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Island 1998
Im August 1999 fuhren Renate und ich
zum ersten Male nach Island. Ursprünglich hieß die Insel Gardarholm. So nannte
sie unbescheiden – nämlich nach seinem Namen -, der Norweger Gardar
Svarvarson im Jahre 861. Er wollte bei seinen Schwiegereltern, die auf den
Hebriden lebten, das Erbe seiner Frau holen, verfuhr sich und entdeckte so
Island.

Die
Nordgermanen waren allerdings nicht die ersten Entdecker Islands:
Im
Jahre 345 vor Christo erhielt der Grieche Pytheas aus Massilia, dem heutigen
Marseille, den Auftrag, festzustellen, welche Bewandtnis es mit dem Zinnland
habe.
Weil
das die See beherrschende Karthago eine Reise durch die Straße von Gibraltar
nicht zuließ, soll er die Rhone aufwärts gefahren sein, um dann über Land an
die Loire zu gelangen, deren Lauf er angeblich bis zur Mündung folgte, um dort
in See zu stechen.
In
vierzig Tagen habe er sodann Britannien (das Zinland) umsegelt, das er wegen der Kreidefelsen
von Dover Weißland (auf keltisch Albion) nannte.
Plinius
schrieb im 1. Jahrhundert nach Christo, dass Pytheas nach einer sechstägigen
Seereise auch die Insel Thule erreichte:
„Die
nördlichste alle britannischen Inseln heißt Tyle; ihre Breite liegt in der Nähe
des Geronnenen Meeres und sechs Tagereisen nördlich von Albion. In Tyle liegt
der ganze Wendekreis der Sonne über der Erde und fällt mit dem um den
Himmelspol durch das Sternbild des Bären, dem Arktischen, zusammen. Die
Barbaren zeigten uns dort die Gegend, wo sich die Sonne schlafen legt. Sie sei
gleichsam immer bei ihnen.
Es
stellte sich tatsächlich heraus, dass in dieser Gegend die Nacht ganz kurz
wird; an einigen Stellen zwei, an anderen drei Stunden dauert, so dass die Sonne
nach ihrem Untergang nach ganz kurzer Unterbrechung gleich wieder aufgeht. Dort
laufen im Sommer die Tage und umgekehrt im Winter die Nächte durch, und es muss
Gebiete geben, in denen nur einmal im Jahr Tag und einmal Nacht ist“.
Pytheas´
eigenes großes Werk Über den Ozean
ist verlorengegangen und nur indirekt in Fragmenten durch ihn sowieso
anzweifelnde spätere Autoren überliefert. So bleibt dunkel, ob er mit
Erreichen Thules Island für die Griechen entdeckt hatte oder ob mit Thule die
norwegische Küste gemeint war.
In
vorhomerischer Zeit musste jedenfalls eine wesentlich genauere Kenntnis der
Randgebiete der damals bekannten Welt bestanden haben, als sie Homer hatte, denn
die altgriechischen Sagen lassen ein viel umfangreicheres nautisches Wissen
erkennen als es Odysseus und seine Zeitgenossen besaßen. So lässt ein tönernes
kretisches Schiffsmodell, etwa aus der Zeit um 1.400 vor Christo, eine enge
Verwandtschaft zu den germanischen Schiffen der Bronzezeit vermuten. Merkwürdig
ist des weiteren, dass die Schiffe der Phönizier einen Pferdekopf als
Stevenschmuck hatten!
Falls
Pytheas Island erreicht haben sollte, wird er dort vermutlich auf Kelten gestoßen
sein. Wie die Polynesier folgten diese nämlich dem Vogelflug. Viele Wildgänse
der britannischen Inseln fliegen des Sommers nach Island, um dort zu brüten. Außer
dem Fuchs, der wohl in den dortigen Sümpfen noch schlechter vorankommt als ein
Läufer, soll es auf Island keine Raubtiere geben, die den Wildgänsen und ihrem
Nachwuchs gefährlich werden können.
Den
jetzigen Namen erhielt die Insel von Floki Vilgardarson, der vielleicht ein
guter Seemann, aber vermutlich kein guter Bauer war: Weil es so viele Fische zu
fangen gab, vergaß er – wie es heißt –, die Heuernte und musste, als ihm
das Zuchtvieh verhungert war, zurücksegeln.
Mißmutig
nannte er, wegen des vielen Treibeises, die Insel Eisland. Wäre es nach dem mit
ihm segelnden Thorolf „Smör“ gegangen, hieße die Insel „Smörland“
oder Butterinsel. Er beschrieb nämlich, dem isländischen Landnahmebuch
zufolge, die Wiesen als so fett, dass Butter von jedem Halm tröffe.
Vigdis
Finnbogandóttir, die ehemalige Präsidentin Islands, vermutet, dass die Insel
ihren abstoßenden Namen erhalten hat, um die Konkurrenz aus der alten Heimat
fernzuhalten.
Als
wir am 22. August 1998 landeten, war es viel wärmer als in Frankfurt am Main.
Der Himmel war wolkenlos blau, es war windstill und die Sonne schien bis in den
späten Abend. In der irrigen Annahme, es müsse bald regnen, besichtigten und
fotografierten wir schnell die wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Die häßliche
den Isländern von den USA geschenkte Hallgrimskirche – Renate findet, sie sei
schöner als der Kölner Dom!-, mit dem Denkmal des Entdeckers Amerikas, Leif
Erikson, davor.

