| |
Kanufahrt in Kanada (1994)
Unsere Wanderung nahm ihren Anfang in Skagway am Pazifik. Dort beginnt der "Chilkoot Trail". Er führt über einen der wenigen nicht vergletscherten Pässe Alaskas in das Land hinter dem Küstengebirge. An seinem Ende, nach einem Fußmarsch von 26 englischen Meilen oder 42 Kilometern, liegt der Lindemannsee. Von hier aus wurde früher die Reise auf dem Wasserweg fortgesetzt.
Am 17. Juli 1897 schrieb eine in Seattle erscheinende Zeitung:
"heute morgen um 3 Uhr kreuzte der Dampfer "Portland", aus St. Michael kommend, durch den Sund von Seattle. An Bord über eine Tonne pures Gold."
Was dieser Pressemitteilung folgte, ging in die Geschichte ein als Goldrausch oder - genauer - "Goldrush". Schon ein Jahr später machten sich rund 30.000 "stampeders" auf den beschwerlichenWeg von Skagway zum 1.122 Meter hoch gelegenen Chilkoot Pass.
Insgesamt sollen in jenen Jahren über 100.000 Menschen dem "Lockruf des Goldes" gefolgt sein. Die weitaus meisten kamen über den Chilkoot Pass; einige kamen über den daneben gelegenen "White Pass" und wenige, den Flüssen Mackenzie, Perl und Porcupine folgend, aus dem östlich des Felsengebirges gelegenen Edmonton; es war dies die längste und gefährlichste Route. Alles in allem sollen an die 40.000 Menschen, also weniger als die Hälfte, die später nach einem gewissen Dawson benannte Stadt, am Zusammenfluß von Yukon und Klondike gelegen, erreicht haben.
Der Chilkoot Pass heißt so, weil bei Skagway am Pazifik die Chilkoot Indianer siedelten. Sie überquerten auf nämlichem Pass im Frühsommer das Küstengebirge, um zu jagen und um mit den am Yukon siedelnden Schoschonen Handel zu treiben - zuerst handelten sie mit Fellen, Fellkleidung und Kupfer, später, als die Segnungen der Zivilisation über sie kamen, darüberhinaus mit Kattun, Gewehren, Tabak und "Feuerwasser". Vor Einbruch des Winters zogen die Chilkoots durch Seitentäler des Yukon wieder zurück zum Pass und von dort nach Skagway, wo der Dampfer "Beaver" der Hudson Company schon auf ihre Felle wartete.
Auf dem Pass, der Grenze zwischen Alaska und Britisch-Kolumbien, war die Kanadische "Berittene" Polizei stationiert. Um die Zahl der verhungernden und erfrierenden Goldgräber in Grenzen zu halten, setzte sie die "ton of goods" Regel durch: Nach Kanada durfte nur, wer mindestens eine Tonne an Proviant und Ausrüstung mitführte. Solcherart sollte das Überleben aus eigener Kraft für die Dauer eines Jahres sichergestellt werden. Das bedeutete, daß die meisten die Strecke mehrmals zurücklegen mußten!
Wer es sich leisten konnte, der mietete sich Chilkoots oder Packtiere, von denen, den letzteren, 3.000 in der "Dead Horse Gulch" liegen sollen; einer Schlucht, in die die zusammengebrochenen oder verendeten Tiere gestürzt wurden.
Die Vegetation in jenem Teil Alaskas ist erstaunlich üppig. In dem feuchten und relativ milden Klima der dem Pazifik zugewandten Seite des Gebirges konnte der um die Jahrhundertwende beiderseits des Pfades wohl völlig abgeholzte Regenwald rasch wieder nachwachsen. Doch wird die Landschaft bald wieder unwirtlich. In 914 Meter Höhe beginnt bereits die Baumgrenze. Umschlagendes Wetter ist die Regel. Das Thermometer kann auf -46° Celsius fallen.
Aus Zeitmangel folgten wir den Spuren der Goldgräber nur bis Finnegan´s Point. Dort hatte Pat Finnegan mit seinen Söhnen eine Hängebrücke über den Tayia-Fluß gebaut und dafür Maut verlangt. Er wurde, wie es heißt, von den Goldgräbern überrannt. Die Siedlung wurde schon 1898 aufgegeben.
