| |
Besteigung des Teide (Teneriffa)
Ich für meine Person halte die Menschen für glücklich, denen es durch ein Geschenk der Götter gegeben wurde, entweder Beschreibenswertes zu tun oder Lesenswertes zu schreiben; für die glücklichsten aber diejenigen, denen beides zuteil wurde. (Plinius d.J. Gesammelte Briefe; 6.Buch)
Bei meinem ersten Besuch der Insel Teneriffa im Jahre 1980 lag der Teide, der höchste Berg Spaniens, in Wolken. Für die Eingeborenen, die Guanchen , war der Berg, von ihnen "Guayota" genannt, der Wohnsitz des Teufels. Noch heute nennen die jetzigen Bewohner der Insel den Teide "La hija del inferno", die Tochter der Hölle. Als ich am nächsten Morgen vor das Hotel trat, sah ich die "Tochter der Hölle" in ihrer ganzen Pracht zum Greifen nahe vor mir. Ähnliches muß Hans Meyer, dem Bezwinger des Kilimandscharo, widerfahren sein, als er 1894 vor dem Berg stand. Er schrieb: "Ganz allein trohnt der Pik in seiner hohen klaren Welt, um seine Schultern wallt der weiße Hermelinmantel des frischen Schnees, und um sein altersgraues Haupt weben die Strahlen der Mittagssonne eine goldene Krone."
Homer beschreibt den Berg als "hohe Säule", die den Himmel von der Erde trennt. In der Heraklessage wird der Teide zum Riesen, namens Atlas, der vier Jungfrauen, den "Hesperiden", hilft, einen Baum mit goldenen Äpfeln zu bewachen, die am " unendlich entfernten Westgestade des Weltmeeres auf einem ästereichen Baum wachsen, gelegen im fruchtbaren Garten der Erdmutter Gäa". Möglicherweise handelt es sich hier um die goldgelben Früchte des kanarischen Erdbeerbaumes, des Arbutus canariensis.
Anhand einer eilends gekauften Landkarte ermittelte ich, daß die Entfernung in der Luftlinie lediglich 18 Kilometer betrug. Rechnete ich dazu die Höhendifferenz, kam ich auf knapp 22 Kilometer. Verdoppelte ich vorsichtshalber die Strecke wegen der Windungen der Wege, kam ich auf etwa 40 Kilometer oder höchstens 80 Kilometer für den Weg hin und zurück. Meine Bestzeit für 100 Kilometer lag bei wenig über 9 Stunden. Wenn ich um 2 Uhr startete, hätte ich bis zum Einbruch der Dunkelheit 16 Stunden Zeit. Das Vorhaben erschien also machbar. Ich hatte jedoch nicht die Unzulänglichkeit der Einheimischen in Rechnung gezogen. Alle, die ich fragte, Taxifahrer, Hotelangestellte, Touristen und Kellner erklärten,es gäbe nur einen Weg zum Teide und der führe über die Schnellstraße nach Orotava; von dort müsse der zum Teide führenden Autostraße gefolgt werden.
Wie sich das Phlegma der Eingeborenen auch auf Deutsche überträgt, wurde mir viele Jahre später bewußt, als ich meinem Tennispartner gegenüber die Tenerifen als töricht schalt, weil sie die Touristen nicht durch Schilder, Karten und Schriften darauf hinwiesen, daß man vom Meer aus auf zum Teil herrlichen Waldwegen quasi in der Fallinie und Orotava links liegenlassend-, zum Teide Nationalpark und auf den Teide selbst gelangen könne. Er bezeichnete diese Feststellung als Hirngespinst- nur weil seit 200 Jahren jedermann den Spuren Alexander von Humboldts folgt, der bekanntlich den Weg über Orotava gewählt hatte.