Dann das Denkmal von Ingólfur Arnason aus Rivedal, der Norwegen
wegen einer Fehde verlassen musste.
Er
siedelte als Erster in Reykjavik, der „Rauchbucht“, weil Odin dorthin die
Pfosten seines norwegischen Hochsitzes treiben ließ, die er zuvor vor der Küste
ins Meer geworfen hatte. Sein Blutsbruder, Leif Hradmarson, der durch einen längeren
Aufenthalt in Irland vom rechten Glauben abgekommen war, siedelte sich auf einer
benachbarten Insel an, ohne zuvor Odin zu befragen und wurde alsbald von seinen
irischen Sklaven erschlagen. Ingólfur, der ihn rächte und dessen von den Iren
erbeutete Frauen befreite, soll dies mit den Worten getan haben:
„Seht,
so geht es, wenn man den alten Göttern nicht die notwendige Achtung zollt“.
Wider
Erwarten war es am Sonntag noch genauso heiß, so dass Renate in ein Freibad
ging, während ich meine 42 Kilometer trabte.

Es
wird behauptet, dass die Männer, die zum Einkauf von Baumsamen nach Dänemark
geschickt wurden, das Geld vertranken, so dass sie nur billigen Zweigbirkensamen
nach Island mitbrachten.
Ich
stellte bei meinem Lauf aber fest, dass es in den Vorgärten fast so viele und
unterschiedliche Bäume gibt wie bei uns. Des weiteren behauptete der Hamburger
Kaufmann Johann Anderson nach einem Besuch Islands im Jahre 1747: „Sind dabey
höchst liederlich und dem Gesöffe des Branteweins ohne alle Maße und Scham
ergeben. Mannigmahl kömmt der Pfaffe so trunken auf die Kanzel, dass er gleich
wieder heruntersteigen und der Küster aus seiner Postill etwas vorlesen muss.
Mannigmahl setzen sich Lehrer und Zuhörer vor der Predigt schon miteinander in
solchen Zustand, dass man den Gottesdienst für dasmahl gar einstellen muss“.
Auch
diese Behauptung konnten wir nicht verifizieren, was aber an den hohen Preisen für
Alkohol liegen kann.
Der
erste Missionar, Thorvaldur Kodransson, musste Island bald wieder verlassen,
nachdem er im Jahre 981 im Zusammenhang mit einem religiösen Disput zwei Heiden
erschlagen hatte. Erfolgreicher war der Sachse Dankbrad, der von König Olav
Tryggvason nach Island geschickt worden war. Er besiegte einen Isländer im
Zweikampf und erschlug zwei weitere einheimische Heiden, weil sie Schmähstrophen
auf ihn und seinen Gott verbreitet hatten.
Schließlich
nahmen die Isländer schweren Herzens die Lehre der Skrälinge aus dem
Morgenland an unter der Bedingung, dass sie weiterhin Mädchen aussetzen und
Pferdefleisch essen durften.
Wie
ich beim Abendessen am nächsten Tage erfuhr, werden im allgemeinen die Pferde
geschlachtet, wenn sie das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben.
In einem
gewissen Gegensatz zu dieser Gewohnheit steht, dass viele Isländer glauben, im
Leben nach dem Tode würden sie ihre Pferde wiedertreffen. Unsere festländischen
neurotischen Warmblüter erreichen dieses Alter sehr selten. Die älteste isländische
Stute soll mit 34 Jahren bei der Geburt eines Fohlens gestorben sein.

