Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Fahrten auf der Havel

Der erste Nachkriegswinter war sehr streng. Der Stößensee fror zu; so konnten wir zu einem zerschossenen Dampfer gelangen, dessen Aufbauten aus dem Wasser ragten. Ich beschloss, ein Floß zu bauen. In mühseligen Etappen schleppten wir einen Teil der Planken in eine Fichtenschonung gegenüber der Villa des Schuhwichseherstellers Urbin. Nach Kriegsende war dort der britische Stadtkommandant eingezogen. Als wir das Floß zimmern wollten, war das Holz geklaut. Zum Trost kaufte mir mein Vater von meinem Segellehrer ein löchriges Kanu zum Preise von 3.000 Reichsmark. Der Segellehrer war Ex-U-Bootfahrer; jedenfalls hing in seiner Kajüte die Abbildung eines U-Bootes, das er als das seinige bezeichnete. Vielleicht hatte er es aber nur so aufgehängt. Die Mädchen waren damals wild auf Flieger und U-Boot-Männer, von denen allerdings nur noch wenige aus dem Kriege heimgekehrt waren, so dass das Angebot die Nachfrage nicht befriedigen konnte.

Mein erstes Schiff erhielt den Namen Seefalke. Unter der Anleitung eines beim meinem Vater beschäftigten angeblichen Ex-Schiffszimmermannes, er behauptete, Kap Hoorn umsegelt zu haben und hieß sinnigerweise Holz, baute ich aus einem Bettlaken und einer im Grunewald geklauten Fichte ein Segel nebst Mast. Endlich konnte ich in See stechen. Nur einmal fuhr mein aus dem Krieg heil heimgekehrter Bruder Hans auf dem Seefalken. Das war im Jahre 1947. An einer Tonnenboje zwischen Schildhorn und Weinmeisterhöhe legten wir an. Ich kletterte auf die Boje, um von ihr aus ins Wasser zu springen. Er wollte das nachmachen. Weil er schwerer war als ich, geriet die Boje In Schräglage, so dass er in das Kanu fiel und wir kenterten. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn er nicht die wertvolle Leica unseres Vaters mit an Bord genommen hätte. Sie versank ebenso wie eine schweinslederne Aktentasche, die eine erzählenswerte Geschichte hatte: Mitten im Krieg, als die Reichshauptstadt schon zur Hälfte in Trümmern lag, wurden in der Turnhalle seiner und später meiner Schule Böcke aufgestellt, die mit herrlichem Schweinsleder bezogen waren. Die den Evers eigene Habgier obsiegte über etwaige Skrupel. Nach der letzten Turnstunde öffnete er ein Fenster; stieg nachts in die Turnhalle und zog einem Bock das Fell ab. Zudem hatte er die Frechheit, bevor er ins Feld zog, mit einer Aktentasche, die aus eben diesem Leder angefertigt worden war, zur Abschiedsfeier in der Schule aufzukreuzen. Deshalb bedauerte ich den Verlust der Aktentasche mehr als den Verlust der Leica.. Des weiteren verschwand die Kostümjacke und Bluse seiner Braut im Havelwasser, so dass Petty halbnackt mit der Straßenbahn nach Hause fahren musste.

Leider kaufte mein Vater dann ein Motorboot, den Delphin, der allerdings fast ausschließlich von mir benutzt wurde. Ich sage deswegen leider, weil ich nun nicht mehr gezwungen war, wie in dem löchrigen Kanu Muskelkraft einzusetzen, um auf dem Wasser voranzukommen; was jedoch in jungen Jahren äußerst wichtig ist. Auch kam ich mir bald wie ein Frevler vor; fast vergleichbar mit den Sunderland-Flugbooten, die zu jener Zeit der Blockade, zusammen mit den in Tempelhof landenden "Dakotas", Berlin versorgten.

In die bis zum Ende der Blockade noch weitgehend vom Menschen unberührte amphibische Welt der Havelseen mit dem Stechpaddel einzudringen, erschien mir gerade noch zulässig, nicht aber mit einem stinkenden und knatternden Benzinmotor.

Gegen Kriegsende hatte ich "Menschen unter Haien" von Hans Hass gelesen. Er ist der Erfinder der Schwimmflosse, der Unterwasserkamera und der Taucherbrille. Das Buch handelte von Tauchgängen, die er bis zu seiner Internierung im Jahre 1940 vor dem damals holländischen Curaçao unternommen hatte. Ich wurde einer seiner ersten Jünger.