Ein weiteres Jahr später, im Sommer 1899, verband eine Eisenbahnlinie Yukon und Pazifik. Sie führte über den benachbarten "White Pass" und hieß deshalb "White Pass and Yukon Railway",die berühmte "WP&YR", eines der Welt kühnsten Ingenieurbauwerke. Seitdem ist der Chilkoot Trail nur noch eine Touristenattraktion.
Wir stießen erst 180 Kilometer nordwärts wieder auf die Spuren der Goldgräber, und zwar in Whitehorse, der Hauptstadt des von Ottawa aus verwalteten Yukon Territoriums. Dort zwängt sich der noch junge Yukon durch eine enge Schlucht, dem "Miles Canyon".
Den in selbstgezimmerten Fahrzeugen abwärts treibenden Goldgräbern deuchte die Schaumkrone der sich durch die Schlucht wälzendenden Wassermassen wie die Mähnen von Schimmeln. So erhielten die Schlucht und der später an ihrem Ort entstehende Ort den Namen Whitehorse.
Durch ein Kraftwerk, welches das wilde Wasser staut, hat diese Stelle heute ihren Schrecken verloren.
Wer jetzt die Schlucht passiert, erhält eine Urkunde, die den Inhaber derselben als "Cheechako" ausweist. Wie man bei Jack London nachlesen kann, wurden in jenen Tagen Neuankömmlinge so tituliert.
Whitehorse ist 2.700 Kilometer nördlich von Vancouver und etwa auf der Höhe von Oslo gelegen. Der Klimaunterschied zwischen Oslo und Whitehorse ist jedoch erheblich. Die Temperaturen in Whitehorse können im Winter auf -52° Celsius sinken und im Sommer auf +34° Celsius steigen. Der erste Frost kommt im August. Erst im Juni steigt das Thermometer wieder über die Null-Marke. Die frostfreie Zeit macht im Durchschnitt nur 82 Tage aus.
Auf dem "Alaska Highway" und der "Canol Road" ging es am Morgen des 5. Juli 1994 von Whithorse zu dem 250 Kilomtern entfernten "Quiet Lake".Dort begann unsere zweiwöchige Kanufahrt.
Beide oben genannten Straßen verdanken ihr Entstehen dem Zweiten Weltkrieg. Auf ihnen sollten Öl und andere kriegswichtige Stoffe an die Front gebracht werden. Ohne den Krieg - bekanntlich dem "Vater aller Dinge" -, wäre der See wohl terra incognita geblieben.
Unsere Gruppe bestand aus 6 Mann, davon 3 weiblichen Geschlechts, und einem Reisebegleiter. Eine zweite gleichstarke Gruppe folgte uns am nächsten Tage.
Den Namen "Quiet Lake" erhielt der See im Jahre 1887 von John Mc Cormack, einem Goldgräber aus Neu Braunschweig. Er hatte sich auf der Suche nach Gold mit seinen drei Begleitern zuerst den Yukon und dann den großen Lachsfluß hinaufbegeben. Sollten die Männer tatsächlich wochenlang gegen die heftige Strömung des Flusses angekämpft haben, dann müssen sie das ruhige Wasser des Sees am Ende ihrer Reise als sehr wohltuend empfunden haben. Möglicherweise ist die Schar aber auch den noch vereisten Fluß hinauf marschiert. Dies erscheint jedenfalls eher möglich als ein Boot stromaufwärts zu bugsieren - beladen mit Proviant und Ausrüstung für ein Jahr und länger.
In der Sprache der Schoschonen heißt der See "Chú la", d. h. "Ende des Wassers"; ein sehr treffender Name. Hier am "Ende des Wassers", findet auch die lange Reise der pazifischen Lachse ihr Ende, sofern sie die über 3000 Kilometer lange Strecke von der Mündung des Yukon in die Beringsee - etwa gegenüber der sibirischen Tschuktschenhalbinsel - bis zu den Laichgründen des "Chú la" oder "Quiet Lake" überleben.
Man nimmt übrigens an, daß der Lachs, sobald er die Beringsee verläßt, keine Nahrung mehr zu sich nimmt, so daß das Fleisch mit der Zeit mürbe wird und sein Verzehr schließlich nur noch den Bären Vergnügen bereitet.
Wegen der Länge der Strecke gelangen die Lachse, wenn überhaupt, dann erst im August in den "Salmon River" und "Quiet Lake", so daß wir lediglich Äschen, von den Kanadiern "arctic grayling" genannt, fingen. Sie können eineinhalb Pfund schwer und einen Dreiviertelmeter lang werden und schmecken vorzüglich.