Als
der Reiterführer hörte, dass wir Islandpferde haben, gab er mir Thor. Er war
zwar schon 20 Jahre alt, aber äußerst temperamentvoll. Das äußerte sich
unter anderem so, dass Thor stets an der Tête reiten wollte. Diese Eigenart
wurde am zweiten Reittag zu einem Problem. Wir vereinigten uns nämlich am
Heiligen Berg, dem Helgafjell, mit einer weiteren Reitergruppe, die vor uns
bleiben sollte.
Da
Thor dies nicht wollte, wurde er bockig. Um ihn abzureagieren, kam ich auf die
fatale Idee, in Gegenrichtung zu reiten. Als beide Gruppen vor ihm waren, wurde
er jedoch erst recht rebellisch.
Mir
machte der Galopp mit ihm so einen Spaß, dass ich ihn nicht stoppen wollte und
bis zur Spitze der anderen Gruppe aufschloß. Das war ein schwerer Fall
reiterlicher Unzucht, weil so die ganze Herde mitgerissen werden kann. Es riss
sich zum Glück nur das Handpferd unseres Führers los. Allerdings wurde Thor
nach dem Ritt von der Herde abgesondert. Ich hoffe, dass er nicht durch meine
Schuld geschlachtet worden ist.
Renate,
die sich schon Wochen vor dem Reisebeginn bemühte, isländisch zu lernen, fand
heraus, dass Pferde mit langer Mähne in Island Faxi genannt werden. Deshalb heißt
Grani ab jetzt Grani Faxi.
Kaum
waren wir zurück in Deutschland, fiel ich wieder einmal von Grani Faxi. Er
scheute vor einem Reh. Vermutlich war es Gucki, unser „Reh vom Dienst“.
Glückliches
Island: Dort gibt es keine Hasen, Rehe, Wildschweine und so weiter, vor denen
Pferde scheuen.
Island 1999
„Zu
Deiner Frage, was die Leute dort in dem Lande suchen oder warum sie dorthin
segeln mit so großer Lebensgefahr:
Dazu
lockt sie eine dreifache Anlage des Menschen:
Das
erste ist die Lust an Kampf und Ruhm;
denn
das ist menschliche Art, dorthin sich zu begeben, wo große Gefahr zu erwarten
ist und sich dadurch berühmt zu machen.
Das
zweite ist Wissbegierde, denn das liegt gleichfalls in der Natur des Menschen;
Die
Dinge zu erkunden und zu untersuchen, von denen ihm erzählt wird und zu
erfahren, ob sie so sind, wie ihm gesagt wurde, oder nicht.
Das
dritte ist die Aussicht auf Gewinn;
denn
überall suchen die Menschen nach Gut, wenn sie erfahren, dass sich irgendwo
Aussicht auf Gewinn darbietet;
mag
auch andererseits große Gefahr damit verbunden sein“
Aus
dem norwegischen „Königsspiegel“, 1225

Im
Juli 1999 fuhren Renate und ich zum zweiten Male nach Island, und zwar mit dem
Ziel, die Insel von Süd nach Nord zu durchqueren.
Unser
Ritt begann am Sonnabend, dem 2. Juli 1999 am Gehöft Sydra-Langholt, was in
unserer Sprache südlicher langer Hügel heißt. Er führte über den kleinen
und den großen Lachsfluß (Litla Laxá und Stòra Laxá). Merkwürdigerweise
hatten wir zwei Flüsse dieses Namens schon in den Nordwest-Territorien Kanadas
kennengelernt (Little Salmon und Big Salmon River).
Unterwegs
sahen wir eigenartige Vögel. Der gut deutsch sprechende Wirt – er war in
unserem Alter; diese Generation hatte noch deutsch gelernt-, meinte, es seien
Austernfischer gewesen.
Als
ich unsere erste Flußüberquerung filmte, musste ich die Zügel loslassen und
mich seitwärts wenden. Mein Pferd Sturmur reagierte darauf sofort mit einer
Volte.
Wieder
einmal erstaunte mich, wie unterschiedlich Pferde reagieren. So fraßen unsere
isländischen Pferde keine Äpfel und einige keine „Leckerli“. Während Goti
und Grani vor jedem Rinnsal und jeder kleinen sumpfigen Stelle scheuen, sind die
hiesigen „Isis“ die reinsten „Seepferde“.
Leider
verließ uns nach diesem ersten Tage eine Amerikanerin aus Maine. Sie war 72
Jahre alt und hatte Schwierigkeiten, ohne fremde Hilfe auf ihr Pferd zu
gelangen. So avancierten wir zu den Ältesten der Gruppe.
Am
Abend gab es Skyr – ein Mittelding zwischen Dickmilch und Quark, Skyr und
Hardfisk (Trockenfisch) waren die „Wunderwaffen“ der Wikinger, mit denen sie
auf ihren Fernfahrten überlebten.

Einer
unserer zwei Reiterführer nannte sich Simmy. Als wir uns bekanntmachten, fragte
ich ihn, ob er keinen ordentlichen isländischen Namen hätte. Simmy klänge
amerikanisch und sei eines Isländers unwürdig. Nun kam heraus, dass er
Sigmundur hieß. Wohl, um mich zu necken, nannte er mich hinfort Hermanndur. Ich
sagte ihm, dass man mich in Riga Hermannis nannte und er bei den dortigen Balten
demzufolge Sigmunduris hieße.
Unser
zweiter Führer hieß Knutur. Als er sich auf den Rücken seines Pferdes
stellte, machte ich es ihm gleich nach. Zu meiner Freude fiel Sigmundur bei dem
nämlichen Versuch vom Pferd.
Ich
sagte – um ihn meinerseits zu necken -, dass ihm Odin wohl jetzt das Heil
entzogen habe als Strafe dafür, dass er sich so wie ein nordamerikanischer
Kuhjunge nennt.

An
den Isländern gefällt uns unter anderem, dass sie ihre Sprache wesentlich
pfleglicher behandeln als wir. So heißt das von Zuse erfundene und jetzt von
uns im „Kolonialdeutsch“ Computer genannte Gerät bei den Isländern
Zahlenzauberin, nämlich „Tölva (tela = Zahl, völva = Zauberin). Anstelle
des dämlichen Wortes Fax nennen sie einen Fernschreiber Simbréf oder
Drahtbrief.