Die irrige Annahme sowohl der Einheimischen als auch der Touristen wird scheinbar durch die unzulänglichen Karten der Einheimischen bestätigt. Sie wiesen nur diejenigen Wege aus, die für Kraftfahrzeuge geeignet waren. Wanderwege wurden wohl deswegen nicht ausgewiesen, weil der typische Südländer nicht wandert. Man macht Ausflüge - mit Picknick möglichst in der Nähe des Wagens -, und geht anschließend ein paar Schritte; mehr zur Verdauung als zur Erbauung. Dieser Tennispartner, ehedem Major der Wehrmacht, hatte im übrigen im zweiten Weltkrieg ein des Erzählens wertes Erlebnis: Im Jahre 1943 gelang ihm mit Teilen seiner Einheit, einer Nachrichtenabteilung, der Ausbruch aus dem Kessel von Tschirskaja am Don. Kurz zuvor hatte der Russe den Nordriegel von Stalingrad durchbrochen, wo mein Bruder Siegfried fiel.
Lange Zeit marschierte die Gruppe durch Feindesland, bis sie im März 1943 nach etwa 400 km die deutschen Linien zwischen Dnjepr und Don erreichten. Kurz vor den eigenen Linien erschien über ihnen ein Fieseler Storch. Er sollte herausbekommen , ob es sich um Freund oder Feind handele. Eile war geboten. Der Befehl wurde erteilt, ein Hakenkreuz zu formieren. Der Pilot zog die richtige Schlußfolgerung. Die Männer wurden vermittels zweier Panzerspähwagen durch die eigenen Minenfelder geleitet, so daß sich die Verluste in Grenzen hielten.
Da ich wegen der Dunkelheit während der ersten Stunden meines Laufes kein Risiko eingehen konnte, mußte ich nolens volens die PKW-Route wählen. So kam es, daß ich bei der Ankunft an der auf 2300 m Höhe gelegenen Talstation der Seilbahn so erschöpft war, daß ich mit dieser auf 3500 m Höhe fuhr und lediglich die restlichen 200 Meter zum Gipfel zu Fuß zurücklegte. Vom Gipfel hatte ich einen prächtigen Blick auf die meisten der Inseln des Archipels - der insulae fortunatae der Antike.
Ich hatte jedenfalls mehr Glück als Alexander von Humboldt, dem nach langem, durch
die unzuverlässigen einheimischen Führer noch mühsamer gemachten Aufstieg kein solcher Blick vergönnt war: " Umsonst verlängerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Picos, des Momentes harrend, wo wir den ganzen Archipel der glückseligen Inseln würden übersehen können", so schrieb er vor 200 Jahren.
Allerdings sah ich nicht die legendäre San Borodon- Insel, die schon von vielen Schiffsexpeditionen vergeblich gesucht worden war. Wie es sich wirklich mit San Borodon verhielt, wußte bereits der alte Humboldt: "Wir haben oben schon bemerkt, daß die amerikanischen Früchte, welche das Meer häufig an die Küsten von Hierro und Gomera wirft, früher für Gewächse der Insel San Borodon gehalten wurden.Dieses Land, das nach der Volkssage von einem Erzbischof regiert wurde und das nach Pater Feijoos Ansicht das auf einer Nebelschicht projizierte Bild der Insel Hierro ist, wurde im 16. Jahrhundert vom König von Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zu Eroberung derselben rüstete".
Übrigens hießen die Inseln bei den Griechen nesoi makaron, d.h. Inseln des Makar oder Melkart, dem Hauptgott der Stadt Tyros, dem bedeutendsten Produktionsort für Pupurrot in der Antike. Weil der aus der Purpurschnecke gewonnene Farbstoff bald nicht mehr ausreichte, um die Nachfrage zu befriedigen, suchten die Phönizier nach einem Ersatzstoff und fanden ihn im Harz des Drachenbaumes . So kam es, daß etwa um 530 vor Christo der Admiral Hanno mit 60 Fünfzigruderern und etwa 3.000 Männern und Frauen ausgesandt wurde, um längs der westafrikanischen Küste bis etwa zur Höhe der Kanarischen Inseln Siedlungen anzulegen, um den Seeweg zu den Kanaren zu sichern.