Trotz seines Namens ist der See nicht ungefährlich. Er erstreckt sich auf einer Länge von 30 Kilometern von Nord nach Süd, so daß bei Wind die Wellen recht hoch werden können. Dazu kommt, daß man nur an wenigen Stellen anlegen kann und daß offene Kanus im Gegensatz zu Faltbooten und Kajaks schnell vollschlagen können.
Da unser Boot neben Proviant für zwei Wochen auch noch Feuerholz geladen hatte, war sein Tiefgang beträchtlich. So kam es, daß beim Anlegen die Wellen überschwappten und meine Frau sehr ungehalten wurde. Ein Nieselregen verstärkte ihren Mißmut. Zum Glück kam am zweiten Tag die Sonne durch, so daß die nassen Sachen trocknen konnten.
Unser zweiter Ratsplatz befand sich am Übergang des Großen Lachssees in den Großen Lachsfluß. Dort hatte ein Deutscher namens Franz Six seine komfortable Hütte nebst bärensicherem Provianthaus gebaut. Sie darf seit dessen Tode von Wasserwanderern benutzt werden. Obwohl nunmehr herrenlos, fanden wir sie sauber und unversehrt vor. Auch andernorts fanden wir, daß jeder bemüht ist, seinen Rastplatz so zu verlassen, wie er ihn vorgefunden hat und lieber etwas mehr Feuerholz zurückläßt als sein Vorgänger.
Wohl weil alle Fische, die aus der hinter uns liegenden Seenkette flußabwärts wollen, an der Anlegestelle des Franz Six selig vorbeimußten, war das Angeln sehr ergiebig.
Außer besagten Äschen schwammen hier noch Seeasaiblinge oder "Arctic Trouts" und kanadische Hechte oder "Northern Pikes" vorbei.
Aufgrund einer Fehlinformation warfen wir allerdings alle Fische von weniger als 17 inches Länge wieder in ihr Element zurück.
Später erfuhren wir, daß es genau umgekehrt richtig gewesen wäre. Nicht die - relativ kleinen - Jungfische sollten geschont werden, sondern die meist über 17 inches = 42 cm langen trächtigen Fische.
Wieder einmal bestätigte sich bei dieser Gelegenheit meine Erfahrung, nach Möglichkeit nie Eingeborene zu befragen. Sie wollen sich wichtig tun, wollen dem Fremden Angst einjagen oder ihn an der Nase herumführen. Oft schwindeln sie auch um, eigenes Unwissen zu verbergen.
Am nächsten Tage, Donnerstag, den 7. Juli, sollte eine größere Strecke auf dem großen Lachsfluß, die Schoschonen nennen ihn Gyó (Lachs) Cho (groß) Chú (Wasser), zurückgelegt werden. Daraus wurde aber nichts. Eines unserer Boote stieß etwa zwei Kilometer unterhalb der Franz-Six-Hütte gegen einen "Sweeper". Das sind durch die Erosion des Ufers in das Wasser gestürzte Bäume. Gibt man nicht acht, dann wird man leicht mit scheinbar magischer Kraft auf sie zugetrieben, da die "Sweeper" oder "Wischer" meist am Prellhang liegen; d.h. genau da, wo das Wasser und damit das Boot hinwill.
Dann ging alles blitzschnell. Das Kanu kippte um und trieb nebst Paddeln kieloben stromabwärts; Manfred, einer der zwei Insassen, versuchte, das Boot schwimmend einzuholen, und war im Nu hinter einer Flußbiegung verschwunden, Günther, unser in Europa geborener kanadischer Reisebegleiter, paddelte aus Leibeskräften hirtendrein, Ellen, Manfreds Tochter, klammerte sich an den "Sweeper". Ich zog mich aus, um über den Fluß zu schwimmen. Ellen mußte so schnell wie möglich aus ihrer mißlichen Lage befreit werden, um eine drohende Unterkühlung zu verhindern.
Zum Glück war das Kanu nebst - fest verzurrtem - Inhalt an einem etwa einen Kilometer flußabwärts entstandenen "log jam" hängengeblieben. So nennen die Kanadier eine Barriere aus Treibholz, die den Flußlauf zur Gänze oder zum Teil versperrt. Eien solche Barriere kann Menschen oder Booten schnell zum Verhängnis werden, kann aber auch, wie in unserem Fall, segensreich wirken.