Aus einer russischen Gasmaske - wohl aus amerikanischer Produktion, denn sie war viel besser als unsere Gasmasken -, und einer Luftschutzpumpe nebst Schlauch montierte ich eine Taucherausrüstung. Der "Maschinist" im Seefalken konnte aber gar nicht so schnell pumpen, wie ich auf dem Havelgrund Luft verbrauchte - es war eben eine Wasser- und keine Luftpumpe.

1959 machte ich Renate auf dem Stößensee einen Heiratsantrag - den ersten und wohl auch letzten in meinem Leben. Um meine Zunge zu lockern, hatte ich zwei Flaschen Mavrodaphne - einen ziemlich schweren griechischen Wein -, mit an Bord genommen. Als Renate - sie saß am Bug -, hörte, dass ich eine zweite Flasche entkorkt hatte, wollte sie wissen, warum. Ich erklärte. dass ich mich betrinken wolle. Wieder fragte sie nach dem Warum. Ich weigerte mich diese Frage zu beantworten. Sie erklärte, dass sie nicht mit einem Betrunkenen im Boot bleiben werde. Inzwischen waren wir etwa gleichweit von Weinmeister Höhe, Schildhorn und dem Spandauer Leuchtturm entfernt. Im Vertrauen auf die Jahreszeit - es war wohl Ende September - und die Entfernung zum Ufer betrug knapp einen Kilometer, erklärte ich, dass sie mich an meinem Vorhaben schwerlich hindern könnte. Sie zog die Badekappe über den Kopf, setzte sich auf den Bootsrand und begann, sich ins Wasser gleiten zu lassen. So musste ich nachgeben und meinen Antrag nüchtern stellen. Ehe Renate mir ihr Jawort gab, verging fast ein Jahr.

Wohl auch in der Hoffnung, in ihrer Gunst zu steigen, wurde Renate am 11. Oktober 1958 in unserer Rudermannschaft als Ehrenmitglied aufgenommen.

Der Versuch, auch meinen Klassenkameraden Rolf in die Mannschaft zu integrieren, scheiterte kläglich. Unser Riemenvierer, die "Hindenburg", gehörte dem Ruderverein der Technischen Universität Berlin. Rolf studierte an der Freien Universität, bezeichnenderweise Mathematik. Wir konnten ihn also nur illegal mitfahren lassen. Deshalb instruierten wir ihn genauestens, als er einmal den Steuermann ersetzen sollte. Er durfte nicht durch Fehler auffallen. Er beging gleichwohl den gröbsten denkbaren Fehler, den ein Steuermann begehen konnte, indem er sich genauso auf die Steuermannsbank setzte, wie wir auf unseren Rollsitzen saßen, nämlich mit dem Gesicht zum Heck, d.h., mit dem Rücken zur Fah1richtung!

Im Jahre 1974 lernte Wulf kurioserweise etwa an der Stelle Schwimmen, wo ich seiner Mutter 16 Jahre zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte. Wir hatten uns auf Schildhorn ein Ruderboot gemietet. Wulf sprang ins Wasser, ohne schwimmen zu können. Ich hatte ihm aber das Tauchen beigebracht. Er wusste, dass man mit angehaltener Luft nicht untergehen kann. Also holte er tief Luft, tauchte und "paddelte" drauflos - einmal um das Boot herum. Ihm war ein Eis versprochen worden, wenn er dies schaffen würde. Es ist merkwürdig, dass ich auf gleiche Weise schwimmen gelernt habe.

Kurz danach hatte Ingo sein erstes "Erfolgserlebnis". Er fing - mitten im Strandbad Wannsee einen Krebs. Das war wohl nur möglich, weil es noch früh im Jahr und an einem Werktag war, so dass außer uns wohl niemand im Wasser war. Ich glaube nicht, dass danach noch Krebse im Strandbad Wannsee gefangen worden sind.

Bis Kriegsende waren Havelkrebse "plenty as strawberries". Wegen der zunehmenden Zahl von Luftangriffen auf die Reichshauptstadt hatten meine Eltern, wie berichtet, ein Haus in Fichtengrund gemietet. Dort fuhren wir an möglichst jedem Wochenende hin. Einmal hatten meine Eltern eine große Tüte mit Krebsen dabei. Wegen eines Fliegerangriffs fuhr der Zug ohne Beleuchtung. Als er in Oranienburg hielt, war die Tüte leer. Das nicht wasserfeste Papier hatte den Scheren der Krebse nicht standgehalten. Noch bis Stettin, so erzählte uns der Schaffner auf der Rückfahrt, stieß man auf die armen Schalentiere.