Auf dem Rückwege hatte ich Gelegenheit, das Orotavatal von oben zu betrachten. Alexander von Humboldt bezeichnete es einst als das schönste der Welt, allenfalls vergleichbar mit dem Golf von Neapel. Heute, 200 Jahre später, fällt es schwer, die Begeisterung Humboldts nachzuempfinden. Das Tal, besser der Hang, ist inzwischen bis zum Meer zugebaut worden und hat den Liebreiz von ehedem verloren. Auch der von Humboldt gezeichnete riesige Drachenbaum - Humboldt schätzte seinen Umfang dicht über der Wurzel auf 45 Fuß -, existiert nicht mehr. Er ging im Jahre 1868 ein, nachdem er angeblich 6.000 Jahre alt geworden sein soll. Schwerlich würde heute Humboldt über das ehemalige Taoro der Guanchen schreiben: " Kein Ort der Welt scheint mir geeigneter, die Schwermut zu bannen und einem schmerzlich ergriffenen Gemüte den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa und Madeira".
In die Heimat zurückgekehrt, besorgte ich mir alsbald eine deutsche Karte von Teneriffa. Wie erwartet, ging aus ihr hervor, daß man fast in der Diretissima auf markierten Wegen den Gipfel des Teide erreichen konnte. Ich mußte daran denken, wie ein Bekannter, er hatte im Ersten Weltkrieg verschiedentlich Späh- und Stoßtrupps geführt, vor vielen Jahren erzählte, daß seine Vorstöße meist den inoffiziellen Zweck hatten, zu fouragieren. Während die Briten und Franzosen die köstlichsten Fressalien in ihren Tornistern und Unterständen hatten, gab es auf der anderen Seite meist nur Marmeladenstullen. Deshalb verspottete mein Onkel Nicola meinen Bruder Hans bei unserem gemeinsamen Besuch dieses im Elsaß wohnenden Onkels im Jahre 1939 als "Marmeladsoldat".
Dagegen sollen die Stoßtrupps der Alliierten häufig zum Ziel gehabt haben, deutsche Karten vom Kriegsgebiet zu erbeuten. In Deutschland gefertigte Karten waren wesentlich zuverlässiger als die einheimischen Kartographien.
Einige Jahre später trat ich in den ersten Stunden des Tages zu meinem zweiten Versuch an. Die Nacht war warm. Also beschloß ich, um nicht zuviel Energie zu verlieren, mich vor dem Lauf abzukühlen. Zwei Tage zuvor war das Schwimmbecken wegen einer notwendig gewordenen Ausbesserung geleert worden. Am Abend hatte man damit begonnen, das Becken wieder aufzufüllen. Allerdings hatte zu jener frühen Morgenstunde der Wasserspiegel erst eine Höhe von knapp einem Meter erreicht. Mir machte das nichts aus, weil ich sehr flach springe. Der Nachtportier und sein Adlatus wollten mich an meinem Kopfsprung hindern. Sie glaubten, ich sähe in der Dunkelheit nicht, daß das Becken noch fast leer war. Ich mußte an den diesbezüglichen Irrenwitz denken.
Nach einer knappen Stunde erreichte ich die Heide von Brezal. Ich war froh, als ich sie durchquert hatte und an den Waldrand gelangte.Um mich herum kläffte es ganz gräßlich. Zwar sind die Hunde der Südländer meist feige- wegen der vielen Schläge, die sie erhalten -, jedoch kann sich ihr Verhalten in der Meute und einem Fremden gegenüber ändern. In der einen Hand hatte ich mein Springmesser, in der anderen zwei oder drei Steine.
Am Tage wäre dies wohl eine ausreichende Bewaffnung gewesen, nicht aber des Nachts.