Dank des "log jam" hatten wir lediglich den Verlust zweier Paddel und einiger Kleidungsstücke zu beklagen. Da wir Reservepaddel und Ersatzregenzeug hatten, war der Verlust nicht "kriegsentscheidend". Auch schien dies Sonne, so daß keiner erkrankte und das Material trocknen konnte, soweit es nicht in den wasserdichten Tonnen war und deswegen keinen Schaden genommen hatte.
Der Rücktransport und das Instandsetzen des havarierten Bootes und seines Inhalts nahm längere Zeit in Anspruch. Auch wollte unser Reisebegleiter die Ankunft der zweiten Gruppe abwarten, um weitere Risiken nach Möglichkeit zu vermeiden oder zu verringern. Jedes weitere Kentern hätte zudem unseren Zeitplan gefährdet.
Wären wir nicht in der vorgegebenen Zeit am Ziel eingetroffen, wäre eine teure Rettungsaktion inganggesetzt worden.
Die zweite Gruppe indessen, sie kam nicht. Einer der sechs Männer hatte gleich am ersten Tage einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Andere gesundheitliche Schwierigkeiten kamen wohl hinzu, so daß er über den "Quiet Lake" zurücktransportiert werden mußte, solange noch Zeit war.
Eine Umkehr auf dem Großen Lachsfluß wäre wegen der starken Strömung unmöglich gewesen; es ist ein "river of no return". So kam es, daß wir die nunmehr auf fünf Mann nebst Reisebegleiter geschrumpfte Gruppe erst gegen Ende der Fahrt, am 13. Juli, an der North Fork, dem Zusammenfluß von Großem Lachsfluß mit dem "Ene Chú", und - wegen mehrerer Havarien -, in zwar fröhlichem, aber arg ramponierten Zustand wiedersahen.
Während wir auf die zweite Gruppe warteten, kenterten noch weitere Europäer einer anderen Gruppe an der nämlichen Unglücksstelle - etwa am Zusammenfluß von Großem Lachsfluß mit dem goldhaltigen "Scarvy Creek" oder Skorbutbach.
Das bewog unseren dritten Mann, ein Hüne aus dem Schwabenland, sich einem Japaner aus Hiroshima, von Beruf Reisbauer, wie er sagte, anzuvertrauen.
Der Japaner machte auf ihn einen erfahrenen Eindruck und verfügte zudem über exzellentes Gerät. Uli fürchtete die zwei vor uns liegenden Stromschnellen und wollte sie lieber mit dem Reisbauern als mit Brigitta, seiner Bootsgefährtin, befahren. Sodann, etwa eine halbe Tagesreise stromabwärts, wollte er auf uns warten.
Diese "Fahnenflucht" blieb nicht ungesühnt. Weil sich aus besagten Gründen unsere Abreise verzögerte, mußte der vorsichtige Schwabe zwei Nächte ohne Proviant nur mit einer Schwimmweste als Schutz vor Moskitos, nächtlicher Kühle und Regen auf einer Sandbank hinter den Stromschnellen ausharren; der Mann aus Hiroshima war mitsamt Ausrüstung und Verpflegung vereinbarungsgemäß weitergefahren, nachdem er seinen Schützling ausgesetzt hatte.
Als wir schließlich kamen, war Uli drauf und dran, seinen eigenen Urin zu trinken. Das Flußwasser hatte er nicht zu trinken gewagt, und zwar aus Angst vor dem angeblich Durchfall und zuweilen Tod verursachenden "Biberfieber", auch "giardiasis" genannt. Diese Erkrankung wird verursacht durch einen Parasiten namens Giardia Lamblia, der in den Ausscheidungen des Bibers und anderer Säugetiere vorkommen soll. Später versicherte uns ein Jäger und Goldgräber, der seinen Durst oft mehrere Tage mit Flußwasser gestillt hatte, daß alles Unfug sei.
Der Mensch neigt nun einmal dazu - vor allem in fremden Ländern -, Gruselgeschichten Glauben zu schenken, je schauriger desto bereitwilliger.
Ähnlich verhält es sich mit den von den Bären angeblich ausgehenden Gefahren. Schon am Chikoot Pass waren uns Leute aufgefallen, die teils mit Glöckchen und teils mit Trillerpfeifen bewehrt waren. Mit diesen Musikinstrumenten sollten die Bären gewarnt werden, auf daß sie nicht, von Wanderern überrascht, aggressiv reagieren.
