Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Kurische Nehrung

von: Hermann Evers

Im Juli 2002 – im Heumond , wie unsere Vorfahren diesen Monat treffend nannten -, fuhren Renate und ich auf die Kurische Nehrung.

Wir landeten neben dem Ort Nirmeseta, dem einst nördlichsten Seebad Deutschlands namens Nimmersatt. Die Reiseleiterin behauptete, der Name rühre daher, daß der jüdische Wirt des dortigen Gasthauses so gut kochte, daß seine Gäste mit dem Essen nicht aufhören wollten. Wahrscheinlicher ist, daß das karge Land einst seine Bewohner nur mehr schlecht als recht ernähren konnte.

Auf dem Weg nach Memel kamen wir an einer Windmühle vorbei; es war jedoch nicht die des nahegelegenen Fleckens Tauroggen, wo 1812 der mutige York mit dem russischen General Diebitsch die bekannte Konvention unterzeichnete. Tatsächlich erfolgte der preußische Waffenstillstand in Poscherun; aber „Mühle“ und „Tauroggen“ klingen besser. Ohne die Tat Yorks wäre Ostpreußen wohl schon damals russisch geworden.

Bald erreichten wir Memel, wo der Russe ähnlich gehaust haben muß wie im Land zwischen Memel und Nimmersatt. Nach der „Befreiung“ soll Memel nur noch 28 Einwohner gezählt haben! Die Kasernen aus der Kaiserzeit waren noch in Betrieb. Hier diente wahrscheinlich mein Urgroßvater Johann Friedrich Skaide. Er war Unteroffizier bei den LitauerUlanen. Sowohl die westlichen Alliierten als auch die Russen zogen es vor, in Königsberg etc.die Innenstädte zu vernichten. Dome, Schlösser und Universitäten wurden von ihnen nach dem Krieg ja nicht gebraucht, wohl aber Kasernen, Bahnhöfe und Häfen, die deshalb erstaunlich oft der Zerstörung entgingen.

In Nidden angekommen, waren wir von der Schönheit dieses einstigen Fischerdorfes überrascht. Wir verstanden, daß es mit Worpswede als der malerischste Winkel Deutschlands galt. Neuerdings gehört der jetzt litauische Teil der Nehrung sogar zum „Weltkulturerbe“ der UNESCO.

Unsere Unterkunft lag in Skruzdyne, auf deutsch im Ameisendorf; und zwar auf dem Schwiegermutterberg. Direkt neben uns ließ Thomas Mann, sie nennen ihn hier Thomasu Mannu, ein prächtiges Haus errichten, in dem er die Sommer der Jahre 1930 bis 1932, also bis zu seiner Emigration, verbrachte. Leider wurde sein Haus nur äußerlich mit viel Stilgefühl renoviert. Das Innere ist schauerlich möbliert und ausstaffiert.

Die zweite Berühmtheit, die hier übernachtet haben soll, ist Königin Luise. Von der Reise erschöpft und von der Niederlage der preußischen Armee bei Jena und Auerstedt bedrückt, soll sie mit ihrem Diamantring in die Fensterscheibe der Herberge geritzt haben:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

wer nie die kummervollen Nächte

auf seinem Bette weinend saß

der kennt Euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Allerdings ist diese vom Niddener Fremdenverkehrsamt verbreitete Geschichte nicht wahr ! Erstens waren die Hohenzollern zu gut erzogen, um fremde Fensterscheiben zu beschädigen und zweitens war Luise nie in Nidden; nur ihre Kinder verbrachten dort eine Nacht. Sie selbst blieb in Sarkau, weil sie kränkelte und zog es vor, später mit dem Schlitten über das vereiste Haff nach Memel zu reisen. Der "Luisenstein" in Sarkau, auf dem sie sich ausgeruht haben könnte, soll noch heute an sie erinnern, wie Surminski schreibt.