Übrigens heißen die Kanarischen Inseln auf deutsch " die Hundeinseln" . Wohl, weil kaum jemand gerne berichtet, daß er seinen Urlaub auf den Hundeinseln verbracht habe, ist dieser Ausdruck völlig ungebräuchlich. Zu diesem Namen kamen die Inseln durch die ehemals dort zahlreichen großen Hunde, wie Plinius berichtet. Vermutlich hielten die Guanchen die Tiere, um die vielen halbwilden Ziegen einzufangen , wie dies heute noch Brauch auf Fuerteventura ist.
Der gut markierte Wanderweg durch den Kiefernwald führte im Zickzack bis zum Portillo de las Caņadas. Von dem Hauptweg gingen zahlreiche Wirtschaftswege ab. Als mitten im Wald meine Taschenlampe versagte, war ich zur Bewegungslosigkeit verurteilt.
Wäre ich vom rechten Weg abgekommen, hätte ich mich in der ägyptischen Finsternis, die um mich herum herrschte, kaum zurechtgefunden. Also mußte ich bis zum Tagesanbruch warten. Da ich mit keinem Stillstand gerechnet hatte, fror ich in Ermangelung ausreichender Kleidung dermaßen, daß ich nur mit Mühe die Schnürsenkel meiner Läuferschuhe lösen konnte, um meine langbeinigen Läuferhosen anziehen zu
können.
Wieder einmal hatte sich meine Lebensregel Nummer " Zwo" bestätigt: "Was schiefgehen kann, geht schief." Ich nahm mit vor, in Zukunft bei derartigen nächtlichen Exkursionen stets zwei Taschenlampen mitzunehmen.
Bei El Portillo überschritt ich die Baumgrenze. Die Kanarischen Pinien, der häufigste Baum im Teidewald, wurden abgelöst durch Ginster und anderes, immer dürrer werdendes Gestrüpp. Die Einheimischen nennen die Einöde "Las Llanos del Retamo", die Ginsterwüsten.
Der Weg stieg ab El Portillo nur mäßig an, so daß ich ordentlich traben konnte und mir wieder warm wurde. Knapp 10 Kilometer lief ich jetzt durch die Caņadas del Teide, dem ehemaligen Krater des im Jahre 1789 zuletzt ausgebrochenen Vulkans. In der spanisch sprechenden Welt werden derartige mit Lava bedeckte unfruchtbare Landstriche Malpays genannt.
Knapp fünf Kilometer vor der Talstation ging ein Fußweg zur Montaņa Blanca. Ihn schlug ich ein Die Montaņa Blanca heißt so, weil sie, fast soweit das Auge reicht, von Lavaasche in Form kleiner Bimssteine bedeck ist. Im prallen Sonnenlicht wirkt dieser Belag weißlich- daher der Name. Dazu kommt, daß hier und da bis zu 10 Meter hohe Basaltblöcke aufragen.
Sie sind wohl aus dem Kraterinneren herausgeschleudert worden- die Einheimischen nennen sie "los roques".
Als ich die Montaņa Blanca erreichte, war die Sonne gerade aufgegangen. Auch bedeckte der übliche Frühnebel die Hochebene. Deshalb irritierten mich die Basaltbomben zunächst. Ich beschloß zu warten, bis die Sonne den Nebel besiegt haben würde. Als dies geschehen war, sah ich, daß der immer heller werdende Untergrund hie und da mit Obsidianen bedeckt war, einem Halbedelstein, der wohl bei großer Hitze aus Basalt entsteht.
Durch meinen erzwungenen Aufenthalt im Teidewald sowie durch mein freiwilliges Verweilen in diesem Wunder der Natur war es zu spät geworden, um den restlichen Aufstieg von noch gut 1000 Höhenmetern nebst Abstieg zum Meer vor Einbruch der Dunkelheit zu bewältigen. An einer verfallenen Unterkunft, dort gabelte sich der Weg zum Teide und der Weg zum Gipfel der Montaņa Blanca, beschloß ich umzukehren.