Als die AEG noch das weltweit führende Unternehmen der Elektroindustrie war, leistete sie sich auch einen eigenen Wassersportverein, den Regatta-Verein 1881 e.V., die ,,AEG Elektra" mit mehreren tadellos gepflegten Booten. Sie wurden jedoch zu meiner Zeit kaum genutzt; wahrscheinlich weil der tatkräftige Teil der Belegschaft nach dem Krieg größtenteils tot oder nach Westdeutschland gegangen war und in Berlin im wesentlichen nur noch die ,,Alten Herren" geblieben waren.

Am "Winterwettbewerb" 62/63 der AEG Berlin nahm unser Zweier ohne Steuermann als einziges Boot teil, weil außer uns keiner im Verein ruderte, jedenfalls nicht im Winter.

Im Sommer 1995 wiederholte ich mit Renate, Bernadette und Wulf die Faltbootfahrt, die ich 1951 mit einem gebrochenem Fuß unternommen hatte. Statt - wie damals - in Spandau, stachen wir gegenüber dem Kaiser-Wilhelm-Turm in See. Zuvor hatten wir zwischen Spandau und Potsdam vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, die Boote aufzubauen und zu Wasser zu bringen. Wenn endlich die Bundesregierung nach Berlin zieht, wird das Ufer noch schwerer zu erreichen sein. D.h., dass ich wohl nie wieder die Jagdgründe meiner Jugend befahren werde.

Wolf Jobst Siedler vergleicht die Havel zwischen Spandau und Potsdam mit der Loire und ihren Schlössern bei Blois; Stendhal mit dem Ufer und den Inseln des Lago Maggiore. Beide haben wahrscheinlich weder Havel noch Loire mit dem Boot "erfahren". Andernfalls wäre ihnen das Einmalige und Großartige der von den Hohenzollern und ihren Helfern - Knobelsdorff, Lenné, Schinkel etc.- , geschaffenen Kunstwerke bewusst geworden. Dazu kommt, dass die Loire einer der letzten großen ungezähmten Ströme Europas ist; mit der Folge großer Schwankungen des Wasserstandes und der Breite des Flussbettes. Dies bewirkt, dass man vom Wasser aus, anders als auf der Havel, kaum eines der Schlösser erblicken kann - ganz zu schweigen von Blickachsen, wie sie die Hohenzollern geschaffen haben: So fällt der Blick von dem als Ruine gebauten Schlösschen auf der Pfaueninsel auf den "Ruinenberg" in Potsdam.

Von der scheinbar im Schilf der Havel gelegenen Heilandskirche - sie wurde nach Entwürfen Friedrich Wilhelm IV. von Persius erbaut, hier wollten Renate und ich ursprünglich heiraten -, sieht man auf die hoch über der Pfaueninsel gelegene Kirche "Peter und Paul"; hier wurden wir am 6. September 1961 getraut, da ab dem 13. August die "Mauer" den Zugang zur Heilandskirche nicht nur für Westberliner, sondern für alle Deutschen - mit Ausnahme der Grenzwächter - für fast 30 Jahre verhinderte.

Dieses Kleinod europäischer Architektur lag in all den Jahren im Niemandsland und harrt, wie so viele Baudenkmäler im Havelland, seiner Wiederentdeckung.

Die Pfaueninsel trug einst den prosaischen Namen "Kaninchenwerder"; ähnlich wie der Bonanza Creek bei Dawson City vor Bekanntwerden seines Goldreichtums Rabbit Creek hieß. Der Große Kurfürst übereignete die Insel im Jahre 1685 dem Entdecker des Phosphors und Erfinder des Rubinglases, Johann Kunkel. Er kam aus Dresden, wo ihn der König von Sachsen, der ihm zuvor 1000 Taler Jahressold versprochen hatte, mit folgenden Worten entlassen haben soll: "Kann Kunkel Gold machen, so bedarf er kein Geld; kann er solches aber nicht, warum sollte man ihm Geld geben".

Das Rokokoschlösschen der Insel soll von der Gräfin Lichtenau entworfen worden sein. Mit ihr lebte Friedrich Wilhelm II. in sogenannter morganatischer Ehe oder Ehe zur linken Hand. Für sie errichtete der König auch das Teehaus im Charlottenburger Schlosspark, das Belvedere, dessen Abriss der Berliner Senat nach Kriegsende beschloss, aber zum Glück nicht ausführte.

Der Park auf der Insel wurde von Lenné gestaltet.