Am
zweiten Tage, Sonntag, dem 3. Juli 1999, ritten wir zum Gullfoss, dem Goldenen
Fall und übernachteten am Fuße des Blauen Berges, den Bláfell, in einer Hütte
namens Fremstaver. Renate ritt auf einem im Stakkato trabenden Pferd mit dem
eigenartigen Namen Varmi, der Warme. Mein Pferd hieß – wohl wegen seiner Farbe,
– Loá Grani , der Goldregenpfeifergraue.
Abends
wurde gesungen. Die Schweden sangen einen Text nach der Melodie „O
Tannenbaum“ und behaupteten, es sei ein schwedisches Volkslied.
Uns
fiel schon in Sydney auf, dass die Japaner, die in der dortigen Oper ein
Gastspiel gaben, den Donauwalzer und andere deutsche Stücke als japanisches
Liedgut ausgaben. Die deutsche Kultur dient mehr und mehr als Steinbruch, aus
dem sich andere Völker das ihnen Zusagende aneignen.
Die
Schweden kamen aus Göteborg. Ich fragte sie daher, ob es in Göteborg noch
Goten gäbe, zumal sich ihr König als König der Schweden und Goten bezeichne.
Hätte ich gefragt, ob es in Schweden Komantschen gäbe, hätte ihre
Verwunderung nicht größer sein können.
Zusammen
mit Sigmundur und vier Isländerinnen aß ich in der Hüttenkombüse
Fleischsuppe. Als Sigmundur mir eine zweite Kelle geben wollte, lehnte ich ab
mit der Begründung, dass ich von meiner Frau verlange, dass sie schlank bleibe
und sie das Gleiche von mir erwarten können müsste. Ich glaube, dass mich
seitdem die vier Isländerinnen in ihr Herz geschlossen hatten.
Unser
Verdacht, dass es fast so viele Reitregeln wie Reiter gibt, erhielt in Island
neue Nahrung.
Die
Isländer reiten mit nach vorne ausgestreckten Beinen und nach außen gedrehten
Füßen; sie legen den Sattel da auf, wo die Mähne endet, so dass der Bauchgurt
fast in der Pferdemitte verläuft und werfen sich bäuchlings ohne Einsatz der
Steigbügel auf ihr Pferd, was recht komisch aussieht. Auch beschlagen sie ihre
Pferde kalt. Auffällig ist ferner, dass die Pferde nicht bei „brr“ stehen
bleiben, sondern wie mongolische Pferde bei „Brr“ schneller werden.
Der
30 Meter hohe Gullfoss wird vom Hvít-á, dem Weißwasser, gebildet. In der
Egilsaga wird berichtet, dass der berühmte Wikinger Skalla Grimur, in unserer
Sprache hieße er Glatzengrim, bei seiner Landnahme auf einen Fluss stieß, den
er Hvitá nannte, „denn er und seine Gefährten hatten bislang noch keine
Wasserläufe gesehen, die von Gletschern herabkamen; so erschien ihnen die Farbe
des Flusses seltsam.
Diesem
Flußlauf folgten wir am dritten Tage bis zu einer Hütte namens Arbúdir. Das
bedeutet so viel wie Bude am Wasser, denn die Hütte liegt an einer Furt des Weißwasserflusses,
und zwar der Weißwasserspitze., der Hvít-ár-nes. Dichtbei schob der 1.355
Meter hohe Langjökul sein Eis in einen See. Ich beschloss, am nächsten Morgen
zu diesem See, dem Hvítar-vatn, zu laufen, um die Eisberge zu fotografieren,
die im See schwammen.

Am
Abend tranken Renate und ich ein Bier und sahen den Schafen zu, die alle den Weißwasserfluß
entlang nordwärts wanderten. Knutur sagte, sie würden von ihren Eigentümern
im Juni im Süden freigelassen und würden sich sodann in Richtung Norden vorwärtsfressen.
Im übrigen waren die Isländer sehr erstaunt, dass eine Dose Bier bei uns nicht
300 Kronen, sondern nur 15 Kronen kostet, jedenfalls bei Aldi.