Wahr ist vielmehr, wie man beim alten Büchmann nachlesen kann, daß die Königin diese Worte während ihres Aufenthaltes auf einem Landgut bei Ortelsburg in ihr Taschenbuch schrieb, wo sie sich auf ihrer Flucht vor Napoleon vom 23. November bis zum 5.Dezember 1806 aufhielt. Übrigens wohl das letzte Mal, daß Deutsche Richtung Osten flüchteten; später ging es immer Richtung Westen, obwohl es in der „Geschichte des großen Vaterländischen Krieges“ heißt:

„Als die sowjetischen Truppen deutschen Boden betraten, riefen die Politarbeiter die Soldaten und Offiziere auf, sich gegenüber der deutschen Bevölkerung human zu zeigen, die Ehre und Würde der Sowjetmenschen zu wahren und die Vernichtung materieller Werte nicht zuzulassen“.

Sie tat gut daran, nicht den Landweg zu benutzen. Die Wege auf der Nehrung waren zu jener Zeit in einem schauderhaften Zustand:

Berittene Boten der königlichen preußisch-brandenburgischen Post brauchten für die knapp 100 Kilometer auf der Nehrung 18 Stunden; alle 6 Stunden wurden Reiter und Pferd gewechselt !

Napoleon soll seinen Soldaten nach dem Sieg bei Deutsch Eylau verboten haben, die Nehrung zu betreten; wahrscheinlich wegen des tückischen Treibsandes, in dem schon Kotzebue beinahe umgekommen wäre.

Nach dem Sieg der Deutschen über die Franzosen bei Belle Alliance oder Waterloo, wie es heute heißt (auf Seiten der Alliierten nahmen lediglich 24.000 Briten an der Schlacht teil; 110.000 waren Preußen, 36.000 Hannoveraner, Braunschweiger, Nassauer und Angehörige der „Deutschen Legion“ und 14.000 zu Österreich gehörenden Flamen, Wallonen und Holländer !) soll der Hof in Sankt Petersburg erst mit geraumer Verspätung davon Kenntnis erhalten haben. Dem Berittenen, der die Botschaft überbringen sollte, sollen beide Pferde im tückischen Mahlstrom steckengeblieben sein.

Die Ursache für dieses Phänomen ist, daß das Grundwasser an einigen Stellen so sehr auf die Nehrung drückt, daß der Sand zu schwimmen beginnt.

Noch einsamer und öder wurde die Nehrung nach der Pest des Jahres 1708. Die Pest kam vermutlich mit den Elchen, von denen es heute 70 auf der Nehrung geben soll, über das Haff – von Osten, so wie alles Unheil über die Nehrung und das Memelland von Osten kam.

Agnes Miegel dichtete über jene Zeit:

Die Frauen von Nidden standen am Strand,

über spähenden Augen die braune Hand,

und die Boote nahten in wilder Hast,

schwarze Wimpel züngelten am Mast.

Die Männer banden die Kähne fest

Und schrieen: “Drüben wütet die Pest !

In der Niederung von Heydekrug bis Schaaken

gehen die Leute in Trauerlaken!“

Da sprachen die Frauen: „Es hat nicht Not,

vor unserer Türe lauert der Tod,

jeden Tag, den uns Gott gegeben,

müssen wir ringen um unser Leben.

Die wandernde Düne ist Leides genug,

Gott wird uns verschonen, der uns schlug !“

Doch die Pest ist des Nachts gekommen

Mit den Elchen über das Haff geschwommen.

Drei Tage lang und drei Nächte lang

Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.

Am vierten Morgen, schrill und jach

Ihre Stimme im Leide brach.

Und in dem Dorf, aus Kate und Haus,

Sieben Frauen schritten heraus.

Sie schritten barfuß und tief gebückt

In schwarzen Kleidern buntgestickt.

Sie klommen die steile Düne hinan,

Schuh und Strümpfe legten sie an.

Und sie sprachen: „Düne, wir sieben

Sind allein noch übrig geblieben.

Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint,

Nicht Sohn und nicht Enkel, der uns beweint,

Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,

Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben.

Nun, weiße Düne, gib wohl acht:

Tür und Tor ist Dir aufgemacht,

In unsere Stuben wirst Du gehen,

und Hof und Schober verwehn.

Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.

Sein verödetes Haus sollst du erben,

Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben,

nun, Mütterchen , komm uns zu begraben ! –

Schlage uns still ins Leichentuch,

Du, unser Segen, einst unser Fluch .

Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh“ –

Und die Düne kam und deckte sie zu.




Informationen über den Autor















HOME