1830 schrieb ein Zeitgenosse: "Eine Fahrt nach der Pfaueninsel gilt den Berlinern als das schönste Familienfest des Jahres und die Jugend fühlt sich überaus glücklich, die munteren Sprünge der Affen, die drollige Plumpheit der Bären, das seltsame Hüpfen der Kängurus hier zu sehen. Die tropischen Gewächse wurden mit manchem Ach! des Entzückens bewundert. Man träumte, in Indien zu sein und sah mit einer Mischung von Lust und Grauen die südliche Tierwelt, Alligatoren und Schlangen, ja das wunderbare Chamäleon, das opalisierend oft alle Farben der blühenden Umgebung widerzuspiegeln schien".

In Höhe der Pfaueninsel erblickt man Park und Landhaus Glienicke, dem gleichfalls von Schinkel entworfenen Wohnsitz des Prinzen Karl. Hier knutschten Siegfried und ich 1947 mit den Mädchen aus dem Sommerlager der Roten Falken.

Gegenüber erscheint Schloß Babelsberg; Sommersitz des ersten Kaisers. Dann der unter Friedrich Wilhelm II. erbaute und 1945 zu trauriger Berühmtheit gelangte Cecilienhof, wo zwei sieche Greise und ein Massenmörder das finis Germaniae planten. Es folgt das Marmorpalais, wo Wilhelm II. in den ersten Jahren seiner Ehe weilte.

Unsere erste Nacht verbrachten wir auf einer Landzunge am Beginn des Sacrow-Paretzer-Kanals, kurz vor Paretz, dem Lieblingsaufenthalt Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise. Über den Schlänitzsee, die Wublitz und den Großen Jernsee gelangten wir nach Werder, dem Kirchblütenparadies der Berliner, das bis vor wenigen Jahren für alle Westberliner unerreichbar war. Auch für Westdeutsche war es leichter, zum Kirschblütenfest nach Jokohama zu fahren als auf Werder Kirschwein zu trinken und dazu Havelaal zu essen, was wir heroisch taten - dies sind nun mal die Spezialitäten dieser knapp 50 Morgen großen Insel.

Der Ort entstand dadurch, dass sich die Bewohner eines wendischen Dorfes auf dem Festland hierher zurückzogen, nachdem die Deutschen es zerstört hatten - so wie die Bewohner von Aquileja nach dem Hunneneinfall Venedig gründeten. Freilich entwickelte sich Werder anders als die Perle der Adria. Ein Zeitgenosse des 30jährigen Krieges charakterisierte seine Bewohner so: "Sie hassen alle Fremden und sind sehr abergläubisch; im Gespenstersehen besonders erfahren; haben eine kauderwelsche Sprache, üble Kinderzucht, schlechte Sitte und halten nicht viel auf Künste und Wissenschaft".

Die Fischerkolonie behielt bis in unsere Tage ihren wendischen Charakter; sowohl die Pest, der "Schwarze Tod", als auch die Schweden und die Kaiserlichen zogen - wie der ganze 30-jährige Krieg -, an ihnen vorüber- "wie ein Gewitter, das nicht über den Fluss kam", schreibt Fontane. Der Aufschwung für Werder kam 1736, wie Fontane weiter berichtet. Das in Brandenburg garnisonierende dritte Bataillon Garde erhielt Befehl, zur Revue nach Potsdam zu marschieren; und zwar merkwürdigerweise über Werder, wo ein Detachement von 150 "Blauen" verblieb. Dem König wurde bedeutet, dass die Werdersche Brücke nicht in der Lage sei, das Bataillon zu tragen. So wurde aus Schatullengeldern in kürzester Frist eine neue Brücke erstellt. Als wenig später die Karosse des Königs mitten auf dem Markt im Morast steckenblieb, erhielt Werder auch noch ein neues Pflaster.

Wir verließen die romantische und immer noch etwa verwunschen wirkende Insel, so viele Jahrzehnte eines meiner "Fernziele", im beschwingten, aber nüchternen Zustand; anders als die vielen Berliner vor den Kriegen und in der Zwischenkriegszeit, die auf der "Rutsche" in die unten wartenden "Blütenzüge" gelangten, deren Coupés zum Teil mit Stroh ausgelegt waren - mit Rücksicht sowohl auf die Betrunkenen als auch auf die Putzfrauen.

Als Junge wollte ich Großwildjäger werden und die "big five" - Löwe, Tiger, Rhino, Elefant und Leopard -, erlegen. Dieser Ehrgeiz ist zu dem meinen beklagenswerten finanziellen Verhältnissen eher entsprechenden Wunsch geschrumpft, einige exotische Getränke dieser Welt zu kosten. Auf meiner ,,Abschussliste" steht mittlerweile: Kapitän Riverrats sourtoe cocktail aus Dawson City. Im "Raffle's" von Somerset Maugham kreierter singapore sling, Tom Collins aus dem Robinson Club in Kalabrien, Echtes "Goldwasser", dem "Lachs", aus der Breitgasse in Danzig.

