Reiseberichte:
Hermann Evers

 



Lauf in Palermo  

 

Am 21.November 2004 nahmen zwei meiner Söhne mit mir am Palermo-Marathon teil.

Mein mittlerer Sohn lief die volle Distanz, Ingo und ich die halbe. Es war seit knapp zwei Jahrzehnten das erste Mal, daß wir wieder zu Dritt liefen – wie in alten Zeiten ! Uns gefiel der Lauf so gut, daß wir im nächsten Jahr alle Drei die volle Distanz laufen wollen, und zwar beim Aphrodite-Marathon in Zypern.

 

Bei Alitalia wurde wiedermal gestreikt, sodaß uns die inoffizielle Abkürzung für diese Chaostruppe – always late in take-off and late in arrival -, voll und ganz gerechtfertigt erschien. Nur Glück im Unglück haben wir es zu verdanken, daß meine Söhne aus Berlin und München und ich aus Frankfurt am Main abfliegend, rechtzeitig zum Start in Palermo ankamen. Ein vergleichbares Chaos haben wir bisher nur bei der griechischen Olympic Aiways im Jahre 2001 erlebt – una faccia, una razza !

Nur, weil mich mein Sohn an der Politeama Garibaldi, der Haltestelle des Flughafenbusses, erwartete, kam ich in das bereits abgeschlossene Hotel !

Unseren Vorsatz, den Abend in einem Fischrestaurant am Hafen zu verbringen, mußten wir aufgeben. Zwischen Meer und Stadt hatten die Palermitaner eine Art Stadtautobahn gebaut, sodaß wir unseren Fisch auf der Piazza Marina – knapp einen Kilometer vom Meer entfernt -. essen mußten ! .

Kurz vor Mitternacht stieg Ingo an der Politeama aus dem Flughafenbus. Obwohl es regnete, saßen wir bis weit nach Mitternacht im Freien und vergnügten uns prächtig. Wir staunten über die vielen gut angezogenen, meist jungen Menschen. Sie wirkten durchweg schöner, zufriedener und gesünder als die Deutschen.

Am nächsten Morgen entschädigte uns ein Blick auf den Monte Pellegrino – Goethe bezeichnet ihn  „als das schönste Vorgebirge der Welt“ (woher diese großmäulige Landratte das wohl wußte ?) -, und auf die Stadt und die Ebene, in der sie liegt, die Conca d´Oro, die goldene Muschel, wie sie seit alters heißt, für das karge Frühstück. Wir verstanden, warum Phönizier, Griechen, Römer, Goten, Byzantiner, Sarazenen, Normannen, Deutsche, Franzosen und Spanier um diese Stadt kämpften.

Als erstes marschierten wir zu unserem ersten KHP (kultureller Höhepunkt), dem Sommersitz der normannischen Könige, la Zisa genannt – die Strahlende Al Aziz hieß sie bei den Arabern - . Nach dem Stadtplan des ADAC befindet sich dieser Königspalast in der Luftlinie ca.600 Meter von unserem Hotel entfernt. Alle, die wir fragten, rieten uns, ein Taxi oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Als wir nach knapp zwei Stunden und über 10 km Fußmarsch unser Ziel erreichten, wußten wir warum ! Früher war auf deutsche Karten Verlaß – auch das hat sich im „Neuen Deutschland“ geändert !

Zu unserem nächsten KHP, der Capella Palatina, nahmen wir entgegen den lebensgefährlichen Empfehlungen des ADAC ein Taxi.

 Anders als im ADAC-Führer angegeben, war die Kapelle jedoch geschlossen.

Mehr Glück hatten wir in der durch Walter of the Mill, dem Kanzler Rüdigers II., König beider Sizilien, errichteten Kathedrale, einst eine Moschee. Hier liegen in Porphysärgen Kaiser Heinrich VI., Kaiser Friedrich II.von Hohenstaufen und Kaiserin Konstanze von Aragon, seine Frau begraben.

Die Regierungszeit Friedrich II. von Hohenstaufen, dem „Stupor mundi“, war für Palermo und ganz Unteritalien eine goldene. Hotels, Restaurants und Straßen tragen deshalb seinen Namen. Als nach der barbarischen Hinrichtung des 15-jährigen Konradin, des letzten Hohenstaufen, durch die Franzosen,- eine Tat, die „einen Schauder des Mitleids und der Empörung im ganzen Erdenrund“ auslöst -, die kaiserlose, die schreckliche Zeit“ begann, wurde den Sizilianern bewußt, was sie verloren hatten. Wenige Jahre nach dem Tode Konradins auf dem Schaffot, am 31.März 1282, kam es zur „Sizilianischen Vesper“. Mit dem Schlachtruf : „Moranu li Francisi“, Tod den Franzosen, wurden mehr als 2000 der verhaßten Unterdrücker getötet und Sizilien so vom französischen Joch erlöst.