Wohl
wegen dieses Bieres schnarchte ich alsbald nach dem Einschlafen. Darüber ärgerte
sich Renate, die nicht wollte, dass ich die anderen störe. Also beschloss ich,
im Freien zu schlafen. Dazu von den anderen am nächsten Morgen befragt, erklärte
ich, dass ich vor einigen Wochen vom Pferd gefallen sei und mir dabei einen
Knochen der linken Schulter, das sogenannte Akromion, gebrochen hätte. Dies
wiederum hätte zur Folge, dass ich nunmehr auf der rechten Seite schlafen müsste
und dass dies meine Schnarchseite sei. Diese Erklärung verwunderte die übrigen
Reiter.
Zum
Glück hatte es in der Nacht nicht geregnet. Morgens schien sogar die Sonne. So
konnte ich meinen Lauf ausgeschlafen beginnen, nachdem ich das Weißwasser
durchwatet hatte. Ich erinnerte mich, dass ich schon einmal an einem Fluss
namens Weißwasser gelagert hatte. Das war die Bjelowodska Dolina in der Hohen
Tatra im Jahre 1966.
Nach
einer Stunde verwandelte sich das Land vor dem See in ein Moor mit immer
breiteren und tieferen Wasserläufen, so dass ich umkehren musste.
Seit
bald 40 Jahren bin ich Langstreckenläufer und habe in dieser Zeit über 100.000
Kilometer zurückgelegt; oft von Hunden begleitet.
Ich
gelangte dabei zu der Überzeugung, dass der Mensch dem Hund – und auch dem
Pferd -, auf langen Strecken überlegen ist, jedenfalls an warmen Tagen.
Der
Mensch kann auf Vorrat trinken und Wasser mitführen; er kann anhand genauer
Karten und Informationen Wasserstellen ansteuern und kann, weil er kein Fell
hat, wesentlich besser Verdunstungskälte erzeugen als ein Pferd oder ein Hund,
zumal letzterer nur vermittels der Zunge schwitzen kann. Zugleich kann sich der
Mensch durch geeignete Kleidung ein „Ersatzfell“ zulegen.
In
Island musste ich diese meine Ansicht ändern. Wegen der vielen reißenden Flüsse
und des schwierigen Untergrundes sind die ausdauernden, mutigen und gutmütigen
Islandpferde in ihrem heimischen Gelände Läufern überlegen. Dazu kommt, dass
man es wohl in stehendem eiskalten Wasser eine ganze Weile aushalten kann, nicht
aber in schnell fließendem Gletscherwasser.
Von
Egil, Skalla Grims Sohn, wird im übrigen in der Egilsaga berichtet, dass er,
als er alt und blind wurde, seine Kisten mit englischen Silbermünzen nahm, sein
Pferd bestieg und sich von zwei Knechten begleiten ließ, die er anschließend
erschlug.
„Es
gibt viele Vermutungen darüber, wo Egil sein Geld verborgen habe. Östlich des
Hofwalles von Mosfell zieht sich eine Schlucht vom Berg herab. Von dieser Stelle
ist als etwas Besonderes zu berichten, dass da bei plötzlich einsetzendem
Tauwetter große Wassermengen herabstürzen. Und wenn sich das Wasser wieder
verlaufen hatte, wurden in der Schlucht wiederholt englische Münzen gefunden.
Einige Leute vermuten, dass Egil sein Geld dort verborgen habe“.
Diese
Aussage der Egilsaga trifft auch auf die Gegenwart zu. Als eine Zeitung
vermeldete, sie trug als Datum den 1. April, dass erneut englische Münzen aus
der Zeit Harald Schönhaars gefunden worden seien, sollen viele Isländer sich
auf den Weg gemacht haben, um endlich Egils Schatz zu heben.

Am
Dienstag, unserem vierten Tage, bekam ich Gjafa, die Gabe; Renate ritt auf Sokki,
der wohl wegen seiner vier weißen Beine diesen komischen Namen bekommen hatte.
Wir folgten zunächst dem Laufe des Flusses Fúlakvisl, um dann auf die bis 700
Meter erreichende Kjölur-Hochebene zu reiten, Kjölur heißt Kiel. Vermutlich
gab man der Hochebene diesen Namen, weil sie wie ein kieloben treibendes Boot
aussieht. Durch diese Ebene führte schon im Mittelalter ein Pfad, der zum
Schafauftrieb benutzt wurde, wohl weil es unterwegs einige Weiden gibt.

Allerdings
ist der Weg nicht ungefährlich; meist ist er erst Ende Juni so weit schneefrei,
dass er begangen werden kann. Wie die Schafe zur Zeit der Schneeschmelze durch
die zahlreichen Flüsse kommen, ist mir unklar geblieben. Von einem
Schafauftrieb wurden nach Jahren nur noch die Knochen der Schäfer und ihrer
Tiere gefunden. Die Hügel an den Fundstellen heißen heute Beinahóll, d. h.
Knochenhügel.
Hier
auf dem Kjöl hauste Grettir, der Geächtete. Von ihm heißt es in der seinen
Namen tragenden Sage:
„Die
meisten Leute sind jedoch der Meinung, dass Grettir der stärkste Mann auf
Island gewesen sei seit der Zeit, da Orm, Strols Sohn, und Thoralf, Skolms Sohn,
ihre Kraftproben aufgaben.
Weiter
heißt es: „Es kam nun immer wieder einmal vor, dass er Leuten, die nordwärts
oder südwärts den Kjöl überquerten, all ihr Gepäck wegnahm, denn es stand
jetzt sehr schlecht für ihn mit dem Beschaffen von Vorräten“.
Am
Mittwoch, unserem fünften Reittage, ritten wir durch drei Flüsse, die Blanda,
den Schwarz- und den Strangakvísl.
Die
Blanda, die Gemischte, findet in der Saga von den Leuten aus dem Laxartal Erwähnung:
„Höskuld, Tälerkolls Sohn, hieß ein Mann. Er war der Ansicht, es sei ein
Makel für sein Ansehen, dass sein Gehöft weniger gut ausgestattet war, als er
es sich wünschte. So kaufte er ein Schiff von einem Mann von den
Shetlandinseln, das an der Mündung der Blanda auf Land lag“.
Svarakvísl
oder Svartakvísl heißt der Schwarze sich Windende oder Wieselnde und Strangakvísl
der Strenge oder Starke sich Windende oder Wieselnde.
Nachdem es mir von der
Arbudirhütte aus nicht gelungen war, zum Langjökull zu gelangen, versuchte ich
am Morgen des nächsten Tages zum Hofsjökull zu laufen. Der wie wild mäandrierende
Strangakvísl machte seinem Namen alle Ehre und verhinderte dies durch seine
gewaltigen Windungen. Trotzdem war der Lauf ein Erfolg. Ich sah und
fotografierte nämlich Wachteln.