Nun haben Bären ein sehr gutes Gehör und einen noch besseren Geruchssinn. Deshalb erscheinen derartige Kautelen übertrieben. Auch gibt es in der freien Wildbahn so wenig Großwild, daß die Wahrscheinlichkeit, eines Bären, Elches oder Wolfes ansichtig zu werden, leider sehr gering ist. Wir sahen jedenfalls auf einer Strecke von fast 1000 Kilometern nur einmal, in der Nähe des nach "Inuvik" führenden "Dempster Highway" eine Schwarzbärin mit zwei Jungen. Ein andermal stellte sich ein von mir am Straßenrand ausgemachter Bär als Neufundländer heraus.
Zur Verunsicherung trägt wohl auch bei, daß die kanadischen Fremdenverkehrsbüros in großer Stückzahl eine Schrift verteilen mit dem hübschen Titel: "You are in bear country" und, ob des strikt eingehaltenen Gebots der Zweisprachigkeit: "Vous êtes au pays des ours".
Darin wird geraten, bei Attacken von Grislys (Ursus arctos horribilis) auf genügend hohe Bäume zu retirieren (ein Grisly wird
bis zu vier Meter lang!) oder sich zusammenzurollen. Dagegen soll man bei Attacken von Schwarzbären (Ursus americanus) nicht auf Bäume klettern - im Gegensatz zum Graubären gilt der Schwarzbär als guter Kletterer; vielmehr soll man den Angriff zurückschlagen. Mich bewegte die Frage, was, einen ausreichend hohen Baum gefunden habend, zu tun sei, wenn der Verfolger sich als munter hinter mir herkletternder Schwarzbär erweisen sollte.
Auch der Rat, sich beim Angriff eines Grislys wie ein Igel zu verhalten, bei einem angreifenden Schwarzbär jedoch zum Gegenangriff überzugehen, kann Irritationen verursachen; zum einen weil der Mensch im Gegensatz zum Igel keine Stacheln hat; zum anderen, weil in der Dämmerung oder im Morgengrauen die Farben Schwarz und Grau nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind.
Nachdem sich unser ausgesetzter Robinson ausreichend gelabt hatte, setzten wir die Reise fort, um am Schafsbach - 60 Kilometer von unserem Ausgangspunkt am "Quiet Lake" entfernt -, zu übernachten.
Der nächste Bach, an dem wir rasteten, hatte noch keinen Namen, deshalb tauften wir ihn "Hermann Creek". Wenn überhaupt, dann zieht jedoch die Royal Canadian Geographical Society entsprechende Vorschläge erst nach dem Tod des präsumptiven Namensgebers in Erwägung - ganz so wie dies auch der Vatikan bei den Heiligsprechungen handhabt.
Am 12. Juli, einem Dienstag, floß bei Kilometer 174 an der "South Fork" der gleichfalls goldhaltige "South Big Salmon River" zu. Das bis dahin enge Tal weitete sich. Der nur noch 1.500 Meter
Höhe erreichende Seminof Höhenzug auf Backbord ließ die Sonne länger scheinen, so daß man gegen Mitternacht noch im Zelt lesen konnte.
Am Donnerstag, dem 14. Juli, erreichten wir nach einer Fahrt von 235 Kilometern den Yukon. Er macht seinem Namen (Chú-kon = großes Wasser) alle Ehre.
Am Zusammenfluß des Großen Lachsflusses mit dem Yukon befinden sich mehrere Blockhäuser nebst Friedhof. Sowohl die Siedlung als auch der Friedhof sollen indianischen Ursprungs sein und den Namen Gyò Chú Dachäk tragen, was soviel wie Lachswassermund bedeuten soll.
Allerdings kamen mir die kleinen Holzhäuschen des Friedhofs nebst putzigem Zaun recht europäisch vor - ebenso wie die massiven Blockhäuser.
Die einzigen verbliebenen Bewohner von "Big Salmon Village" oder "Lachwassermund" waren recht neugierige Erdhörnchen. Ansonsten sahen wir außer einigen Weißkopfseeadlern, Bibern, Raben und Enten kaum Tiere, sofern man von Stechmücken und Pferdebremsen absieht.
Die Kanadier benutzen übrigens einen vorzüglichen Mückenschutz - Mosol genannt; allerdings darf das Zeug nicht mit dem Anorak in Berührung kommen, sonst gibt es ein Loch.