Nunmehr, nach Werder, fand ich den dortigen Kirschwein für würdig, in die Auswahl iIIustrer Getränke einbezogen zu werden, so daß ich fortan mit meinen persönlichen "big five" prahlen kann.

Schräg gegenüber, vor Geltow, badeten wir. Über die kleine Siedlung, die uns nur wegen des bunten Daches des Pfarrhauses auffiel - die Pfarre soll um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 200 Taler getragen haben -, weiß Fontane viel zu berichten. U.a. berichtet er von dem hier begrabenen preußischen Gesandten von Meusebach, der in Rio de Janeiro 13 Duelle auf einmal kontrahiert haben soll und sodann, wie es heißt, dem Wahnsinn verfiel.

Auf der Weiterfahrt zum Schwielowsee - auf seinem Grunde sollen viele gekenterte Kähne liegen -, an seinen Ufern wurde früher Wein angebaut -, passierten wir die Baumgartenbrücke, früher eine Zugbrücke. Alle durchfahrenden Schiffe mussten den "Brückenaufzugzoll" entrichten. Wohl wegen des damit verbundenen Halts wurde aus dem Brückenwärterhäuschen eine Gastwirtschaft - von Fontane überschwänglich als "Brühlsche Terrasse am Schwielowsee" gepriesen -, die vor allem wegen ihrer "Werderschen Mollen" mit dreifingerbreitem Schaum berühmt wurde. Leider ließen wir uns diesen Genuss entgehen.

Ebenso wie die Gastwirtschaft "Zum Lachs" in Danzig, dort wird das Danziger Goldwasser seit knapp 500 Jahren serviert, steht das Gasthaus an der Baumgartenbrücke in meinem "Maßnahmenkatalog" ganz oben. Im Politikerdeutsch spräche ich wohl davon, dass es "eine der ersten Prioritäten" einnähme.

Unsere zweite Nacht verbrachten wir gegenüber dem Schloss Caputh auf einer Halbinsel zwischen Schwielowsee und Templiner See.

Dorf und Schloss befanden sich indessen noch in einem so desolaten Zustand, dass wir von einem Besuch Abstand nahmen - nomen est omen! Schon Fontane hob die Armut des Fleckens hervor: Die Bewohner des schmalen Uferstreifens besaßen keine Äcker und die Potsdamer Kiezfischer verwehrten ihnen den Fischfang. Doch Not macht erfinderisch. Das aufstrebende Berlin brauchte Backsteine. Die kamen auf Kähnen in die Stadt, von denen, aus welchen Gründen auch immer, viele auf der Caputher Reede ankerten. Das Dorf soll damals als "Chicago des Schwielowsees" berüchtigt gewesen sein.

Das Schloss glich wohl auch in seinen besseren Zeiten eher einem Herrenhause. Kurfürst Friedrich II., der spätere König Friedrich I., vermachte es 1689 seiner Frau Sophie Charlotte - von ihr hat Charlottenburg seinen Namen -, zum Geschenk. Diese verwandelte es in ein "Märkisches Juwel".

Am 8. Juli des Jahres 1709, dem glänzendsten Tag des Schlösschens, fuhren Friedrich I. von Preußen, Friedrich IV. von Dänemark sowie Friedrich August von Sachsen und Polen auf der mit 22 Kanonen bestückten Jacht des ersten preußischen Königs vom Lustgarten - dem heutigen "Marx-Engels-Platz" - nach Caputh.

Unter seinem Nachfolger, dem "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I., wurde die Jacht gegen einige "Lange Kerls" an Zar Peter verkauft.

Caputh sank zu einem bloßen Jagdhaus herab. Am tiefsten fiel Caputh - wie so viele preußische Herrensitze -, unter den Sozialisten.

Gegen Mittag erreichten wir Potsdam. Auf der Höhe der Nicolaikirche kenterten Wulf und Bernadette.

Die Nicolaikirche ist die einzige der drei großen Kirchen Potsdams, die erhalten blieb. Die Heiliggeistkirche und die Garnisonskirche wurden in den sechziger Jahren von Ulbrichts Schergen gesprengt. Thomas Wolfe schrieb 1936: "Die Kuppel der Nicolaikirche grüßt aus der Ferne, wie die Kuppel des Petersdomes in Rom".

Noch ist sie nicht zur Gänze wiederhergestellt. Immerhin leuchtet bereits die Kuppel des alten Rathauses im Glanz von ehedem.




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