Auf dem Rückweg - ich befand mich bereits im Teidewald-, flog des längeren ein blauer Vogel - von Zeit zu Zeit zwitschernd - neben mir her, wohl ein Kanarienvogel. Das glänzende Blau meiner Laufjacke ähnelte dem seines Gefieders. Möglicherweise wurde er dadurch von mir angezogen. Jedenfalls hatte sich noch nie vorher ein Vogel derart merkwürdig mir gegenüber benommen.
Im Jahre 1995 fand ich Gelegenheit, das in der Montaņa Blanca Versäumte nachzuholen. Mit Renate fuhr ich von Puerto de la Cruz bis zum Fußweg, der durch die Montaņa Blanca zum Teide führt.
Immer noch, wie schon in den 70er Jahren , konnte man verschiedentlich an den Mauern lesen "Fuera los Godos". Da die Guanchen erst 7oo Jahre nach der Vertreibung der Westgoten durch die Mauren mit Spaniern in Berührung kamen, könnte dies bedeuten, daß sich die ab 1402 die Kanaren erobernden Spanier selbst noch als Goten bezeichneten.
Am Beginn des Pfades stellten wir unseren Wagen ab und machten uns auf den Weg. Bald wich die Nacht der Dämmerung. Wir erkannten die Umrisse der gewaltigen Basaltbomben.
Die Spitze des Teide war nicht , wie in den meisten Morgenstunden, in Passatwolken gehüllt. Vielmehr waren die Wolken tief unter uns und auf den Norden beschränkt. So sahen wir die Sonne über der Insel Gran Canaria, sie lag östlich unter uns, aufgehen.
In dem Maße, in dem die Sonne stieg, nahmen die Kontraste zu: Die aus Bimssteinen bestehende Vulkanasche wurde immer heller und der Basalt immer schwärzer. Hin und wieder sahen wir jetzt auch Obsidiane blitzen- allerdings längst nicht mehr so viele wie noch vor einigen Jahren.Bald erreichten wir die Reste jener Unterkunft, an der ich bei meinem zweiten Anlauf beigedreht war. Sie hatte wohl schon Humboldt als Nachtlager gedient. Er gab ihren Namen als Estancia de los Ingleses. Bis hierher konnten die Reisenden früher mit Maultieren gelangen.
Empört berichtete Humboldt:" Die Führer hatten nicht allein den Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsorge Cologans verdankten, heimlich ausgetrunken, sondern sogar die Wassergefäße zerbrochen".
Des weiteren beschwerte sich Humboldt über die Faulheit der Eingeborenen: "Sie sind träge zum Verzweifeln; sie setzen sich alle zehn Minuten nieder zum Ausruhen."
Er fährt dann fort: "Sie warfen hinter uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt hatten, weg." Diese Geschichte ist übrigens einer der wenigen " persönlichen Vorfälle", über die Humbodt in seinen Aufzeichnungen berichtet. Ansonsten gilt für ihn: "Von einer großen erhabenen Natur umgeben und lebhaft mit ihren bei jedem Schritt sich darbietenden Phänomenen beschäftigt, hat man wenig Lust, persönliche Vorfälle und kleinliche Lebensbegebenheiten in seine Tagesbücher aufzunehmen." Humboldt ist nicht der einzige, der das Arbeitsethos der Tenerifen geringschätzt. Bei den Spaniern gelten die Kanaren als "Aplantados", als "bananenhaft"- in Anspielung auf die wegen des lauen Klimas dort wachsenden Bananen.
Andererseits sind die Kanaren meist besser gebaut als die Spanier und als sonstige Europäer. Auch machen sie auf Renate einen durchweg männlichen Eindruck. Vermutlich hängt dies mit der kriegerischen Veranlagung der Guanchen zusammen. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, daß sie eine von Humboldt wie folgt beschriebene Familienstruktur hatten:
Auf Lanzarote herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der nur noch bei den Tibetanern vorkommt. Eine Frau hat mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des Familienoberhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur während des Mondumlaufes anerkannt, sofort übernahm ein anderer das Amt, und jener trat in das Hausgesinde zurück."