Glücklicherweise hält sich die Zahl der Mücken an schnell fließenden Gewässern in Grenzen. Schlimm soll es nördlich des Polarkreises sein. Dort gibt es im Sommer viele stehende Gewässer.
Zur Zeit des "gold rush" war der Yukon eine der am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt. Allein im Mai des Jahres 1898 wurden 4.735 Fahrzeuge gezählt, die, von Whitehorse kommend, nach Dawson City unterwegs waren. Ein Jahr später befuhren - neben Tausenden von Eigenbauten - 60 Raddampfer, 8 Schlepper und 20 Lastkähne den Fluß.
Heute ist der Yukon wieder so, wie vor dem "gold rush". Nur sitzen in den Kanus, die hier und dort zu sehen sind, und die vor den mächtigen bis zu 100 Metern hohen Steilufern des Yukon wie kleinen Punkte wirken, nicht mehr Indianer und jene Europäer, die es reizte, unbekannte Gebiete zu erforschen und die sich stark genug fühlten, die Gefahren und Entbehrungen, die sie im hohen Norden erwarteten, als Herausforderung zu empfinden.
Vielmehr sitzen in den Kanus heute vor allem Urlauber aus Deutschland. Wie es heißt, haben Amerikaner zumeist weder den langen Urlaub noch das für derartige Exkursionen erforderliche Geld; dazu kommt, daß das Wasserwandern eine lange Tradition in Europa hat. Nicht zufällig wurde das Faltboot in Deutschland erfunden.
Wir waren froh, am breiten Yukon zu lagern. Dort, wo wir herkamen, verfinsterten die Rauchwolken eines Waldbrandes den Himmel. Bei Gefahr hätten wir schnell am anderen Ufer des Stroms Schutz suchen können.
Die verbleibende Strecke von 120 Kilometern Länge bis Carmacks, der Endstation unserer Kanufahrt, legten wir in zwei Tagen zurück, da der Yukon schnell fließt.
Wir passierten die Reste eines Baggers, "Cyr´s Dredge" genannt, mit dem im Jahre 1940 für 2.000 Dollar Goldstaub aus dem Sand des Yukon gewonnen wurde. Die Installation des Geräts soll 10.000 Dollar gekostet haben. Vermutlich deshalb wurde der Betrieb nach einem Sommer eingestellt und wird wohl nie mehr aufgenommen werden.
Erwähnenswert erscheint des weiteren, daß man an vielen Stellen den Kies auf dem Grunde des Flusses rollen hört. Ein Phänomen, das ich in Europa lediglich auf der Donau zwischen Linz und Wien erlebte.
In der Nähe des "Little Salmon Village" errichteten wir unsere Zelte zum vorletzten Mal; es soll die älteste Indianersiedlung am Oberen Yukon sein und ist immer noch oder schon wieder bewohnt. Die Zahl der Indianer in Kanada nimmt rasch zu und macht schon 21% der Bevölkerung aus. Zumeist gehören sie dem Stamme der Athabasken an.
In der Sprache der Chilkoot soll die Siedlung Gluck-Sae heißen.
Auch hier gibt es einen Indianerfriedhof, der aber mehr einer Melange aus Schrebergarten und Abenteuerspielplatz gleicht. Von hier führte ehemals ein Pfad über den Chilkoot-Pass nach Skagway, den die Indianer zur Beförderung ihrer Jagd- und Handelsbeute benutzt haben sollen.
Kurz vor Carmacks passierten wir den steuerbords liegenden Columbiasumpf; Hier ereignete sich im Jahre 1906 ein des Erzählens werter Unfall:
Die Columbia war auf ihrer letzten Fahrt vor Wintereinbruch von Whitehorse nach Dawson City; beladen mit Vieh und drei Tonnen Schwarzpulver für die dortigen Minen. Ein Heizer namens Morgan versuchte, was streng verboten war, von Deck aus auf Wildgänse zu schießen. Er stolperte und der Schuß ging in den Laderaum. Sechs Mann und eine unbekannte Zahl Rinder verloren bei der nachfolgenden Explosion des Dampfers ihr Leben.
Bald darauf wurde Whitehorse anstelle von Dawson City Hauptstadt des Yukon Territoriums, das mit einer Fläche von 556.000 Quadratkilometern in etwa die Größe hat, die Deutschland vor dem
Ersten Weltkrieg besaß, aber von nur 30.000 Menschen bewohnt wird. Heute fahren auf dem Wasserwege lediglich Kanus nach Carmacks oder Dawson City.