Knutur
bat uns, beim Durchqueren der Flüsse nicht ins Wasser zu schauen. Es ist wohl
Einigen dabei schon schwindlig geworden, so dass sie vom Pferd und in das Wasser
fielen und vielleicht abtrieben. So genau erfährt man das nicht.

Auf
dem Hverafeld, dem Hveravellir, übernachteten wir in der Nähe eines „heißen
Potts“, in dem wir badeten.
Östlich
von uns lag der Hofsgletscher und westlich der Langgletscher. Sturmur, mein
Lieblingspferd, den ich am Nachmittag ritt, war dermaßen erschöpft, dass er
100 Meter vor dem Ziel stehenblieb. Ich fürchtete um sein Leben.

Startet
eine Gruppe von Läufern zu einem Wettkampf, dann fällt die Gruppe alsbald
auseinander. Nicht so bei Pferden. Der Trieb, in der Herde zu bleiben, ist übermächtig,
denn den letzten holten sich über Jahrtausende die Wölfe. Deshalb scheinen
lange Strecken für Pferde gefährlicher als für Menschen zu sein.
Bei
dem seit mehreren Jahrzehnten stattfindenden 100 Kilometer-Lauf von Biel im
Schweizer Jura, an dem meist um die 5.000 Läufer teilnehmen, soll es bislang
lediglich einen Toten gegeben haben; angeblich einen Berichterstatter, der für
kurze Zeit neben einem Läufer herlief, um ihn zu befragen.