Gegen Mittag errechten wir bei strahlendem Sonnenschein das Rifugio de Altavista und fanden die nachfolgenden Bemerkungen Humboldt als durchaus zutreffend: " Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der Mont Blanc haben eine so große Masse, daß man die mit reichlich Pflanzenwuchs bedeckten Ebenen nur in großer Entfernung sieht. Durch seine schlanke Gestalt und seine eigenthümliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Höhen sie bieten. Man überblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren Meereshorizont.... man sieht auch die Wälder von Teneriffa und die bewohnten Küstenstriche so nahe, daß noch Umrisse und Farben in den schönsten Contrasten hervortreten".
Bis hierher kamen einstmals die besonders zähen Maultiere der " Neveros", denen diese hier das vermutlich in der nahe gelegenen Cueva de Hielo von ihnen gewonnene Eis aufluden, damit es die Mulis zu Tal bringen.
Wohl zu letzten Mal genoß ich den Blick auf die unter uns liegende Montaņa Blanca und auf Gran Canaria und freute mich darauf, vom bald erreichten Gipfel noch einmal die "Glückseligen Inseln" , die elysäischen Gefilde der Alten, überblicken zu können. Indessen: Es sollte nicht sein.
Wir erfuhren, daß der Weg zum Piton, dem Gipfel, ab der Rambleta, auf der sich die obere Seilbahnstation befindet, gesperrt war. Für viele, die nur deswegen die lange Reise unternommen hatten, um den Teide zu besteigen, eine herbe Entäuschung. Anscheinend bezogen die Wächter erst nach Ankunft der ersten Seilbahn -also gegen 9.00 Uhr -Posten. Wenn man am geschlossenen Rifugio biwakierte, konnte man vor 9.00 Uhr auf dem Gipfel sein und riskierte allenfalls eine Geldstrafe. Soweit reichte indessen unser Ehrgeiz nicht, zumal sowohl Renate als auch ich bereits oben gewesen waren. So stiegen wir nur bis zur oberen Seilbahnstation und fuhren mit der Seilbahn zurück.
Wenn auch in drei Etappen, so hatte ich doch die Strecke vom Meer bis zum Gipfel und zurück zu Fuß und zumeist im Dauerlauf zurückgelegt. Unklar blieb, warum der Teide gesperrt worden war. Jeder, den ich fragte, gab eine andere Version zu besten. Als wir zum Gipfel hochblickten, stiegen Dämpfe auf, vermutlich aus den Spalten im Gestein, den sogenannten Nasenlöchern des Gipfels, den narices del pico-; entweder waren es Schwefeldämfe oder es war verdampfendes Wasser. Uns schienen diese Dämpfe deutlich stärker zu sein als noch vor einigen Jahren. Möglicherweise hat man den Gipfel gesperrt, weil man einen erneuten Ausbruch befürchtet, dies aber nicht zuge-
ben will, um die Touristen nicht zu vertreiben. Freilich steht diese These im Widerspruch zur Aussage Meyers, der, wohl wegen der relativ niedrigen von ihm gemessenen Temperatur des aus den narices austretenden Wassers lakonisch feststellte:"Der Pik ist im Erlöschen". Auch Humboldt war zu dieser Auffassung gelangt und zwar gerade wegen der aus den Solfatara aufsteigenden Schwefeldämpfe.
Vamos a ver.
Nachtrag:
In der Ilias verheißt Proteus dem Menelaos:
"Aber dir Menelaos, du Liebling des Zeus, bestimmt das Schicksal nicht den Tod in der Rosse nährenden Argos, sondern die Götter führen dich einst an die Enden der Erde, in die elysische Flur, wo der blonde Held Rhadamanthys wohnt und ruhiges Leben immer die Menschen beseligt. Dort ist kein Schnee, kein Winterorkan, kein gießender Regen: ewig wehn die Gesäusel des leise atmenden Westens, welche der Ozean sendet, die Menschen sänftlich zu kühlen."
Informationen über den Autor
|
HOME
|