Mit dem Tode des „schönsten Knaben, den man nur finden kann“, wurde auch die Idee eines universalen, das Abendland umfassenden Kaiserreiches zu Grabe getragen.

„Rottet aus Namen und Leib, Samen und Sproß dieses Babyloniers“, hatte Papst Gregor IX. gegeifert. Mit dem Mord am letzten Hohenstaufen durch Karl von Anjou ging zwar der diabolische Wunsch dieses schrecklichen Menschen in Erfüllung; zugleich begann aber auch der Verfall der Päpstlichen Macht. Ohne das weltliche Schwert des Reiches wurde das geistliche Schwert Roms stumpf. Nie hat das Papsttum wieder jene Macht über das Abendland erlangt, die es einst zusammen mit den deutschen Kaisern innegehabt hatte !

Im übrigen waren in und vor der Kathedrale zu Ehren des Schutzpatrons der italienischen Streitkräfte diese in großer Zahl versammelt. Sie machten durchweg „una bella figura“ – unsere Bundeswehr hätte bei einem Vergleich schlecht abgeschnitten.

Sodann marschierten wir im strömenden Regen zum Botanischen Garten. Er war natürlich geschlossen. Der ADAC-Führer hatte ausnahmsweise keine (falschen) Öffnungszeiten genannt, hätte jedoch darauf hinweisen müssen, daß der „Oro Botanico“ am Samstag geschlossen ist-.

Auf dem Weg zum Mercato Vacciria, Palermos ältestem Markt, überquerten wir „i quattro Canti“ (die vier Kanten), den Mittelpunkt Palermos mit vier prächtigen Fassaden. In den jeweils drei Stockwerken werden die drei klassischen Stilarten der Säulen und Pilaster dargestellt (dorisch, ionisch, korinthisch).

In den Nischen des ersten Stockwerkes sind Kaiser Karl V. und die Könige Philipp II.,III. und IV. abgebildet. Auf einem anderen Standbild Karls V. ist vermerkt, daß er Herrscher über Germanien, Gallien, Afrika, Amerika etc.war. Im „Neuen Deutschland“ wäre aus Gründen der „political correctness“ ein derartiges faschistoides Monument wohl längst eingeschmolzen worden.

 

Gleich neben den Vier Kanten liegt die Piazza Pretoria mit dem gleichnamigen leicht kitschigen Brunnen. Der „Fontana Pretoria“ sprach laut ADAC schon Goethe jegliche Schönheit ab. In Wirklichkeit ist er vom „Dichterfürsten“ als „prächtiger Marmorbrunnen“ gelobt worden.

Schließlich kamen wir zum Mercato Vacciria. Ich wollte unbedingt auf dem Balkon der „Shanghai-Bar“ über dem Fischmarkt sitzen. Dem insoweit aus der Art geschlagenen Ingo war dies zu degoutant; auch vertrüge er den Fischgeruch nicht. Gleichwohl hatten wir großen Spaß und fühlten uns im angeblichen Zentrum der Mafia sicher wie in Abrahams Schoße. Es scheint, daß die unter Mussolini schon einmal liqidierte Mafia – sie lebte erst unter den amerikanischen „Befreiern“ wieder auf, die Palermo nicht nur völlig sinnlos bombardierten, sondern auch jede Menge Mafiosi made in USA mitbrachten -, nunmehr endgültig unschädlich gemacht worden ist.

 

Am Sonntag gingen wir wohlgemut an den Start. Der Regen hatte sich verzogen, die Organisation „lief wie am Schnürchen“. Da alles in kurzen Hosen und Turnhemd lief, wechselten auch wir von „lang“ auf „kurz“. Diese Entscheidung erwies sich bald als richtig.

Entgegen unserer Befürchtung ging der Lauf nicht durch Straßenschluchten, sondern über breite allerdings menschenleere Boulevards ins Grüne. Die Palermitaner sind „nachtaktiv“ und schlafen wohl deshalb am Sonntag anscheinend „bis in die Puppen“. Allerdings gab es auch später kaum Zuschauer. Ähnlich wie in Deutschland bei Beginn der Volksläufe in den 60ger Jahren halten die Sizilianer Erwachsene, die ohne zwingenden Grund rennen, wohl für geistig verwirrt. Erst recht gilt dies für rennende siebzigjährige Greise. Durch die verfallende Altstadt liefen wir nur ein kurzes Stück.