Auf dem Hveravellir
versteckte sich im 18. Jahrhundert der für vogelfrei erklärte Fjalla Eyvindur
und seine Frau Halla. Ein bescheidener Unterschlupf aus Stein und eine heiße
Quelle, die Eyvindur zum Kochtopf umgewandelt hatte, zählen zu den wenigen von
Menschenhand geschaffenen Überbleibseln dieses kargen Hochlandes. Wie es heißt,
soll es ihnen bis an das Ende ihrer Tage gelungen sein, ihren Häschern zu
entkommen.
Nicht
weit von uns, zwischen den Hofsjökull und dem Vatnajökull, verläuft der
Sprengisandur-Weg. Er ist noch berüchtigter als der Kjölur-Weg. Den Springsand
zu durchreiten soll so mühselig sein, dass die neuere Geschichte Islands die
Namen der Isländer wie auch der ausländischen Reisenden festgehalten haben
soll, die diese Sandwüste durchquert haben. Von einem Ritt durch den
Sprengisandur handelt das beliebteste Volkslied Islands:
Reiten, reiten über den Sand
Die Sonne sinkt am Arnarfell
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Rì∂um,
rì∂um og rekum yfir sandinn, Rennur sól á bak vi∂ Arnafel,
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Es
gibt Geister in diesem Land
Bald wird es dunkel am Jökulsfell
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hér
á reiki er margur óhreinn andinn, úr
Þvi fer ađ skyggja á jökulsfell;
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Gott
führe mein Pferd im rechten Sinn
Der letzte Teil zieht sich lange hin
Hei, hei, hei, der Fuchs geht vorbei
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drottin
lei∂i drösulinn minn,
drjúgur ver∂ur si∂asti áfanginn.
Þei, Þei, Þei, Þei! Þaut í holtí tóa,
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|
|
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|
sein trocken Gaumen
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e∂a
lika a∂ einhver var a∂ hóa
|
|
will lecken Blut
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Undarlega
digrúm karlaróm,
|
|
Fremde
Männer als Ódáôahraun
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Útilegumenn
í Odá∂ahraun
|
|
|
Eru
kannski a∂ s,aöa feè á laun.
|
|
Reiten,
reiten über den Sand
|
Ri∂um,
ri∂um, rekum yfir sandinn
|
|
Es
wird dunkel über Herdubreid-Island
|
rökkri∂
er a∂ s`ga á Her∂ubrei∂
|
|
Die
Feenkönigin legt ihrem Pferd die Trense ein
|
Álfadrotting
er a∂ ver∂a á hennar lei∂:
|
|
Es
ist nicht ratsam, auf ihrem Weg zu sein
|
vǽnsta
klárinn vildi ég gefa til
|
|
Ich
wünschte, mein Pferd und ich wären heim
|
a∂
vera kominn ofan ì Ki∂agil
|
Ein
anderes beliebtes Lied handelt von einem alten traurigen Pferd namens Grani.
Angeblich kann es nur von Sigmundur
und einem wie es heißt geistig verwirrten, aber wohl deshalb sehr beliebten
sogenannten Pop-Sänger namens Megas gesungen werden:
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Vergammelter,
trauriger Grani
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Gamli
sorrí Gráni
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So
nutzlos und geschmäht
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Er
gagnslaus og smá∂ur
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|
Kahl
wie vom Winde verweht
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gisinn
og snjá∂ur
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Keiner,
der dich umhegt
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me∂fer∂
illri af
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Runtergekommen
und matt
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Hann
er feyskinn og fúinn
|
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Erschöpft
und schlapp
|
og
farinn og lúinn og brotinn og búinn a∂ vera
|
|
Ermattet
und müde
|
hann
er Þreyttur og Þvǽldur
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Schwermütig
und trübe
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og
Þunglyndur, spǽldur
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Verbittert
und gebrochen
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og
beiskur og bǽldur í huga.
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|
Gebogen
und verdroschen
|
hann
er beyg∂ur og barinn
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Zu
Tode erschöpft, seine Nerven dahin
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og
brotinn og marinn
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|
Sie
quälen ihn und bringen ihn um den Sinn
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og
feigur og farinn á taugum
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Die
Knochen schmerzen, ihm friert
|
hann
er knýttur og kalin
|
|
Er
geht zum Teufel, er krepiert.
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og
Karoni falinn
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|
ó
hva∂ hann er kvalinn af öllum
|
Weil
ich so schauderhaft singe, hielt ich mich- jedenfalls solange ich nüchtern war
-, mit Liedern zurück und erzählte dafür Sagen. Am besten gefiel den anderen
die Saga von einer Weissagung, derzufolge Örvar Odd durch sein Pferd Faxi getötet
werden würde. Örvar Odd erschlug daraufhin Faxi und begrub es.
Als
er nach vielen Jahrzehnten an die Stelle zurückkehrte, wo sein Pferd begraben
lag, stolperte er über etwas. Es war Faxis Schädel. Darin befand sich eine
Giftschlange, die ihn biss. An diesem Biss starb Örvar Odd.
Mit
den Schweden diskutierten wir am Abend die Frage, warum viele Briten ein
schlechteres Englisch sprechen als viele Isländer, Skandinavier und
Norddeutsche. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Briten Kelten
sind – die Schotten, die Iren, die Waliser und auch viele sich als Engländer
bezeichnende Briten; so wohl auch die meisten „Cockneys“. Für sie ist es
wahrscheinlich ähnlich schwierig, Englisch korrekt zu sprechen, wie es für die
Nachfahren der Angeln, Sachsen, Jüten und Angehörige anderer germanischer Stämme
kompliziert ist, eine keltische oder romanische Sprache korrekt zu sprechen.
Am
Donnerstag, unserem sechsten Reittage, ritten wir durch eine Sand- und Steinwüste
zum Galtará, dem Keilerfluß. Renate ritt auf Blöck, dem Schwarzen, ihrem
Lieblingspferd und ich auf Somi, dem Ehrsamen.
In
der Hütte angekommen, las ich folgendes über einen vorausgegangenen
Ritt: „5 fallen horses, 1 lost horse, 2 horses bite, 1 kick in the face,
1 kick on the leg, 1000 mosquito bites, quite a lot of lost horse shoes, 1 lost
rider, 500 K. for a mosquitonet and 300 K. for a beer“.
Nun,
unsere Bilanz war nicht ganz so schlimm. Am gefährlichsten war wohl folgender
Vorfall:
Ein
Pferd war unter seiner Reiterin gestiegen. Tina, eine der drei einheimischen
Treiberinnen, versuchte daraufhin, das weiter wie wild steigende Tier zur Raison
zu bringen. Dabei stellte sie sich, was wahrscheinlich falsch war, vor das
Pferd. Das Pferd stieg erneut und traf Tina, wohl vorsätzlich, mit dem Huf am
Jochbein. Zum Glück behielt sie die Besinnung und stürzte nicht, sonst hätte
es ein böses Ende nehmen können. Auch Renate, die Tina helfen wollte, befand
sich in Gefahr.
Ansonsten
gab es nur einige folgenlose Abwürfe und Tritte. Alle 74 Pferde waren außerordentlich
trittsicher.
Keines stolperte,
obwohl wir meist trabten oder galoppierten und der Untergrund mal einer
Mondlandschaft und mal dem Hohen Venn glich. Ich dachte mit Wehmut an unsere
„Isländer“ daheim: Goti, den Stolperfritz und Grani, der Trani: Beide
Pferde wären in Island wohl schon im Kochtopf gelandet. 
Am
Freitag, dem 9. Juli endete unser Ritt. Mir fiel beim Aufstehen auf, dass die
Sonne nicht im Westen unter – und nicht im Osten aufgeht. Vielmehr geht sie
hier, in der Nähe des Polarkreises -, gegen Mitternacht in NNW unter, um alsbald
in NNO wieder aufzugehen. Mir dämmerte, dass unsere Sonne lediglich zur Zeit
der Tag- und Nachtgleiche sowie am Äquator genau im Westen unter – und genau
im Osten aufgeht.
Noch komplizierter
ist es auf der Südhalbkugel. Herodot schreibt über eine
Umsegelung Afrikas durch den Phönizier Hanno unter der Regierung des Pharao Necho, der von 609 bis 593 vor Christo regierte, folgendes:
Dadurch
geschah es, dass zwei Jahre darüber vergingen, und erst im dritten passierten
sie die Säulen des Herakles und beendeten die Reise heimwärts. Dort
berichteten sie, dass sie bei ihrer Fahrt um Libyen die Sonne auf der rechten
Seite, gemeint ist wohl im Norden statt – wie auf der Nordhalbkugel – bei
westlichem Kurs im Süden gehabt hätten, was ich nicht glauben kann, vielleicht
aber jemand anders“.
Bekanntlich
verlegt das Nibelungenlied den Wohnort Brünhildes nach Island, auf den
Hindarfjell, den Berg der Hindin:
„Zwölf
volle Tage vergingen, wie wir berichtet sind
Da
waren sie zum Ziel getragen von gutem Wind
Zum
ferne Isensteine, wohl in Brunhildens Land
Das
war allein nur Siegfried aus früheren Tagen wohlbekannt“.
Sollte
es diese Brünhilde gegeben haben, dann kam sie wahrscheinlich aus dem damaligen
Siedlungsraum der Burgunder.
Dafür spricht unter
anderem, dass es auf dem Feldberg im Taunus einen Brunhildisfelsen gibt.
Interessant
ist, dass in der isländischen Fassung des Nibelungenliedes, die ich während
des Rittes las, der Hindarfjell nach Frakkland, d. h. in das Reich der Franken,
gemeint ist wohl das westliche Deutschland, verlegt wird. Da es in Island keine
Hirschkühe gibt, wäre es einem Isländer auch schwerlich glaubhaft erschienen,
dass der Hindarfjell in Island liegen soll.
Andererseits
konnte man einem Franken oder Burgunder kaum glaubhaft machen, dass Brünhildens
Burg von einer „Waberlohe“ umgeben sei; im vulkanischen Island schien das
schon eher möglich.
In
der Edda des Snorri Sturluson, und zwar im Fáfinismál, heißt es:
Hoch
steht ein Saal auf Hindarfjell
Ganz
gürtet ihn Glut von außen
Ihn
haben kluge Zwerge erbaut
Aus
Flutfeuer (Gold) flammend lichtem
Es
schläft auf dem Berg die Schlachtjungfrau
Um sie lodert der Linde Feind (Feuer)
Nachzutragen
bleibt, dass wir am letzten Reittage am Adalmannsee und dann noch einmal im
Maelifellstal zum ersten Mal auf unserem Ritt Schwäne sahen.
Dies
erstaunte mich, da wir uns mittlerweile dicht am 66. Breitengrad, dem
Polarkreis, befanden.

