vor! Ihm fehlt die Lebensklugheit und Weisheit eines Adam Smith, der erkannt hatte, dass "indem jeder sein eigenes Interesse verfolgt, er häufig das der Gesellschaft wirksamer fördert, als wenn er sich tatsächlich vornimmt, es zu fordern". Er verteufelt nicht das Privateigentum, das, so Fromm, den Wunsch in uns erweckt, Gewalt anzuwenden, und andere offen oder heimlich zu berauben", sondern erkennt: "Weil das Eigentum des Menschen an seiner eigenen Arbeitskraft ursprünglich Grundlage allen anderen Eigentums ist, ist es auch vor allem anderen heilig und unverletzlich". Selbst der Wunsch, Nachkommen zu haben, ist für Fromm "ein Vorgang rücksichtsloser Ausbeutung der Frau". "Die ausgebeutete Frau beutet die kleinen Kinder aus, die Halbwüchsigen tun sich mit ihren Vätern zusammen, um die Frauen auszubeuten", Dagegen sei "bei den nicht besitzorientierten Kulturen Freude an der Sexualität ein Ausdruck des Seins, nicht das Resultat sexueller Possessivität". Paare können ungehindert auseinandergehen, "sobald die Liebe erlischt"; ,,Primitive Kulturen haben keinerlei sexuelle Tabus". Wulf und Bernadette, mit denen ich auf der Fahrt über Fromm sprach, meinten, meine Kritik beruhe auf Aussagen Fromms, die aus dem Zusammenhang gerissen worden seien.

U.a. hierauf stützte der Alliierte Kontrollrat das Gesetz Nr. 46~ durch das Preußen "verboten" wurde, "which from early days has been a bearer of militarism and reaction in Germany" !

Am Ende ihrer Tage wurde Renate von einer Gegnerin zu einer Bewunderin Frankreichs. In der Tat ist das einsame Land am Allier und an der Loire und viele seiner Bauwerke sehr schön. Auch waren die Franzosen, die wir dort trafen, freundlich, hilfsbereit und sympathisch. So wurde Wulfs Augenverletzung in einern Notfallkrankenhaus in Moulins gegen 21 Uhr kostenlos und ohne Bürokratie behandelt. Die Begeisterung Renates erreichte ihren Höhepunkt in Nevers. Dem von Amerikanern im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dom, der Kathedrale Saint Cyr und der ihn umgebenden Altstadt als Ensemble haben wir nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Übrigens herrschten über die Grafschaft Nevers von 1491 bis 1699 die Herren von Kleve, das bald danach preußisch wurde. Es hätte also, wieder einmal, alles ganz anders kommen können.

Sieburg schreibt: "Der Fremde, der eine kleine Stadt in Frankreich zum ersten Male betritt, gerät zunächst in einen Zauberkreis von Sinneseindrücken, Ahnungen und Erinnerungen, aus dem er nur schwer entrinnen und bis in den Mechanismus des täglichen Lebens vordringen kann. Dieser Zauberkreis ist voller Ruhe, ja voll Schlaf Die schweigsamen Straßen mit ihren niedrigen Häusern treffen auf kleinen Plätzen zusammen, deren schwere Bäume einen grauen zierlichen Brunnen umgeben. Gestern war noch Jahrmarkt auf einem solchen Platz, dessen Gras zertreten ist, aber heute sieht er schon wieder so aus, als würde ihn nie mehr ein Mensch überqueren. Man weiß, welch ein Reichtum von Bauwerken achtlos über die französische Erde geschüttet ist. Jede kleine Stadt hat ihre alten Hoftore, in deren silbergrauen Stein eine vergessene Meisterhand ein Blumengebinde, eine Figur, ein Ornament gemeißelt hat. Mehr als ein Schuppendach wird von verfallenen, aber ergreifend reinen gotischen Kapitellen getragen. Die schweren, niedrigen Einfahrttore der alten Bürgerhäuser schließen ihre Bogen zu feingeschnitzten Engelsköpfen oder Fruchtstücken zusammen, die schmalen hohen Fenster sind von zarten, schmiedeeisernen Balkongittern gehalten, deren einfache Zierlichkeit die allzu ernsten Hausfronten auflockert und doch gleichzeitig gliedert. Nirgendwo wie in französischen Kleinstädten sieht man an den Straßenkreuzungen so stilvolle Eckhäuser, die wie Brückenpfeiler den Lauf der Straße zerteilen. Und die Kathedralen! Man sieht Kirchen, die so alt sind, daß sie fast noch befestigten Gutshöfen gleichen mit ihrem gewaltigen Schindeldach, ihren schießschartenähnlichen Fenstern, ihren kleinen dicken Rundtürmen an den Ecken der Umfassungsmauer, und man sieht raffinierte, silbrige Dome, die über dem Städtchen zu schweben scheinen mit ihren überreichen, schlanken Türmen. Kein Markttag, kein Kirchenfest, keine sportliche Veranstaltung kann die Stille dieser Städte länger als ein paar Stunden verscheuchen. Es ist, als habe die Menschheit für immer die Hände in den Schoß gelegt, und da man kein Störenfried sein will, nimmt man sich zunächst einmal vor, hier in diesem Hause, dessen weiten Garten man ahnt, sein Leben zu beschließen. Heimwehluft rührt die Linden des Platzes, und diese Luft schafft die gefährlichste aller Illusionen, dass hier der Friede zu Hause so dass es hier keinen Hass, keine Unruhe, keine trübe Leidenschaft, keine Verfolgung mehr gebe, sondern nur noch die ausgeglichene Weisheit zeitloser Tage."

Wahrend der Fahrt bekam Wulf einen gewaltigen Sonnenbrand. Weil er in den vergangenen Monaten jede Woche etwa 70 Stunden im Büro verbracht hatte, war er blass wie ein Grottenolm und entsprechend sonnenempfindlich. Dazu kam seine derzeitige schlechte körperliche Verfassung, so dass er nach der Paddelei für mehrere Tage die Finger nicht mehr richtig bewegen konnte. Als wir vom Parkplatz am Dom von Nevers zur nächsten Gastwirtschaft gingen, der Taverne St.Louis, hätte man meinen können, er sei volltrunken; dermaßen lahmte und schwankte er.

Alles in allem konnten wir das Resümee ziehen: Frankreich ist stets eine Reise wert; und zwar einerseits wegen eines gewissen kulturellen Gleichklangs und andererseits wegen der andersgearteten Seele des Franzosen, so er überhaupt eine hat. Voltaire sagt: "Il vaut mieux sans doute penser â sa santé qu'a l’espace infini" ! Wenn das der Meister aus Königsberg hörte! Die Brüder Goncourt behaupten, sich vor einem Landschaftsbild mehr in der freien Natur zu fühlen als in dieser selbst! Der Direktor der Ecole Nationale d' Administration (ENA) hätte mich am liebsten des Landes verwiesen als ich einmal unter Verweis auf den Unterschied zwischen englischen und französischen Parkanlagen die Meinung vertrat, dass die Nordländer eher naturverbunden sei, die wilde Heide, den Urwald und das Meer liebe; hingegen die Südländer eher die gebändigte Natur in Form von kunstvoll beschnittenen Hecken bebauten Feldern und gezähmten Wasserläufen bevorzuge.




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