Das Dorf oder Städtchen Carmacks ist benannt nach George Washington Carmacks. Zusammen mit seinem indianischen Schwager Targish Charlie und Skookum Jim entdeckte er am 17. August 1896 im Kaninchenbach faustgroße Goldklumpen. Der in den Klondike fließende Bach erhielt daraufhin den wohl attraktiveren Namen "Bonanza Creek".
Die Goldfunde sollen darauf zurückzuführen sein, daß an dieser Stelle, ähnlich wie in Ostafrika, durch den Zusammenstoß zweier Kontinentalplatten ein Graben entstanden ist.
Kurz darauf wurde der am Zusammenfluß von Yukon und Klondike gelegene Ort mit dem Namen Dawson zu einer Stadt von 50.000 Einwohnern. Über 10.000 Zelte wurden errichtet. Ein Zelt kostete bis zu 400 Dollar Monatsmiete.
Heute gleicht Dawson einer jener Hollywood-Wildweststädte; nur, sind "Saloon",
Bank und "Boarding House", keine Kulissen, sondern echt, auch wenn sie wegen des nach 2-3 Fuß Tiefe beginnenden Permafrostbodens vielfach etwas "windschief" dastehen.
Man kann das kürzlich anhand des Claims Register entdeckte Blockhaus von Jack London besichtigen und man kann die "Can Can Night Show" der Diamantzahn-Gertie besuchen. "Diamond Tooth Gertie's Gambling Hall" ist sowohl der nördlichste Spielsalon Amerikas als auch der einzig legale Kanadas.
Ferner kann man mittels einer Pfanne Gold waschen - tatsächlich ist der Boden am "Bonanza" alias "Rabbit Creek" noch immer voller Goldstaub. Allerdings kommt man mit dieser Methode nur auf einen Stundenlohn von etwa 50 Pfennigen.
Bis 1959 arbeitete im Bonanzaabschnitt noch ein jetzt stillgelegter Schwimmbagger. Er hat eine Höhe von 8 Stockwerken und ist fast so lang wie ein Fußballfeld.
Schließlich kann man für 5 Dollar Mitglied des "Sauerzehclubs" werden. Sie sind zu zahlen an Kapitän i.R. Dick Stevenson, aus Neu Braunschweig gebürtig und "Flußratte" genannt. Mit dem Club hat es folgende Bewandtnis:
Ein glückloser Goldgräber hatte umgesattelt auf den Transport von Rum nach Alaska per Hundeschlitten. Bei einer seiner Fahrten erfror ihm die große Zehe. Um den brandig gewordenen Fuß zu retten, hackte er diesen Zeh ab und pökelte ihn vermittels eines Teils des ihm anvertrauten Rums in einen Topf. Gleichwohl starb er am Wundbrand. "Captain River Rat" fand den Verblichenen nebst dem in Rum gepökelten Zeh. Den Leichnam ließ der Schnöde liegen, den Rumtopf nahm er mit und kreierte den "sourtoe Cocktail" Wer dieses Gebräu trinkt und dabei den inzwischen schwarz gewordenen oder schon immer schwarz gewesenen Zeh berührt, wird von Cpt. Dick in den "sourtoe Cocktail Club" aufgenommen und erhält die Bescheinigung "to be a person capable of almost anything".
Bis zu unserer Ankunft am 19. Juli 1994 hatte der Club bereits 11.875 Mitglieder.
Möglicherweise tragen solche Anekdoten mit bei zu der Heimatliebe der Bewohner des Yukon Territoriums, einem alles in allem doch recht unwirtlichen Land. Es kommt jedenfalls nicht von ungefähr, daß nach dem jüngsten Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen Kanada hinsichtlich des Lebensstandards an erster Stelle liegt, wohingegen Deutschland auf Platz 11 abgesunken ist.
Von unserem Reisebegleiter verabschiedeten wir uns mit folgenden Worten:
"We came from old Germany
to the sunny Yukon Territory.
On the Big Salmon River
we pulled like wild bees.
In the evening we executed
highly sophisticated recipes.
Irish stew and Strammer Max
Pancakes and ham with eggs.
We enjoyed the journey very much
although Manfred sometimes said:
"What a Quatsch".
Whenever you come to Germany
Günther you must visit me."
Informationen über den Autor
|
HOME
|