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Es
waren Sommervögel wie wir, die wohl auch bald wieder südlichere Gefilde,
vielleicht sogar das ferne Deutschland, aufsuchen werden.
Der
Schwan spielt in der nordischen Mythologie eine bedeutende Rolle. Unsere
Vorfahren glaubten, dass sich die Walküren in Schwäne verwandeln könnten, um
in dieser Gestalt in Flüssen und Seen zu baden, nachdem sie ihr Federkleid
abgelegt hätten. Wer ihnen, wie Hagen im Nibelungenlied, das Gewand nimmt,
bekommt sie in seine Gewalt.
Hier,
im Hohen Norden, wo es selbst uns „modernen“ Menschen wunderbar erscheint,
auf diese großen Zugvögel zu stoßen, kann man viel eher als im überbevölkerten
Deutschland diese Vorstellungen der Germanen nachempfinden.
Unser
Ritt endete in Steinstadir am Skaga Fjord, in dem die steil aufragende Insel
Drangey liegt. Der Grettirsaga zufolge ist sie von diesem als letzte Zuflucht
aufgesucht und verteidigt worden. Durch die Hand des Schurken Thorbjörn fand er
den Tod. Grettir wurde von seinem Bruder Thorstein gerächt. Der erschlug Thorbjörn
in Miklagard (mächtiger Garten). So hieß Byzanz bei den Nordländern im
Mittelalter.
Nach
Hafnarfjördur, der Hafenförde, unserem Ausgangspunkt – wohl eine Gründung
der Hanse -, zurückgekehrt, war mein Bestand an isländlichen Kronen erheblich
geschrumpft. Dies merkte der Wirt unseres Gistiheimilid, dem wir aus Deutschland
eine Flasche Obstler mitgebracht hatten. Er ging zur Wirtin der nahe dem Gästeheim
gelegenen Kneipe und bezahlte heimlich unsere Biere.
Diese
bei uns selten gewordene Großzügigkeit haben wir mehrfach an Isländern
feststellen können: Unterwegs kaufte ich von unserer Begleitmannschaft Bier,
Hartfisch und Moskitonetze, ohne sofort zu bezahlen. Abgerechnet wurde am Ende
der Fahrt, ohne dass ich je gemahnt worden wäre oder meine Schulden schriftlich
fixiert worden wären.

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