Ingo blieb die ersten 12 Kilometer bei mir. Er war dermaßen „gut drauf“, daß er, um mich zu fotografieren, rückwärts lief und von Zeit zu Zeit wie Flocki, unser übermütiger Jagdhund, in die Luft sprang. Er erreichte das Ziel strahlend und kraftvoll wie ein junger Gott und war der einzige von uns Dreien, der im Ziel eine „bella figura“ abgab.

Mein mittlerer Sohn hatte, ebenso wie ich, zu wenig trainiert und erreichte das Ziel nach 4h 45` mehr tot als lebendig. Sein Befinden hat sich wohl auch durch die berufliche Überanstrengung der letzten Jahre stark verschlechtert. Mir fiel schon am Vortag auf, daß er auf dem Weg zum Sommerpalast der Normannen so langsam war wie sonst nie.

Trotz seiner Erschöpfung war er nach kurzer Pause bereit, mit mir – Ingo war schon auf dem Weg in die Heimat -, zur Shanghai Bar zu gehen. Leider waren Bar und Markt am Sonntag geschlossen.

Am Montag fielen alle Geldautomaten der Stadt aus, sodaß wir um ein Haar unsere Hotelrechnung nicht hätten bezahlen können.

 Die verbleibende Zeit bis zum Abflug, nutzten wir, um die Capella Palatina zu besichtigen, die Hofkapelle König Rüdigers II. von Sizilien, die, wie es heißt, der Welt prunkvollste Kapelle.

Sodann wollten wir die Katakomben des Convento die Cappucini mit ihren 8000 Mumien bestaunen. Ebenso wie die Schatzkammer der Kathedrale – in ihr ist u.a. die deutsche Kaiserkrone der Konstanze von Aragon, Ehefrau Friedrich II., zu besichtigen -, war sie geschlossen – entgegen den Angaben im ADAC-Reiseführer !

Die oben abgebildete Kapelle San Cataldo sowie die ihr gegenüberliegende kleine Kirche La Matorana gefielen uns von allen Bauwerken Palermos am besten, vermutlich, weil sie seit der Zeit der Nordmänner unverändert geblieben sind und nicht durch spanischen Barock verhunzt wurden, so wie es der Kathedrale und dem Königspalast widerfuhr.

Angesichts dieser arabisch-normannischen Meisterwerke kann man sich vorstellen, daß Burlima, so nannten die Sarazenen die Stadt zu der Zeit als Allahs Sonne auch über dem Abendland aufging, diese ihnen als die prächtigste der Welt, schöner als Toledo und größer als Bagdad deuchte.

Krönender Abschluß unseres Palermoaufenthaltes war der Besuch des Archäologischen Museums. Zum ersten Mal sah ich phönizische Kunstwerke sowie eine Abbildung der Medusa.

Die Reliefs im Saal von Selinunt gefielen uns besser als die des Pergamonmuseums. Nachstehendes Relief vom Hera-Tempel in Selinunt zeigt, wie Artemis den Akteion in einen Hirsch verwandelt, den daraufhin seine eigenen Jagdhunde zerfleischen. Der Schelm hatte die Göttin heimlich beim Baden beäugt.

Ferner sahen wir eine Marmorbüste Sokrates. Mein Sohn meinte, er sei sehr gut wiedergegeben. Es blieb unklar, woher er das weiß; einige Monate zuvor hatte er, immerhin Magister der Philosophie, behauptet, es sei ungewiß, ob es den Sokrates überhaupt gegeben habe.

 

Die Büste des Sokrates im Archäologischen Museum von Palermo

Post scriptum :

 

Die Eroberung Siziliens durch die Nachkommen Tankreds von der Normandie in einem dreißig Jahre währenden Krieg hat möglicherweise das christliche Abendland gerettet. Gleiches gilt für Karl Martell, der die Sarazenen bei Tours und Poitiers schlug, für Don Juan d `Austria, der die türkische Flotte bei Lepanto vernichtete, für Polens König Johann III.Sobiéski, der den Deutschen half, die Türken vor Wien zurückzuschlagen.

Der amtierende deutsche Bundeskanzler und sein Außenminister werden möglicherweise als diejenigen in die Geschichte eingehen, die als Erste das Abendland ohne Schwert und gegen den Willen der Deutschen und der übrigen Europäer Asien und dem Islam preisgaben !

 




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